Das blaue Notizbuch

Wir reisen nach Meißen. Einen Tag später schaue ich in meine Mitschriften.

„Gestern sitze ich im Kino, da kommt Sowieso herein“

Wahrscheinlich fällt diese Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart nur Literaturwissenschaftlern auf. Aber anders als es die schillernde Satzkonstruktion zum Auftakt vermuten lässt, langweilt der trübe Plot. Es geht um eine so genannte Freundin, ihren so genannten Neuen Freund, der wiederum der Ex-Freund der Erzählerin ist, was diese keinem der beiden zu vergeben bereit ist. Wenigstens ist das ein neues Beispiel zum ewig exemplarischen „Morgen war Weihnachten“.

Die feuchbetuchte Japanerin

Wie viel Pressfleisch (Geflügel) mit Soße (rot) passt in eine Asiatin (klein)? Antwort: Eine Menge (echt). Nach dem Verzehr wird auf Hygiene geachtet (penibel): Mit dem beigelegten Erfrischungstuch desinfiziert sie erst ihr Mobiltelefon (gründlich), dann die Hände (beide), dann den kleinen Plastikanhänger am Mobiltelefon (schnell), dann den Mund (weiter redend), dann die demontierte Oberschale des Mobiltelefons (anthrazit), dann ihr Portemonnaie (Hello Kitty). Es kann sich dabei aber auch um eines dieser exotischen Rituale des Fernen Ostens handeln.

Der sechsköpfige Protest

Eine international besetzte Gruppe Rucksackreisender mit einem Gepäckvolumen, bei dem selbst die kräftigsten Sherpas am Nanga Parbat einen satten Aufschlag verlangen würden, quetscht sich durch die engen Gänge des Regionalexpress. Keiner hat Alkohol dabei, entsprechend gereizt ist die Stimmung. Das deutschsprachige Sechstel mokiert sich. Wir bleiben hier jetzt so lange stehen, bis die alle ihre Rucksäcke vom Nachbarplatz genommen haben.

Der erfahrene Reisende weiß spätestens jetzt: Das sind Kirchentagsbesucher, protestantisch, frömmelnd, lustfeindlich, mit sich und der schlechten Welt im Reinen, beneidenswerterweise biografisch bruchfrei. Natürlich wollen alle beieinander sitzen, koste es was es wolle. Glücklicherweise fällt dem indischen Sechstel auf, dass man ja noch in der unteren Etage des Wagens nach Plätzen Ausschau halten könnte. Die Kolonne aus fair gehandelten Jack-Wolfskin-Sandalen, fair gehandelten Northface-Jacken, fair gehandelten iPods und fair gehandelten Vaude-Kraxen walzt zur Treppe, um hinab zu steigen, weg von uns.

Hallo?!

„Ja?! Hallo? Ja! Ich werde gegen… Ja! Im Zug! Ja. Ich werde gegen… Von Leipzig. Ich werde gegen 13:30 Uhr in Dresden einlaufen. Ja. Nein. Ich würde vorschlagen, ich schaffe meine Tasche weg und schl… Nein. Ja, ich habe mir hier ein PROGRAMM für den heutigen Tag schon ausgearbeitet… Ja. Ja. Nein. Aber ja. Ich schaffe dann meine Tasche weg und schließe die bei dir ein. Und dann… Ach Mensch, warte mal, du bist ja schon auf dem Messegelände und hast meine Karte dabei. Wie machen wir das denn dann? Ja. Ja. Ja. Ja. Gut, dann rufe ich den… Hallo? Haallo?!“

Zwei Minuten später.

„Ja, ich nochmal. Was? Nein. Funkloch, ganz schlechter Empfang hier… Was? GANZ SCHLECHTER EMPFA-HANG! Nein, ich werde dann meine Tasche bei dir einschließen, ich habe mir ja bereits ein PROGRAMM für heute erstellt…“

…und so weiter…

Spelunke Bahnhofsstraße

Durch die schmiedeisernen Gitter wölbt sich eine Blase aus Männerschweiß, Biergeruch und Zigarettendampf auf die Straße, heraus gepumpt von Gesang, einem Rückstoß der guten Laune, wie sie nur Alkohol um diese Uhrzeit zustande bringt. Leitkultur, hier lebt sie. Vorbilder, hier sitzen sie. Hoffnung, hier gab es sie nie.

…du bist die Schönste, die Größte, bist heilich für mich
du bist ein Engel auf Erden und das nicht nur für mich
das du noch da bist am Morgen, ich fass das einfach nicht
Ich weiß das ich dich nicht verdiene
Und dennoch… und dennoch liebst du mich…

Wenn wir an unsere Väter und Onkel denken, brauchen wir eine riesige Menge Glück, um ihre Abbilder nicht hier sitzen zu sehen. Aber wer hat das schon.

