Schmidtchen

Donnerstag, 13. August 2009 ~ Kommentier mich...(6) ~ Twitter mich...

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Es ist halb elf Uhr vormittags im Frühling 1988 und die Schule ist vorbei. Für uns zumindest. Ich gehe mit Schmidtchen nach Hause. Wir haben noch zwei Jahre bis zu unserem Abschluss, daher können wir uns unbesorgt wichtigeren Dingen widmen. Schmidtchen hat von seinem Vater einen Computer bekommen. Gebraucht zwar, dafür aus dem Westen. Und jede Menge Spiele. Heute ist es soweit! Letztes Level und dann -bumm- haben wir das Ding im Sack! Vorfreude ist die schönste Freude.

2

Schmidtchen wohnt in der sechsten Etage. Fahrstühle gibt es erst in den größeren Häusern. Ich muss jedes Mal Pausen auf dem Weg nach oben einlegen. Wir wohnen im Erdgeschoss und meine Kondition ist etwas, über das ich nicht gerne spreche. Andererseits spricht sie auch nicht gerne mit mir. Schmidtchen schafft es in weniger als zwanzig Sekunden bis zu seiner Wohnungstür. Angeblich. Wenn er damit prahlt, kratzt er sich immer an der Nasenspitze. Da weiß ich zuverlässig, dass er flunkert. 

Während ich noch in der vierten Etage herumkreuche, foppt er mich von seiner Wohnungstüre aus. Wo bleibst du denn? oder Wie lange noch? Normalerweise. Heute hält er ausnahmsweise mal die Klappe. Wasnlos, kein dummer Spruch, biste krank oder was? frage ich, als ich es endlich geschafft habe. Schmidtchen reagiert nicht. Er schaut auf die beiden Paar Schuhe vor der Wohnungstür. Vorsichtig schließt er auf.

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Alle Wohnungen im Neubaugebiet sind gleich. Die der Schmidts ist wie unsere, nur das ihnen keine Hunde direkt vor das Fenster scheißen. Neben dem Eingang befindet sich das Schlafzimmer seiner Eltern, direkt daneben sein eigenes. Unbemerktes Abhauen? Unmöglich. Als wir im Flur stehen, entdecke ich Schmidtchens Mutter. Sie kniet vor einem hosenlosen Mann, der nicht Schmidtchens Vater ist. Sie hat etwas im Mund.

Schmidtchen sieht das gleiche wie ich und ist noch immer ganz still. Eine Träne rollt über sein Gesicht. Der Mann ruft Ach du Scheiße! und sucht hektisch seine Hose. Im Kino stottern sie dann immer Es ist nicht so wie du jetzt vielleicht denkst... Doch seine Mutter sagt gar nichts. Sie schaut nur. Her zu mir. Dann zu Schmidtchen. Dann auf den Boden.

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Es ist 7 Uhr morgens. Schulanfang 1988. Schmidtchen und ich sitzen in der Klasse und warten auf die Lehrerin. Der Direktor betritt den Raum und erzählt irgendwas von Republikflucht, Vertretungslehrer und Pflichterfüllung. Als er geht, kommt der neue Lehrer. Nur wir beide kennen ihn schon.

Schmidtchen springt auf und rennt wütend hinaus. Ich überlege einen Moment. Reinlich stellt sich der Neue vor. Staatsbürgerkunde und Sport. Er spricht kurz darüber, was wir bei ihm zu erwarten haben. Ich gehe Schmidtchen hinterher. Reinlich stutzt kurz und will etwas sagen. Doch dann nickt er mir zu. Wir sind von da an seine besten Schüler. Obwohl wir zu keiner seiner Stunden erscheinen.

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Ich finde Schmidtchen. Er sitzt heulend beim Hausmeister. Vor ihm steht ein Glas Schnaps. Der Hausmeister will mich gleich wieder rausschmeissen, doch Schmidtchen sagt, dass ich sein Bruder sei und dass es in Ordnung ginge. Ich trinke auch einen und nehme ihn mit.

Wir gehen zum Bahnhof. Seit das mit seiner Mutter und Reinlich passiert ist, wohnt Schmidtchens Vater in einer anderen Stadt. Irgendwo im Westen. Manchmal bekommt er von ihm einen Brief. Wenn er Glück hat, kann er ihn lesen, bevor seine Mutter ihn abfängt.

"Sie sagt, dass er gegangen ist und uns allein gelassen hat. Dass alles seine Schuld sei."

"Aber die Briefe sind doch für dich?"

"Ihr egal. Der lügt wenn er das Maul aufmacht, sagt sie. Und dann fängt sie an zu heulen. Wir haben doch nur noch uns. Wir müssen zusammenhalten. Was soll denn sonst aus uns werden? Ich kann die Scheiße nicht mehr hören."

Wir trinken jeder eine Flasche Bier und schauen dabei den Zügen hinterher. Schmidtchen weint nicht mehr. Er ist ganz still. Und schaut.

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Schmidtchen kommt seit einer Weile nicht mehr in die Schule. Überhaupt sind viele weg. Ausgereist in den Westen. Wir bleiben hier. Unsere Verwandten, drüben, haben sich in all den Jahren einen feuchten Furz um uns gekümmert. Langweilen und verscheißern lassen können wir uns auch hier sagt Vater dann immer, wenn bekannt wird, dass jemand anderes jetzt auch weg ist. Allmählich wird es leer hier. Das hat auch seine Vorteile, so bekommen wir endlich einen Garten zugewiesen.

Meine überglücklichen Eltern schrebern seitdem, als gelte es Obst und Gemüse für die ganze Stadt anzubauen. Mir aber ist langweilig. Ich gehe zu Frau Schmidt. Die Wechselsprechanlage summt, ich schleppe mich hinauf. Das versoffene Wrack, das mal seine Mutter war, glaubt, dass er bei seinem Vater ist.

