Erster Akt: Reudnitzer Montagsdemo
Dienstag, 26. August 2008
Unvermittelt: "Ist doch furchtbar, was da passiert ist, oder? Ich kann sone Leute nicht verstehen, die sowas machen". Der ältere Herr neben mir schüttelt den Kopf, während er mich anspricht. Es liegt ihm wie so vielen hier etwas auf der Seele. Ein Weltbild ist erschüttert. Änderung muss her. "Zack, und weg!". Eine Handbewegung am Hals. Hier ist allen klar, was das einzig probate Mittel gegen "Kinderschänder" ist.
Hier: Das ist vor der Schule der getöteten Michelle in Leipzig-Reudnitz. Ein Bündnis von Müttern organisierte eine Demonstration, die von nun an jeden Montag stattfinden soll. Versammlungen haben derzeit Hochkonjunktur in Leipzig. Die Organisation ist gleichsam von sich überzeugt wie historisch terminsicher. Man will so lange weitermachen bis sich was ändert!. Was genau das sein soll, ist aber noch irgendwie im Ungefähren. Forderungen nach Überwachungskameras an Kitas, Selbstverteidigungskursen an Schulen, härtere Strafen für Sexualstraftäter. Transparente verkünden das Ende der Geduld.
Auffällig ist die Zusammensetzung der Teilnehmer: Eltern sind darunter, teils mit Kindern. Der größte Teil sind aber junge Männer, deren äußere Erscheinung jeden Gedanken an Familie oder gar Vaterschaft ausschließt. Man trinkt Bier, die Stimmung ist gut. Verschworen blickt man umher, es sind linke Störer angemeldet. 60 Mann, aber gute, da hinten irgendwo am Park. Die Kleiderordnung, bestehend aus "Landser"-Shirts, "Thor Steinar" und "Consdaple" weist auf eine monokulturelle Gesinnung hin. Darunter: Hooligans von Lok Leipzig, leicht zu erkennen an ihren Vereinstrikots und Fanclubjacken. Kurze Haare überall.
Dann geht alles recht schnell. Ein bulliger Mann trifft ein. Großes Hallo. Wüsste man sich nicht auf einer Demo anlässlich einer Kindstötung, könnte man dem Trugschluss erliegen, einer großen Familienfeier beizuwohnen. Todesstrafe für Kinderschänder steht in großen Buchstaben auf der Heckscheibe seines BMW. Er übernimmt die Organisation. Keine zehn Minuten später: Ein gutes Dutzend schwarzer Fahnen am Anfang des Zuges. Schwarzgekleidete Jugendliche mit Sonnenbrillen und Handschuhen. Es werden die Auflagen der Stadt verlesen: Der Todesstrafen-Slogan ist nicht erwünscht, ebenso das Trinken von Alkohol und Rauchen. Gelächter.
Der Zug setzt sich in Bewegung. Von der Schule aus geht es ins Stötteritzer Wäldchen. Abgelaufen wird die Strecke, die wahrscheinlich Michelles letzter Weg war. Auch hier dauert es keine Viertelstunde, dann erschallt der Ruf nach Todesstrafe. Die gnadenlos unterbesetzte Polizei ist handlungsunfähig, kann gerade so den Verkehr regeln. Fackeln werden neben den schwarzen Fahnen entzündet. Die ursprünglichen Organisatoren erscheinen ratlos. Weder können sie sich erklären, woher die Fahnen kommen, noch wieso sechsmal so viele Menschen erschienen sind als geplant. Weiter hinten im Zug versucht man die Radikalforderungen der Vorderleute abzuschwächen: Keine Gnade für Kinderschänder! Vergebens.
Der Zug versammelt sich für eine Ansprache auf dem Spielplatz des Wäldchens. Der Ort ist nicht umsonst gewählt. Keine 150 Meter entfernt fand man letzte Woche Michelles Leichnam im Rittergutsteich. Der Bullige stellt sich auf ein Klettergerüst, hält eine Ansprache. Forderungen und Beifall wechseln sich ab. Bei der letzten Anekdote bricht er in Tränen aus, kann nur schwer weitersprechen. Er selbst sei alleinerziehender Vater einer Sechsjährigen. "Sie sagte zu mir letzte Woche..." - Pause, um sich zu fangen - "...beim Schulanfang, 'Papa, ich will nicht wie Michelle'..." - Unverständliches Schluchzen - "Und so will ich nicht, dass sie Angst haben muss!". Was für ein Finale. Die Menge tobt, es werden Taschentücher gereicht, es menschelt. Danach darf die eigentliche Veranstalterin nochmal. Es fällt ihr schwer, diese Rede zu toppen, daher fragt sie lediglich, ob die Menge in der nächsten Woche wieder dabei sein wird. "JAAA!" schallt es durch das Wäldchen. Dreimal.
