Jahwe, Franz und ich

Samstag, 27. Februar 2010 ~ Kommentier mich...(0) ~ Twitter mich...

Für Helene H.

Karel GottKultur, ja, Kultur wäre mal wieder was. Die Zeiten sind schlecht, die Kassen knapp, das Wetter sonnig, die Erwartungen groß, die Leere grenzenlos. Befüllen wir sie mit Kultur. Aber als Eltern ohne Eltern? Logistisch günstige Zeitpunkte sind hier seltener als gute "Wetten Dass?!"-Sendungen.

Außerdem: Vollmond. Liege im Bett, die Mitte der Nacht dräut. In meinem Kopf tobt eine Grundsatzdebatte mit Gastbeiträgen, und zwar so laut und aggressiv, dass sich meine Innere Stimme verängstigt schmollend zum ES flüchtet. Das Thema verschließt sich mir, nicht weil es sonderlich komplex wäre (Was wäre, wenn...), nein, seine ewige Wiederholung ist es, die es mir verleidet.

Was wäre, wenn es tatsächlich Gott gäbe? Müsste man sich den wie Bud Spencer vorstellen, stoisch, grummelnd, dennoch herzensgut, entschieden handelnd sobald eine bestimmte Grenze überschritten wäre? Oder eher wie eine dieser Figuren Kafkas, der ich beim Lesen immer "Eier, Junge! Zeig doch mal Eier!" entgegen schmettern möchte, ähnlich einem Fußball-Jugendtrainer, der seine Schützlinge im Grunde liebt, aber die Haare für zu lang, die Herzen für zu weich und die Eltern für zu fürsorglich befindet?

Was wäre, wenn Kafka noch lebte, grundsätzlich? Vielleicht im Haus gegenüber, da wo vor ihm das Paar wohnte, das sich lautstark über ihre Dämlichkeit bezüglich oraler Ausschweifungen (andere Geschichte) auf dem Balkon stritt? Unter ihm eine alleinstehende Mutter mit zwei Kindern, eins davon mit schwerem Logopädie-Bedarf, alle gekennzeichnet vom täglichen Ringen (römisch-dekadent) mit dem Sozialstaat? Würde er bloggen? Oder twittern? Gar darüber? Und: Käme er der Erfüllung seiner hausgemeinschaftlichen Erzpflichten (Große Hausordnung, freundliches Grüßen, wöchentliches Treppemachen, andere faschistoide Rituale menschlichen Zusammenvegetierens) nach?

Was wäre, wenn Gott beispielsweise das Salz oder, sagen wir mal, die Kaffeesahne ausginge? Würde er bei Kafka klingeln? Oder bei mir? Oder warten, bis der kleine KONSUM-Laden öffnet? Dessen Chefin jedermann in der dritten Person anspricht? Was sucht er denn? Kann ich ihm helfen? Vielleicht nicht, könnte er sich doch eine Kuh an den dreieinigen Frühstückstisch beamen, dazu Louis Pasteur und seinen Klimbim wieder erwecken und für die passende Fettstufe selbst sorgen. Weiß man ja auch nicht. Kann man nur glauben.

Was wäre, wenn Kafka und ich aber nicht daheim wären, weil wir, sagen wir mal, beide einkaufen sind? Wir stünden hintereinander neben dem schwarzen Endlosband, an der Kasse würde die überirdisch nette Frau Habakuk selbst den härtesten Brennoli mit einem freundlichen Spruch in den Frühling entlassen. Plötzlich kommen zwei Gymnasiasten herein. Sie sind auf der Suche nach... irgendwas verrucht Gymnasiastenmäßigen. Als ich nicht hinsehe, drängeln sich die Langhaarigen nach vorne und rempeln dabei Kafka an, der in seine "Elf Freunde"-Jubiläumsausgabe vertieft ist.

Und schneller als man Zipp-Zippelip-Zippelonika sagen kann, ist die friedliche Atmosphäre gekippt. Franzl schaltet in den Terminator-Modus um. "Kretins! Verkommenes Gesindel! Rangierte ich in der moralischen Nahrungskette so weit hinten wie ihr, würde ich mal ganz kleine Brötchen backen, aber ganz kleine! Vordrängen! Tststs! Zu meiner Zeit, aber hallo!"

