Plötzlich feststellen, dass es nichts mehr zu sagen gibt, dass das eigene Leben auserzählt ist, so weit vor seinem gefühlten Ende, klingt nur beim ersten Lesen erschreckend. Ich meine damit nicht mich, natürlich. Oder doch, vielleicht? Alles gute Erzählen ist schließlich immer – und hier lege ich mich fest, schmerzlich dreinschauend – ein Reden und Mutmaßen über sich selbst, über mich selbst. Alle Versuche, dies anders aussehen zu lassen, scheitern entweder an mangelnder Fertigkeit oder fehlender Bereitschaft, mir selbst diese Fiktion abzukaufen.
Auf der Grünfläche vorm Haus flattert ein Schokoladenpapier im Wind. Ein Mann schaut aus dem Fenster, er sieht das Papier nicht, nur die Welt, die es umgibt. Manchmal wäre ich gerne dieser Mann. Er scheint glücklich und ich setze das zu mir in Beziehung, so wie Sie mich mit diesem Mann in Beziehung setzen, so wie Sie mich mit dem Ich in Beziehung setzen, so wie ich mich mit allem in Beziehung setze. Und keiner weiß am Ende, was wahr ist, was Fiktion, was Ich bedeutet, ob Ich überhaupt irgendwann, irgendwo, irgendwie etwas bedeutet, oder ob Ich im Grunde nur Nicht Du! sagen will, was zwar im ersten Schritt sinnvoll erscheint, aber statt einer konkret beschreibenden Eigenschaft einen Berg von Fragezeichen aufwirft.
Wir besitzen Atombomben und regen uns über Wulff auf; hören niemandem mehr zu, haben aber zu allem eine Meinung; glauben nichts und niemandem, sind aber auf der Suche nach ethisch-moralischen Leitfiguren; kennen uns selbst nicht, dafür den Anderen ganz ganz genau. Wer glauben Sie, wer Sie sind? Ich kann mir diese Frage für mich nicht beantworten. Unfassbarer Wahnsinn, das, alles.