…ohohohoooooo…
und dennoch liebst du mich…
ohohohoooooo…
dennoch liebst du mich
ohohohoooooo…
und dennoch liebst du mich…
hoo…

Altstadt

Meißens Altstadt, die große Blenderin. Hier erhebt sich ein großes sächsisches Disney-Land am Ufer der Elbe, zusammengekachelt aus Fachwerk, Kopfsteinpflaster und Touristenläden.

Als Oberbürgermeister der Stadt Meißen, der Wiege Sachsens, begrüße ich Sie recht herzlich und lade Sie ein mittels Maus, Tastatur und Bildschirm unsere historische Stadt zu erkunden.

Einzig der Bahnhof hat sich noch etwas Restcharme erhalten, was wohl auch daran liegen mag, dass er weder etwas mit Porzellanherstellung noch mit der Wiege Sachsens zu tun hat.

1708: Labornotiz aus Böttgerschem Labor Geburtsurkunde des europäischen Hartporzellans

Alles sieht hier Wie aus: Wie damals. Wie bei den Wettinern. Wie im Mittelalter. Wie man sich das so halt vorstellen tut. Die Stadt ist bis auf wenige Ausnahmen eine große Referenz an den Kulturkitsch des historisch bewussten Kleinbürgertums.

Das Image der Stadt Meißen wird durch die Porzellan-Manufaktur, Dom und Albrechtsburg, den traditionellen Weinanbau sowie die Elblage geprägt. Imagefördernde Maßnahmen, wie Außenwerbung und Vermarktung der vorhandenen Potenziale, Citymanagement, Stadtmarketing und Erhöhung der Servicequalität werden weiter ausgebaut und qualifiziert. Sie sind darauf ausgerichtet, den Ansprüchen „Porzellanstadt“, „Weinstadt“ und „Genuss- und Erholungsregion“ gerecht zu werden und tragen zur Entwicklung eines Wir-Gefühls bei.

Meißen, das ist die kratzige Lamadecke und der dünne Filterkaffee auf der Kaffeefahrt in die Geschichte der Deutschen. Rückstandsfrei verkonsumierbar, das ist leicht, belastet nicht und man hat man später wenigstens was zu erzählen.

Albrechtsburg

Wir waren bereits beim ersten Blick auf Das erste Schloss Deutschlands gewarnt. Die Albrechtsburg setzt sich in einem schimmeligen Zahnpastagrau gegen den nebenan stehenden Dom ab, der deutlich ungeschminkter seiner dunklen Würde davon altert. Auf dem Vorplatz stehen vier Russen in Uniform und singen sich pathetisch das Heimweh aus dem Herzen; vielleicht ist es auch nur ein Suppenrezept, wer weiß das schon. Die Burg und die Russen verbindet das Streben nach Authentizität, doch bei beiden wird es Wunsch bleiben.

Sozial ist, was Arbeitsplätze schafft

Die Burg ist der beste Beweis, dass man es in Sachsen nur um den Preis der Selbstaufgabe zu irgendetwas bringen kann.

Kurzer historischer Abriss: Anno 929 – Burg gebaut, aber nie wirklich bewohnt, man war ja damals als Reisekönigtum ständig unterwegs; dann Verfall; um 1710 – Das Schloss wird Porzellanmanufaktur, doch die chemischen Vorgänge und der Maschinenstress lassen teilweise die Mauern und Fundamente reißen; 1870 – Durch den Deutsch-Französischen Krieg kam man zu Geld und nationalem Selbstbewusstsein, die Burg wird zum patriotischen McDonalds, einem Drive-In der Heldenwallfahrt.

Die heruntergewirtschaftete Bausubstanz wurde durch das ästhetischen Empfinden der Epoche bepinselt, daher findet man auf jedem größeren Mauerrest Riesencomics, die von der Wiegezeit der Sachsen künden. Könige, mit wallenden Bärten, unter denen sich kantige Kinne verbergen. Königinnen, die ihren Gatten darin in nichts nachstehen und zudem eine Milchleistung von 10 bis 20 Tausend Liter pro Jahr und Königin vermuten lassen. Nur die Feinde der Macht sind als dürre Männchen mit finsteren Blicken dargestellt. Und draußen singen die Russen von der Wolga. Oder Borschtsch. Wer weiß das schon…

Essen in Meißen

Die hiesige Gastronomie hat sich kollektiv dem Wucher verschrieben. Eine Portion ist kaum unter 12 Euro zu bekommen, selbst der in einer Seitenstraße gut versteckte Grieche verlangt noch 10 Euro für ein Kindergericht. Entschließen uns für eine regionale Spezialität: Döner. Essen vor Ort, in einem Raucherraum. Ausstattung: Verklebte Fenster, zwei geschmacklose Poster mit Nachtszenen am Wasserfall, einen Lautsprecher, aus dem unaufhörlich die größen Hits der Wasweißichziger bersten; eine Überwachungskamera, die auf den Lautsprecher gerichtet ist. Das fettige Dönerfleisch versucht sich gar nicht erst als vollwertiges Nahrungsmittel zu verstellen. Hoffe, dass seine Salmonellen den Kampf gegen die EHECs im Salat gewinnen, denn bei ihm helfen wenigstens noch die konservative Medikamente.

Der Trottelbot

„Achtung, Achtung, eine Durch-…-sage: Der Zug aus [unverständlich], planmäßig-…-e Abfahrt-zeit Achtzehn Uhr Neun, hat … voraussichtlich … zwanzig Mi…nu…ten Verspätung. Die S-…Bahn nach Bad Schan…dau, planmä…ßige Ab…fahrt…s…zeit Achtzehn Uhr … Acht…zehn hat voraus…sichtlich fünfzehn bis … zwanzig Minuten … Verspätung. Ich wiederhole: Der Zug aus [unverständlich], planmäßig-…-e Abfahrt-zeit Achtzehn Uhr Neun, hat … voraussichtlich … zwanzig Mi…nu…ten Verspätung. Die S-…Bahn nach Bad Schan…dau, planmä…ßige Ab…fahrt…s…zeit Achtzehn Uhr … Acht…zehn hat voraus…sichtlich fünfzehn bis … zwanzig Minuten … Verspätung!“

Lost in Coswig

Am Umsteigebahnhof sehen wir im Moment des Aussteigens einen Zug davon fahren. Besser gesagt: Unseren Zug davon fahren. „Mmmmh“, antwortet der Bahnmensch auf dem Bahnsteig auf meine Bahnfrage. Der nächste Zug? „In einer Stunde.“

Ich schmeiße meinen Rucksack in die Ecke und brülle den Bahnmenschen an, wieso habe man nicht den kleinen Moment noch warten können? Zwei Minuten, mehr hätte es nicht gebraucht, kann das denn so schwer sein? Niemand hätte sich mehr über die zwan-…-zig Mi…nuten Verspätung aufgeregt, alle wären froh, glücklich und vor allem: Auf dem Heimweg! Satelliten! Internet! Desinfizierte Mobiltelefone! Rauchzeichen! All das gibt es bereits, hätte man das hier nicht wenigstens einmal sinnstiftend einsetzen können?

„Mmmmh.“

Es reicht. Zusammen mit einer Horde volltrunkener Männertagsausflügler springe ich auf den Bahnmenschen. „In meinem nächsten Leben werde ich auch Beamter!“, schallt es hämisch unter den Dächern des Haltepunktes. Irgendwer hat den Deckel eines Tankwagens aufbekommen, Diesel stinkt uns entgegen, wir schultern den Bahnmenschen und seinen Kollegen, der mit einer Eisenstange bewaffnet auf uns losgehen wollte, von einer Mittfünfzigerin aber in die Eier bekam und auf der Stelle zusammensackte.

Es ist ein Leichtes, die beiden zappelnden Bündel nach oben zu bugsieren; unglaublich, wie reißfest Signalwesten sind. Wir schnüren unsere Opfer auf die Eisenstange, und sehen dabei wie Menschenfresser in alten Comicheften aus. Allerdings benehmen wir uns auch so, deshalb passt das schon. Während sie die Bahnmenschen immer und immer wieder in die kleine Luke tunken, singen die Besoffenen irgendetwas von der Wolga oder Borschtsch, wer weiß das schon. Irgendwo schlägt jemand rhythmisch eine Trommel. Ihr dunkler Klang droht den frühsommerlichen Abend, Einwohner flüchten verängstigt in ihre Saloons, Kinder werden von der Straße geholt. Auf dem Bahnhofsvorplatz ist kein Mensch zu sehen, als wir die Eisenstange in ihr Zentrum rammen, aufrecht, so dass ein langer Schatten auf den Bahnhof weist. Die Bahnmenschen ahnen: Es ist vorbei. Hier und jetzt erfüllt sich ihr Schicksal zum Soundtrack einer mineralöligen Verpuffung. Die Pflastersteine unter ihnen erscheinen nun ganz lieblich, wie oft sind sie achtlos über sie hinweg gestiegen, auf ihren Weg zum Bahnsteig, um „Mmmmh“ zu sagen oder Reisende mit enervierenden Durchsagen zu verwirren. Doch das ist jetzt vorbei. Die Fackel, das Licht, der Geruch…

Gut, so hätte man das auch machen können. Stattdessen waren wir Eis essen und Kaffee trinken. Übrigens: Noch nie wurde im Eiscafé Coswig so viel Clausthaler getrunken wie heute, zum Kirchentag.

Leipzig, Heimat, endlich

Wir halten fest: In jeder Gruppe Betrunkener, die an uns vorbei torkelten, kannte mindestens einer das Kartenspiel UNO. In jeder Gruppe Kirchentagsbesucher, die an uns vorbei torkelten, hatte schon mindestens einer das Kartenspiel UNO gegen seine Enkel gespielt. In jeder Runde UNO, die ich beinahe gewonnen hätte, habe ich „UNO“ zu rufen vergessen. Eine Etage tiefer versucht ein junger Mann seiner Freundin die Haare anzuzünden. Ihr fehlt ein Zahn. Es ist halb neun. Wir sind daheim.

Schön wars.