Förderung
Donnerstag, 18. Februar 2010
Die Professorin fängt mich auf dem Weg zum Klo ab. Sie will, dass ich ins Ausland fahre.
"Das ist eine wunderbare Gelegenheit! Sommerakademie! Sie bleiben eine Woche, wohnen im Haus des Dichters D. und das alles für umgerechnet nur 50 Mark! Äh, Euro."
Ich entgegne ihr, dass mir die Zeit wie Sand durch die Finger rinnt, mein Studium dem Scheitern näher als dem Gelingen steht, von meinen familiären Verpflichtungen und der notwendigen Finanzierung einer solchen Reise einmal abgesehen.
"Ach?! Da hab ich was für sie! Hier," *zack* "YXZ-Stiftung! Fragen Sie doch mal wegen eines Stipendiums an!"
Stipendium? Also eine Förderung für hervorragende Studienleistungen? Ich? Dem unter jede Arbeit ein Fachlich naja, aber wenigstens kurzweilig zu lesen geschrieben wird?
Sie versichert mir, dass ich kaum mehr zu tun brauche, als die Bewerbung abzusenden. Um die benötigten Beurteilungen und Gutachten will sie sich kümmern. Dabei habe ich nicht eine einzige Seminarminute bei ihr verbracht, lediglich kleinere Geplänkel auf dem Gang des Instituts lassen auf eine ungefähre Äquivalenz unserer Interessensgebiete schließen.
Wie kleine Pfeile fliegen mir ihre Ausrufezeichen um die Ohren. Angetrieben von der Euphorie des Mentorentums zischen die kleinen Geschosse nach meiner Unentschlossenheit und treiben mich in eine ausweglose Situation.
Zudem könne sie noch bei einer anderen Professorin Werbung für mich machen, ja, das könnte sie. Wirklich! "Wenn es jemand verdient hat, dann SIE! Wie viele sind im Fachschaftsrat und hängen dort nutzlos bei Versammlungen ab?!" Mir wird schwindlig. "Und was sie hier für ein Taschengeld für das Institut leisten! Sie stellen sich in den Dienst einer Allgemeinheit, die es kaum angemessen zu würdigen weiß!"
Ein Jucken auf der Oberlippe lässt mich nach einem sprießenden Albert-Schweitzer-Bart tasten. Nichts zu finden. Angemessen. Würdigung. Allgemeinheit. Noch einen dieser Sätze und wir können das Licht im Zimmer löschen, weil mein Heiligenschein das komplette Viertel illuminiert.
Zum Glück fragt sie mich am Ende nach den PDF-Dateien. In diese hat ihr alter HiWi wichtige Kongresspapiere gescannt - als Grafiken. Und nun braucht sie das Ganze als DOC-Datei. Dummerweise ist sie aber mit der Handhabung eines Texterkennungsprogramms überfordert, so dass sie mir diese Aufgabe angetragen hat.
"Nein, ich bin noch nicht dazu gekommen", antworte ich ihr.
"Melden sie sich, wenn sie es soweit haben, ja? Und diesen Flyer, den können sie ja mal mitnehmen."
Sie dreht sich um, das ist mein Zeichen für den Abgang. Ich atme auf. Nicht auszudenken wie es um die XYZ-Stiftung bestellt sein müsste, wären ihre Stipendiaten tatsächlich kaum mehr als ich: Eine quer-privilegierte Fußhupe.
Die aber wenigstens einen Nerd-Job stemmen kann.
