Irgendwas mit Aufmerksamkeit

Falls Sie sich einsam fühlen, hier, im Internet, wenn es Sie nach Aufmerksamkeit dürstet oder Ihnen nur der Sinn nach etwas Beschimpfung steht, verfassen Sie doch einfach einen Artikel darüber, wie man Ihnen am Rande eines Fußballspiels beinahe auf die Fresse gegeben hätte! Seit gestern versorgt mein Besucherzähler eine kleine afrikanische Nation mit Induktionsstrom, während im Postfach ein ums andere Mal der Beweis eintrudelt, dass eine Korrelation zwischen der Relativierung von Menschenrechten, Mitgefühl und mangelnder Differenzierungsfähigkeit auf der einen, sowie defizitären Orthografie- und Grammatikkenntnissen auf der anderen Seite existiert. Tun Sie dies aber nur, wenn Sie mit den unangenehmen Folgen undifferenzierter Lektüre Ihrer Texte leben können! Ansonsten wird es wirklich unangenehm.

Und bevor ich es vergesse: Hallo, ihr oberlehrerhaften Gesellen von der Besserwisser-Fraktion! Ja, Sie, Sie meine ich! Hundertmal noch können Sie uns, die wir Fragen stellen, Missverhältnisse ansprechen oder Unbehagen ausdrücken das Rederecht absprechen, weil wir in Ihrer eigentümlichen Taxonomie ein solches nicht erlangt hätten. Nein, wir gehen nicht seit $IrgendEineZahlHierEintragen Jahrzehnten nach Leutzsch, biologische Notwendigkeiten wie Geburt und Wachstum verhinderten bisher eine Anhäufung von Anwartschaftspunkten; auch teilen wir vielleicht nicht die selben sexuellen Präferenzen wie sie, geschweige denn die politische Selbstverortung oder den Teint. Uns stand bisher auch noch nicht der Sinn nach handfesten Auseinandersetzungen rund um das wolkige Konstrukt der Vereinsehre, zur Rettung irgend welcher Fan-Ultra-Supporter-WasWeißIch-Codizes. Ebenso wenig wollen wir auch nicht die Anhänger anderer Vereine ablehnen oder gar hassen, da es andere, relevantere Dinge auf der Welt gibt, welche diese kraftraubende Geisteshaltung verdienen.

Es ist ganz leicht: Uns steht der Sinn nach entspannter Fußballatmosphäre, die von einer gentlemanhaften Konkurrenz lebt, welche auf dem Rasen nach einem Regelwerk ausgetragen wird und die nach dem Verklingen des Abpfiffs auch dort verbleibt. Das ist nicht weniger emotional als die Geburt des eigenen Kindes. Wir wollen uns über schlechte Leistungen der Spieler ärgern, wollen mit wenig kompetenten Schiedsrichtern hadern, wollen das Mistwetter, halbgare Bratwürste überteuerte Bierpreise verfluchen – aber auch mit diesen Nackenschlägen klar kommen und das beflügelnde Gefühl auskosten, welches der vernünftigen Verarbeitung dieser emotionalen Gewitterfront folgt. Wir wollen Siege sehen, große Leistungen, unschlagbar scheinende und letztlich doch bezwungene Gegner, Anstrengungen anerkennen, auch wenn sie nicht zum Sieg führten oder dem Gegner zuzurechnen sind, Ballett, Kampf, Tricks kurz: Die Seele des Fußballs. Und vielleicht einmal den Tag erleben, an dem unsere Kinder nicht mehr wissen, wozu die hohen Zäune und die Polizeihundertschaften im Stadion eigentlich da waren. Ja, an diesem Tag werden wir uns schämen, dass es all das gebraucht hat, doch auch freuen, dass es dies nun nicht mehr gibt.

Wenn der Fußball eine Abbildung gesellschaftlicher Realitäten im Kleinen ist, muss dort auch Platz für Vernunft sein, denn wenn wir uns diese von frustrierten alten Männern ohne nennenswerten Horizont oder übersteuerten jungen Männern ohne Gefühl für Angemessenheit aberkennen lassen, herrscht irgendwann eine Monokultur des Hasses. Wollt Ihr das? Ich kann mir dies nur schwer vorstellen, nicht weil ich unkreativ wäre, sondern weil ich weiß, dass Ihr euch selbst nicht ertragt, geschweige denn ein Stadion voller Menschen die euch so exakt gleichen, dass ihr sie schon bald nicht mehr ertragen werdet können!

Genießt die Vielfalt. Rechnet keine Taten gegeneinander auf, sondern geht mit jedem Fehler um, wie es kluge Menschen tun: Verantwortet sie, begeht sie nicht erneut, lernt daraus. Wir besitzen so viele Tränen nicht, um zu beweinen, was Stumpfsinn gepaart mit Stümperei dann zerstört haben werden. Und wenn ihr euch schon nicht respektieren könnt, versucht euch wenigstens zu tolerieren. Sonst brauchte es wirklich nicht mehr lange bis das nächste grün-weiße Requiem ins Haus steht.