Fotografie korrumpiert. Das Netz ist voll von Bildern, ein Irrsinn, bedenkt man, dass es im Kern als Medium des Textes angelegt wurde. Viele sind belanglos, wie diese hier beispielsweise, doch bemerkt habe ich dies erst, nachdem ich mehr als 300 Tage lang eigene Bilder in den Strom gegeben habe. Nicht weil ich dachte, dass es etwas Besonderes wäre, wenn ich dies täte, oder dass der Fluss der bunten Rechtecke auch nur eine Sekunde verharren würde, sollte jemand begeistert eines meiner Fotos heraus fischen. Sondern weil sie der Unschärferelation unterliegen.

Entweder entsteht ein sattsam durchkomponiertes Bild oder ein halb blinder, halb verdeckter Schuss aus der Hüfte, verrauscht, verwackelt, unterbelichtet. Ersteres ist verlogen, denn es ist Pose. Verlogenheit muss nichts schlechtes sein, sie versteht zuweilen auch prächtig zu unterhalten, aber ein Medium der Abbildung schadet sich selbst, wenn es nach Authentizität giert, jedoch den Akt der Inszenierung dabei unterschlägt. Dass Posen zudem Haltung nicht ersetzen, ergo schnell langweilen, muss hier nicht diskutiert werden, es liegt auf der Hand. Der Wackelschuss hingegen ist sympathisch, real, aus der Situation heraus geboren und bedeutet nur dem Fotografen etwas.

Vielleicht ist der Friedhof der einzig wahre Ort zum Fotografieren. Statuen bestehen gewollt aus Pose, ihre Komposition kann dem Fotografen nicht angelastet werden. Außerdem sind sie in ihrer zur Schau gestellten Trauer emotional aufrichtiger als jeder Mensch. Auch das ist offensichtlich in einer Gesellschaft mit Entertainment-Fetisch. Wäre ich zur Ehrlichkeit gezwungen, würde ich sagen, dass die Fotografie von Menschen als Mensch mit weitem Abstand das Langweiligste ist, was zu fotografieren man mich je zwingen könnte. Menschen als Teil einer Kulisse hingegen sind wunderbare Objekte; Gegenstände einer Geschichte, die auf zwei, drei Blicke hin erzählt werden kann.
Selbstbedeutsamkeit. Vielleicht sollte man sich damit einfach zufrieden geben. Und sich in allem häufiger dem Zufall überlassen. Ja.