Die Gymnasiasten, beide schätzungsweise drei Köpfe größer und mindestens doppelt so arisch wie Kafka, drehen sich um. Ausweis ihrer Bildung und Schlagfertigkeit ist ein spontan in den Verkaufsraum gerotztes Hö? Schwuchtel? Mowl?, das Franz aber nicht mehr hört, nicht mehr hören will, nicht mehr hören kann.

Wie ein Pitbull vergraben sich seine Zähne in der kleinmädchenhaft roten Jakob-Wolfhaut-Jacke des Ersten; der Zweite indes schon am Boden liegt und auf die "Elf Freunde"-Jubiläumsausgabe blutet. Als er sein Handy zücken und die Polizei verständigen will, reißt Franz ihm das EiFon aus den verrenkten Fingern, beißt es in der Mitte durch und hackt mit der scharfen Bruchkante das Gesicht des Ersten zu einem furchigen Acker.

Es war ihm egal, wie groß ein Kerl war, Franz schlug ihn immer nieder, zumindest versuchte er das bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Griff der Andere mit Fäusten an, holte er einen Knüppel; hatte der Andere ein Messer, käme er mit einer Knarre zurück; zöge der Andere eine Pistole, wäre es besser für ihn, er erwischte Franz mit dem ersten Schuss, sonst Gnade ihm Gott. Er käme wieder und wieder und wieder, bis einer von beiden sich nicht mehr rühren würde.*

Doch dann geschah das Unglaubliche. Gerade als Franz die Jakob-Wolfshaut-Jacke in den Flaschenrücknahme-Automaten stopfen wollte, damit der Gymnasiast, der kurz zuvor den selben Weg gegangen war, nicht so allein wäre, stand Gott im Laden.

Engelsgesang.

Myrrhe.

Weihrauch.

Das ganze Programm.

Ein Tsunami nicht enden wollender Güte überflutete unsere Herzen. Die Zeit stand still, der Raum krümmte sich, alles hier und jetzt war im Kassenbereich zusammengepfercht. Und Gott sprach: "Nu saach e ma Franz, bisste nisch dr Meinung, dassde grad ä bissl übberdreibst? Was habschn dir gestern gesacht? Haste das schon wieder vergessen oder was?"

"Ich soll nicht mehr so cholerisch sein?"

"Ne! Du sollst ä bissl offpassn! Dass de nisch immer im selbn Laden Bambule machst! Vor zwee Wochen der Skinhead mitm Nudeloffloof; letzte Woche den ganzn Laden leergoofn, mit drei Dutzend STERNBURG-Kästen Saufen gehn und FÄDONG fahrn; und nu das hier - Du gehst mr langsam offn Sack, eschtjezzma! Denkste isch hab nischt anderes zu tun oder was?! LAngsam versteh ich dein Vatter!"

Kafka musterte betreten den beigen Kachelfußboden. Ich schmulte. Aus meiner gebeugten Haltung der Demut sah ich, wie Frau Habakuk hinter ihrer Kasse aufstand; nein, nicht aufstand: Auffuhr! Gott und Frau Habakuk waren wesenseins! Um ihre rote Dauerwelle schwang sich ein gülden strahlender Kranz. Neben ihr schwebten zwei Flattermänner, die wie Thomas Bernhard und Terence Hill aussahen, beide zu allem entschlossen. Die linke und die rechte Hand der HERRIN.

"Pappaa... ich habe Durst!"

Der Kleinstfloh stand in der Schiebetür unseres Schlafzimmers. Erst da bemerkte ich, dass ich bereits eingeschlafen war. Ich gab dem Kind einen Schluck Apfelschorle und schickte es wieder zurück in sein Bett. Irgendwo im Hinterhof vollzogen zwei Menschen keuchend die ehelichen Pflichten.

Ich hasse Vollmondnächte.

(*Sieh, Helene, und lerne! Nehmen ist ok! Nennen Pflicht! Foto von youplayawhat)


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Dieser Beitrag stammt von der Internetseite http://www.flohbu.de und wurde am 6. Juli 2009, um 22:28 Uhr ausgedruckt. Alle Inhalte unterliegen der Creative Commons Lizenz. Es ist Ihnen gestattet, das Werk zu vervielfältigen, zu verbreiten und öffentlich zugänglich zu machen. Zu den folgenden Bedingungen: