Früher: Feiertag. Muss man eigentlich in diesen, unseren, rückwärtsgewandten, der Ausschüttung von Einheitsdividenten geprägten Tagen kaum noch erwähnen. Kommt aber immer gut, vor allem bei Älteren.
Heute morgen erwachte ich mit Kopfschmerzen. Draußen war es noch dunkel. Die letzten Vögel des Spätsommers. Kreischende Kinder, denen die Einsicht in den Lauf der Welt und die Notwendigkeit des Aufstehens vor sieben Uhr fehlt. Mütter, die dieses Manko mit der Steigerung der Gefechtslautstärke zu kompensieren suchen. Und dieser Schmerz, der sich aus dem Nacken über Axis und Atlas in die Stirn bohrt.
Mein Gehirn, mehr Weltenbrand als Regulator der Körperfunktionen, auf der Suche nach Halt. Um dem Hämmern zu entgehen, gleite ich ab in die Vergangenheit. Keine Gerüche oder Personen. Einzig Namen und Begriffe fallen mir ein.
Akrostichon: Ziemlich gewitzte Verschlüsselungstaktik für literarische Texte. So attraktiv die Idee, so unappetitlich der Name, der mich immer an den abfallenden Schorf zerschlagener Knie erinnert.
Skinoske: Ein Samurai, der in der Vorabendserie des zweiten Fernsehens der DDR lief. Eigentlich eine todsterbenslangweilige Angelegenheit, aber die Aggressivität des Namens vermittelte mir mehr Selbstvertrauen als ein Dobermann im Anschlag.
Zöschen: In dieser anhaltinischen Ortschaft lag der Garten meiner Großmutter. Eigentlich bestand der komplette Ort nur aus einer Gartenkolonie – voller menschlicher Dramen, wie ich später erfahren sollte – und einem Supermarkt, den man extra für die Freunde des gepflegten Swingertums in einer benachbarten LPG-Halle angesiedelt hatte.
So ähnlich kann man sich auch Frank Fischers Südharzreise vorstellen.
Man nehme einen bibliophilen Autor, der als gelernter ostdeutscher Weltbürger mit der notwendigen Skepsis den Superlativen seiner Heimat gegenüber tritt; eine Messerspitze (keinesfalls mehr!) Abscheu gegen die erbärmlich provinziellen Versuche eben dieser Heimat, sich in größerem Umfang als dem vom Weltgeist angedachten ins Rampenlicht zu rücken; sowie das Auge, Herz und Fingerspitzengefühl, um diesen Lächerlichkeiten immer noch eine kindische Liebenswürdigkeit abzugewinnen.
Klar, man könnte es sich einfach machen. Rein ins Auto, entlang der Autobahn 38 Ortschaft um Ortschaft den hiesigen Dorfdeppen ausgraben oder das größenwahnsinnige Lebensprojekt eines von Subventionen berauschten Kleinstadtbürgermeisters durch den Kakao ziehen. Aber Fischer blickt hinter die auf Hochglanz polierten Marksteine des Possenhaften, oder besser gesagt: dazwischen.
Ganz in der Nähe gibt es noch ein Haus mit Gedenkhinweis. Goethe hat zwei Monate darin gewohnt, um den Bau des Theaters zu überwachen. Sein Gedicht »Ein Gleiches« mit seinen Gipfeln und Wipfeln musste er noch selber an die Jagdhütte auf dem Kickelhahn ritzen, heute werden die »Goethe war hier«-Sprüche von offizieller Seite organisiert.
Vielleicht ist alles auch nur ein ausgeklügelter Scherz, textgewordenes Halbwissen, zu einem Buch verbastelte Wikipediavermutungen. Jemand wirft seinen Browser an, googelt geografische Begriffe, schaut sich Bilder an und vermengt alles zu einem schlaglichtwerfenden Reisebericht. Denkbar. Aber irgendwann überkommt mich das Gefühl, dass es völlig egal ist, ob diese Reise überhaupt so stattgefunden hat, überhaupt so stattgefunden haben kann. Fischers Stationenschilderungen sind riesige Leerstellen, die ich zuverlässig wie ein Pawlowscher Hund mit dem Sabber der eigenen Erinnerung befülle.
Über die B247 fahre ich außen um Leinefelde-Süd herum und wechsle auf das gegenüberliegende Ufer der A38. Dort liegt Worbis, wo es einen Alternativen Bärenpark gibt, in dem die Gehege so weitläufig sind, dass man Stunden verbringen kann, ohne ein echtes Tatzentier zu sehen. Aber oft sind ja auch die Gattungsnamen auf den Plastikschildern schon interessant genug.
Jede beschriebene Kleingkeit, sei es eine Raststätte oder die Bratwurstfrau mit ihrem überbordenden Qualitätsanspruch ist schon von mir besucht worden. Ich war schon da. Und ich erkenne mich wieder: Im wütenden Touristen, der auf seinen autofreien Sonntag beharrt; als Teil der Großfamilie, die vollkommen kohärenzbefreit einen sinnlosen Satz an den nächsten hängt und sich so der Zugehörigkeit zur “Spionageabteilung der Autobahnpolizei” verdächtig macht; oder im Opfer des Technikfanatikers, der im Zwangsarbeiterstollen seinem Blut-und-Boden-Verschwörungsfetisch nachhängt. Immer dabei: Die Eintrittskarte für dieses wahnsinnige Ostdeutschland, einig Disneyland – Preiswert und Kompetent!
Ein tolles Buch.
Und die Kopfschmerzen sind nun auch endlich weg.
Alle Zitate aus Frank Fischer: “Südharzreise”. Erschienen bei SuKuLTuR. 10 Euro.