Leipziger Schule 2011

Ich werde mich dafür einsetzen, dass die Schule ihren Sohn als „unbeschulbar“ deklariert, so dass er nicht mehr hier bleiben kann.

Mein Gegenüber nickt. Er ist der Vater des Kindes, das den Kleinstfloh jeden Tag eine Schelle verpasst; das bereits in der ersten Woche ein fremdes T-Shirt ruiniert hat; das besser nicht in die Nähe einer Schere gelangen sollte. Er nickt und ist dankbar. Ich kann nicht glauben, dass ich das gesagt habe, es zerreist mich innerlich, aber es ist das, was er will und es würde uns allen nützen. Hoffe ich.

Wir werden mit der Lehrerin reden, die Elternsprecher entsprechend einweisen und uns nochmal mit der Schulleitung in Verbindung setzen. Wenn auch andere Eltern Druck machen, bewegt sich vielleicht etwas.

Er weiß nicht mehr weiter, ebenso wenig seine Frau. Den Kindern des Hofes wurde mittlerweile unter elterlicher Strafandrohung das Spielen mit Paddy verboten, man begegnet ihnen mit Abscheu und hält das für zielführend, angemessen sogar. Ich war überhaupt der Erste, der sich direkt an sie gewandt hat. „Alle anderen rotten sich nur noch gegen uns zusammen“, meint Paddys Mutter. „Die halten uns für die letzten Assis, dabei gehen wir doch arbeiten!“. Das eine Amt schiebt die Familie an das nächste Amt weiter, zuständig sind nicht sie, sondern immer nur die anderen Stellen.

Paddy erkennt nicht, was sein Gegenüber fühlt, er kann es einfach nicht aus seiner Mimik ablesen. Wo wir Angst oder Freude ausmachen, schaut er ins Nichts, gerade so, als stünde ein leerer Schrank vor ihm. Wenn ich dabei bin, klappt das, da funktioniert er. Aber er kann ja nicht die ganze Zeit seinen Papa dabei haben…

Gibt es böse Kinder? Ich glaube nicht. Gibt es böse Menschen? Vielleicht. Aber nicht hier. Was aber sind jene Eltern, die sich als Mob gebärden und lieber heute als morgen die Fackeln anzünden und die Mistgabeln schleifen wollen? Ignorant? Das wäre zu einfach. Ratlos? Schon eher. Sie wissen nicht, was sie tun sollen, in einer Gesellschaft, die Unwissenheit mit Schande gleich setzt, die Ergebnisse sehen will. Gute belohnt, angeblich, schlechte abstraft, gnadenlos. Ein Kind ist ein Ergebnis. Und alle sind ja gleich, außer meins, das ist was Besonderes…

Wir würden ihn gerne an eine Förderschule geben. Wir sind seinerzeit sogar aus Thüringen nach Sachsen gezogen, weil es hier so etwas gibt. Paddy wurde auch ein Jahr vom Schulbesuch zurückgestellt, weil wir hofften, in der Zeit einen Platz zu bekommen. Hat aber leider nicht geklappt. Nun ist er in der normalen Grundschule, die wollen mal sehen, wie das funktioniert.

Gibt es Alternativen?

Das Jugendamt schlug vor, dass wir ihn in ein Kinderheim geben. Aber das wollen wir nicht, wer will das schon, sein Kind weggeben. Die Uniklink hat ihm eine Stoffwechselstörung im Gehirn bescheinigt, er ist also irgend so etwas wie ein hyperaktiver Autist, der in überfordernden Situationen auf Angriff umschaltet. Da reicht es schon, wenn ihn die Lehrerin aus der einen Reihe in die andere setzen will.

Wie ein Hund, denke ich die ganze Zeit dabei, leise nur, denn im Kern mag das stimmen, nach außen hin würde aber jeder den Hund in Schutz nehmen, sollte er in einer Krisensituation bissig reagieren. Da Paddy aber ein bösartiges Kind ist, kann er auf dieses Verständnis nicht hoffen.

Der Volkszorn weiß: Bösartige Kinder entstammen unfähigen Eltern. Jedoch ist der Mann, der mir hier gegenüber sitzt, in meiner Küche, auf eigenen Antrieb hin, so ganz und gar nicht unfähig. Er ist ein Kämpfer, der eigentlich nicht kämpfen will, aber trotzdem in den Ring muss, wo eine Maschine wartet, die ihn zerfleischen könnte und hinter ihm eine Menge johlt, die vor Anständigkeit und Aufrichtigkeit kaum mehr stehen kann, die Blut sehen will, weil es ihr gutes Recht sei, wie sie meint.

Sollte Paddys Vater noch ein einziges Mal wegen seines Sohnes seine Wiedereingliederungsmaßnahme verlassen müssen, verliert er den Anspruch auf ALGII wegen vermutlicher Drückebergerei. Das Amt interessiert es nicht, dass er und seine Frau wie verrückt rotieren, um die Situation unter Kontrolle zu bekommen. Sache des Schulamtes sei dies, oder des Jugendamtes, oder, oder, oder, vor allem ist da ja noch ein kleines Geschwisterkind, das ist aber in Ordnung!, sagt die Mutter, Sagt wer? frage ich, Sagen alle meint sie.

Als wir seine Mutter daheim verlassen, treffen wir P. im Hof. In der Schule macht es immer Spaß mit dir, sagt er zum Kleinstfloh.

Die wenigsten von uns haben eine Ahnung, was Druck wirklich bedeutet. Ich gehöre dazu.

(Dies ist kein fiktionaler Text. Alles ist so wahr wie traurig. Lediglich die Namen wurden aus offenliegenden Gründen verändert. Wenn Sie eine Idee hierzu haben, teilen Sie sie mir bitte mit. Danke.)

3 Lesermeinungen

  1. Ohje, was für eine traurige Geschichte.

    André · 21. September 2011, 21:17 · #

  2. Vielen Dank das Sie diese überaus traurige Geschichte mit uns geteilt haben. Ich bin auch ratlos, freue mich aber, dass das Treffen mit der Förderschullehrerin zustande kam..(hab es bei Twitter gelesen)

    Sebastian · 23. September 2011, 10:46 · #

  3. Es ist zumindest ein Anfang. Mal sehen, was sich daraus entwickelt.

    Hansi · 23. September 2011, 10:56 · #