Schmierig

Altertumsfitness: Vor dem Verfassen des letzten Fünftels meiner Examensarbeit noch schnell im Keller das Fahrrad der Frau Liebsten repariert. Fühle mich endlich wieder nützlich, wie eine der kleinen Lokomotiven bei „Thomas“. Die Hände verströmen den Duft alter Schmiere, gegen den auch das Aroma der Handwaschpaste nicht ankommt. Je wärmer meine Finger werden, desto stärker dringt der Geist der alten Zeit in meine Nase. Ich bin wieder Schlosser, ein Zustand, den ich längst hinter mich gebracht zu haben glaubte.

Aus dem Radio knirschen Berichte über Mittelwelle in meine Kellerbox. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident will sich für eine stärkere Anbindung ländlicher Regionen an das Schienennetz der Bahn stark machen und führt dies ellenlang aus. Der Radiomensch unterbricht nicht, stattdessen sind deutlich die Schnittmarken zu hören, die das ministeriale Gestammel zu einem schnittigen Konzept verfugen. Denke: Mache dich als Journalist nie gemein mit einer Sache, auch nicht mit einer guten.

Schnitt. Trailer. Es folgt die Lehrerdebatte. Sachsen fehlen laut Angaben keine (Finanzminister) beziehungsweise 800 Lehrer (Gewerkschaft). Als die neue Kultusministerin ihre Antrittsrede hielt, hielten sich die maßgeblichen Entscheider auffällig zurück. Die Zeit dränge wohl, so die Gewerkschafter, wenn die neuen Leute nicht kommen, stünde das nächste Schuljahr auf der Kippe oder wenigstens unter massivem Personaldruck. Denke: Ich bin bereit. Nehmt mich. Nur noch ein paar Seiten skribbeln, fünf mündliche Prüfungen bestehen und ab geht’s! Doch wie immer glaube ich nicht so recht an das Glück des Marktes, denn wo der gesunde Menschenverstand von Bürokraten in die Kur geschickt wird, kommt am Ende immer etwas phänomenal Bescheuertes heraus.

Schnitt. Trailer. Vorschau aufs Fernsehprogramm. Der übliche Schmus mit der Angst. Ein Drama ohne Pathos wird da angekündigt, in dem ein kleines Mädchen am Steinwurf eines Achtjährigen stirbt und nun alle Institutionen dem Kausalitätsbedürfnis der Beteiligten frönen, nur um den Zuschauern die ewige Wahrheit des „Nichts geschieht ohne Ursache“ anzubieten, es aber in der Form des „Nichts geschieht ohne Absicht“ zu suggerieren. Es folgt eine Dokumentation über die Gefahren durch Gefahrguttransporte auf Deutschlands Straßen. Denke: Verzieht euch doch in eure Furcht. Glaubt, mit dem Abschalten des Fernsehers ist alles vorbei. Tourt emotional so richtig hoch, mit ausgekuppelter Empathie und dem öffentlich-rechtlichen Backstein auf dem Standgaspedal.

Schnitt. Trailer. Emden. Grausames, weit weg. Ein kleines Mädchen wird von einem jungen Mann getötet und wohl auch noch missbraucht. Perfidie: Der mutmaßliche Täter hatte sich bereits vor Monaten selbst wegen einschlägiger, aber noch relativ harmloser Taten angezeigt. Eine Durchsuchung fand nicht statt, und so tauchte er wieder in den Sumpf seiner Seele hinab. Höre einen Polizeigewerkschafter, der erst einmal alles aufklären will (natürlich, was sonst?); der sich nicht vorstellen kann, dass es kein Konzept gibt, welches in solchen Fällen abläuft (Menschenverstand, irgendwer?); der erst einmal alles aufklären will (Deja vú? Ach nein, bloße Wiederholung.); der den Kollegen keinen Vorwurf machen möchte (Krähe. Auge.); der Zeit braucht, um erst einmal alles aufklären zu lassen. Denke: Wer klärt die Aufklärer auf?

Leben wir tatsächlich in einer Gesellschaft, die Angst braucht, weil sie sonst das Geschenk der Freiheit nicht erträgt? Die Menschen systematisch verdummt, weil das irgendwem nutzt? Die Fehler lieber ankreidet als sie einzugestehen und damit zukünftig unwahrscheinlicher zu machen? Und: Wozu war diese kleine Schraube da, die am Ende der Reparatur übrig blieb?