Valuta

Der Handel ist jene Alma Mater, an deren Brüsten die ganze Menschheit genährt wird.

Henry Fielding

Um die eintausend Jahre lang wurde in Leipzig auf Messen gehandelt. Auch mit Brüsten. Wenn ich ehemaligen Messegästen Glauben schenken darf, waren die Frauen der DDR für ein Paar Strumpfhosen und eine Packung Bohnenkaffee zu jeder Orgie bereit.

Merkwürdigerweise erzählen diese Anekdoten jedoch nur die alten, hässlichen, fetten Kerle. Meist einen Atemzug vor der Wehklage, dass sie sich heute nur noch zwei Wochen in thailändische Familien einmieten können. Vor zehn Jahren hätte man wohl noch die doppelte Zeit rausschlagen können. Plus Fotos, eindeutige, vastehste?!

War alles anders, früher. Auch besser. Aber nicht nur. Wir wohnten in direkter Nachbarschaft zum Messegelände, in einer jämmerlich kleinen Wohnung, vier Personen, zweieinhalb Zimmer, Klo eine Treppe tiefer. Zudem war die Mutter meines Vaters in den Westen gegangen, als Zeugin Jehovas. Also bekamen wir auf Grund unserer fehlenden politischen Zuverlässigkeit niemals Messegäste, diese sehnsüchtig erwarteten goldenen Kälber aus dem Westen. Noch nicht mal welche aus Ost-Berlin.

Beim Blöden Sven war immer jemand, deshalb war er immer mit Schokolade überversorgt, der guten, von drüben, obschon deren Wohnung genau so mickrig war wie unsere. Der Blöde Sven musste dann immer sein Zimmer räumen und zu seiner Oma ziehen, einer stocktauben Frau in einem stinkenden Haus am Ende der Welt. War dann wohl doch vielleicht so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit am Werk.

Bei aller Fairness und Nächstenliebe: Geteilt hat der Blöde Sven nie, obwohl das siebte Gebot der Jungpioniere genau das von ihm forderte: „Wir Jungpioniere sind gute Freunde und helfen einander“. Wasserdichte Regel, meint man. Aber Pustekuchen.

Also musste ich mich anderweitig versorgen. Doch weil es ein paar Pappnasen übertrieben hatten, durften wir eine Woche vor jeder Messe eine hoch offizielle Belehrung über uns ergehen lassen: „Bettelt nicht. Bleibt nicht stehen und starrt, wenn Westautos in eurer Straße parken. Klaut keine Mercedes-Sterne. Und zieht euch nicht wie die letzten Penner an. Seid bereit!“ – „Immer breit.“

Auf die Messe selbst bin ich so einfach nicht gekommen, denn hierfür musste ich mindestens 14 Jahre alt sein. Oder jemanden kennen. Aber wer kannte einen schon, wenn die Eltern Straßenbahnfahrer waren. Als Fliesenlegerkind hätte ich sicher ein- und ausgehen können wie ich wollte. Der Grund war die Furcht der Verantwortlichen, dass sich die Kinder nicht adäquat benehmen würden. Wie vorgeschoben!

Als ich alt genug dafür war, sah ich, welche Lächerlichkeit diese Regelung in sich barg. Überall roch es nach Schweiß, Bohnenkaffee und Bockwurst. Schmale Frauen eilten hektisch an ihren Ständen umher, weil dicke Männer sie permanent dazu antrieben. Erwachsene Menschen quetschten sich durch die schmalen Gänge unklimatisierter Ausstellungshallen, droschen sich an den verschiedensten Ständen um Werbeartikel, also jene Dinge, die heute ohne Umweg aus dem Briefkasten in die Altpapiertonne wandern.

Vollkommen gleich ob es sich um das Poster einer sowjetischen Drechselbank, den Aufkleber des Firmenzeichens südkoreanischer Messschieberfabrikanten oder Prospekte von LEGO handelte: Die Menge geriet in aggressive Wallung, sobald sich irgend jemand ohne Plastikbeutel am Stand zeigte.

Entweder handelte es sich um einen Konkurrenten, den es bis aufs Blut zu bekämpfen galt. Oder um einen verängstigten Standmitarbeiter, der ahnungslos von seinem kapitalistisch-imperialistischen Delegationsleiter vor die Tür geschickt wurde, um nachzusehen, ob dort die Beutelgermanen noch immer lagerten.

Den ließ man erst frei, wenn jeder sein buntes Heftchen hatte. Wir hatten ja nix. Außer Zeit.

Später zogen wir in eine größere Wohnung um und bekamen unsere eigenen Messegäste. Einer kam aus Rostock, einer aus Gera und eine aus Berlin. Um unserem Verlierertum höhnisch eine Krone aufzusetzen, brachte wirklich keiner sinnvolle Präsente mit. Das größte Gastgeschenk war ein Kulturbeutel. In Worten: Einer. Für alle. Mit Aufdruck: F L O R E N A. So fühlte ich mich auch wenig an moralische Bedenken gefesselt und spannte schamlos unter der Badezimmertür hindurch. Aber nur bei der Berlinerin.

Dann kam die Wende. Alles wurde anders, wer konnte, zog weg. Der Rest verfiel. Ein riesiger Hallenkomplex fault heute am östlichen Rand der Stadt vor sich hin. In dieser Woche beschloss die Stadt, dass die Messehallen 1 bis 3 zu Gunsten eines Möbelmarktes abgerissen werden sollen.

So bleibt alles beim Alten: Wieder werden die Erwachsenen herbei strömen, alles mit Westautos verstopfen, sich auf sinnlose Dinge konzentrieren, scharf auf Werbung sein. Und die Kinder sich fragen, was der ganze Rummel soll, wenn am Ende doch nur jeder bei Kaffee und Bockwurst schwitzt.