"Sie glauben?"

"Denk ich mal, ja. Und wenn schon. Ist mir auch egal. Undankbarer Wanst."

Sie bittet mich herein. Ich bin kurz davor, sie die Treppen der sechs Etagen herunterzuprügeln. Sie und der Schwanz unseres Lehrers haben mir Schmidtchen geklaut. Und nun ist er undankbar? Ich werde wutrot im Gesicht und sehe nichts mehr. Besser ich gehe.

7

Eine Ansichtskarte im Briefkasten: Komme am 13. August gegen zwölf auf dem Flughafen an. Muss Dich nochmal sehen. S. (Kanadische Marke, Luftpost)

8

Meine Tochter bringt mich zum Flughafen. Es ist 13 Uhr, als die Maschine aus Vancouver landet. Menschen strömen heraus. Ein grauer Mann kommt auf mich zu und sagt mir, dass ich mich ja gar nicht verändert habe.

"Du bist immer noch so hässlich wie früher."

"Schmidtchen?"

Der Alte nickt. Als wir uns umarmen, stoße ich an seine Umhängetasche. Ein paar dünne Schläuche baumeln heraus.

"Hier ein bisschen Krebs, da ein bisschen HIV. Die Lunge ist auch im Eimer. Ich bin so fit, wie man nur fit sein kann, wenn man mit vierzig in seine Einzelteile zerfällt. Aber sonst ist alles noch voll funktionstüchtig, wenn du verstehst."

Wie ich so neben ihm stehe, könnte man uns für Vater und Sohn halten. Er sieht wirklich erbärmlich aus. Aus seinem teuren Anzug ragen dünne Ärmchen heraus. Seine Krawatte umschlingt einen dürren Hals und in den Schuhen stecken Streichhölzer, wo bei anderen die Beine sind.

Er lacht mich mit seinem Schmidtchenlachen an. "Schau mal, da hinten, die Kleine. Früher hätte ich die noch unter dreißig Minuten klar gemacht, aber heute... Naja, man kann nicht alles haben."

Ich rufe das Mädchen heran und stelle sie ihm als meine Tochter vor. "Man kann wirklich nicht alles haben. Aber versuchen muss man es doch, oder?" Ich heule tränenlos und lache mich gleichzeitig über ihn kaputt.

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Marlene setzt uns beim Bahnhof ab. Wir gehen in ein Restaurant. Er erzählt Suppe löffelnd von damals. Wie er versucht hat, seinen Vater zu finden und wie er mit ihm nach Kanada gegangen ist. Eigene Familie? Keine Frau, keine Kinder. Zumindest keine, von denen ich weiß, du verstehst, lacht er.

Angefangen hat er bei einem Autohändler, der ihm dann den Laden vermacht hat. Ob ich mich noch an den Hausmeister erinnere. Klar. Nein, wie es seiner Mutter geht, weiß er nicht. Ich bedauere gefragt zu haben, aber er wiegelt ab, das ist vorbei, kein Thema mehr. Er kratzt sich an der Nasenspitze. Das hätte er nicht tun müssen. Ich sehe ihm das Gegenteil an.

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Wir bezahlen und gehen. Ich hätte ihm gerne noch so viel erzählt. Wie es montags hier zuging. Wie ich mich danach durchgeschlagen habe, mal hier, mal dort, und jetzt wieder hier. Wie man damals sein Haus rückgebaut hat, und dass einen Tag vorm Abriss immer noch Schmidt auf dem Klingelschild der Wechselsprechanlage stand. Wie er mir gefehlt hat. Und es noch immer tut. Aber alles was ich zu Stande bringe, ist ein halskloßiges Mach's gut und pass auf dich auf. Wir umarmen uns zum Abschied. 

"Schwuchtel."

"Selber."

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Als er fast verschwunden ist, rufe ich nochmal seinen Namen.

"Was ist?"

"Wie lange noch?"

"Nicht mehr lange."

Schmidtchen.


Kommentare
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Marcel kommentierte am 13. August 2009 um 13:08 Uhr:

Gut! Sehr gut sogar!!!
...
Uff...werde gerade sentimental!
....
Wo sind bloss die ganzen besten Freunde aus der Schulzeit geblieben? Von ein paar weiss ich es, von anderen auch, aber da ist es mir egal. Und von noch ein paar anderen habe ich seit 20 Jahren nichts mehr gehört, was mir hin und wieder leid tut.

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Hansi kommentierte am 14. August 2009 um 11:08 Uhr:

Schreib doch ein Musikstück darüber. Das wär ja mal was: Einen Soundtrack für Flash Fiction im Flohbuden-Blog...

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Ines Kretschmer kommentierte am 13. August 2009 um 19:08 Uhr:

Ich liebe Dich!
Was manchmal bleibt an Erinnerungen ist mehr als ein Licht in anderer Zukunft.

Grandioser Beitrag!

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Herr Jensen kommentierte am 13. August 2009 um 22:08 Uhr:

Ich möchte mich allen Ausführungen von Ines Kretschmer anschließen.

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Hansi kommentierte am 14. August 2009 um 11:08 Uhr:

Ich danke. Aber: Aus zuverlässiger Quelle weiß ich, dass Frau K. diese Vollumfänglichkeit stutzig macht.

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August 2009: Eingeschlafen. Aufgewacht. Hingeschrieben. Oktober 2009: Nochmal Angesehen. Für würdig befunden. Eingeschickt. Februar 2010: Bescheid bekommen. Büchergutschein gewonnen. Plus öffentlicher Lesung. Oder: Leipzig (flb). Beim Kurzprosa-W
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Aufgenommen: Feb 16, 20:28
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