Welch skurriler Anblick: Zwischen Transparenten mit der Aufschrift Nationaler Sozialismus, jetzt! laufen Nachbarn, Supermarktmitarbeiter, ältere Leute. Ist ihnen Wohl bei der ganzen Sache? Wissen sie, wer vor und hinter ihnen läuft, mit wem sie sich in diesen zwei Stunden gemein machen? Ich mag nicht darüber urteilen, denn ein Befragen ist angesichts der Menge an Aufpassern zu riskant. Selbst die Kamerateams bekommen ein bis zwei "Ordner" an die Seite gestellt. Eines aber wird deutlich: Das rechte Spektrum hat ein unglaublich hohes Mobilisierungspotenzial. Zieht man die 200 unpolitischen Mitmarschierer ab, bleiben immer noch um die 900 Leute übrig. Reudnitz zeigt Flagge.
Man hat es hier nicht mehr mit einer marodierenden Bande Halbstarker zu tun, die autark und ohne Akzeptanz agieren können. Die Köpfe der Bewegung können sich auf eine breite Basis stützen. Sie sind in die Wohnstuben derer eingesickert, deren Selbstbild das des Verlierers ist, der sich aber trotz aller Benachteiligungen ein ordentliches Maß an Kampfgeist und Widerspruchsrecht bewahrt. Der alle Schuld beim System findet, bei denen da oben. Wenn es eine unausgesprochene, aber von jedem im Kopf mitgeführte Parole gibt, dann lautet sie "Wir sind denen doch egal!". Man fühlt sich verlassen, nicht ernst genommen. Eine Forderung will, dass OBM Jung auf einer der kommenden Demos spricht. Geschickter Schachzug: Tut er es, sind die Fordernden ganz oben angekommen und können ihrer Folgschaft zeigen, zu was sie in der Lage sind. Spricht er nicht, ist das wieder willkommene Selbstbestätigung. "Gesinnungsentscheidung" werden die einen dann märtyrern. "Da sieht man's wieder: Egal!", die anderen.
Schlechte Menschen sehen dennoch anders aus. Wo der akademische Ignorant Bosheit vermuten mag, herrscht pure Ratlosigkeit. Nicht nur im Fall des Kindermordes. Es geht um die gesamte Situation einer hetrogenen Gruppe, die sich in einem System verliert, welches sie nicht auffangen kann. Alles mündet in den Willen des Geführtwerdens. Jede Alternative ist willkommen, so lange sie einfach begreifbar ist. Und die Führer stehen bereit.
Was tun? Vielleicht sollte die Stadt selber eine Kundgebung initiieren und dazu ausdrücklich die Reudnitzer einladen. Kommen sie: Gut so! Derart lässt sich nachhaltig Solidarität demonstrieren und die Egal-Einstellung im Ansatz aushebeln. Verweigern sie sich: Auch ok! So gräbt man Rechts schrittweise das Wasser ab, denn von nun an muss man sich keine Unbeteiligtheit mehr vorwerfen lassen. Der OBM könnte reden, frei von ungewollter politischer Vereinnahmung. Doch dafür sehe ich leider schwarz: Jung schien in der letzten Woche der Erhalt der Computerspielemesse wichtiger zu sein, als die Präsenz vor Ort in schwierigen Zeiten.
Ein schwerer politischer Fehler. Die Stadt und auch das Linke Spektrum haben die causa Michelle kampflos den Freien Kräften überlassen. Das laute Beschweren über die politische Instrumentalisierung wirkt so lächerlich wie das Zetern des Zuspätgekommenen am leeren Bahnsteig. Zwar ist dieser Zug noch nicht weg, doch traue ich niemandem im Rathaus genügend Hellsichtigkeit zu. Damit wäre der Tod eines kleinen Mädchen das Epizentrum einer tektonischen Verschiebung im politischen Spektrum Leipzigs.
Reudnitz ist braun statt bunt - Und der Rest auf Grund einer zu zögerlichen Haltung in die Rolle des Reagierenden gedrängt.

[...] flohbude berichtet über die “reudnitzer montagsdemo”: Welch skurriler Anblick: Zwischen Transparenten mit [...]
Echt guter und informativer Eintrag von dir. Weile im Moment außerhalbs Leipzig und fühle mich bisher durch deinen Blog mit am besten über die Vorgänge in der Stadt informiert. Wie wäre es mal mit einem Volontariat bei der LVZ? Du könntest du lokale Berichterstattung sicher aufmöbeln!
Grüße aus Osten an der Oste
Danke für den Einblick. Es gäbe noch die Möglichkeit, dass keiner der ursprünglichen Organisatoren mehr anmeldet, damit auch ganz offiziell ersichtlich wird, wer denn bei den Demos das Sagen hat.
[...] Ein Mädchen ist aus scheußlichen Gründen ermordet worden. Jemand nimmt die Emotion und lenkt sie. Und sie marschieren wieder. [...]
[...] Hansi schreibt über die Aufmärsche der Braunen in Reudnitz, über die Unfähigkeit oder den Unwillen der [...]
Mein lieber Fabian, gerade Du weißt doch, dass ich alle Kraft ins Studium stecken muss und keinerlei Kapazitäten für lokale Springerpresse habe ;) Aber trotzdem vielen Dank.
Speziell auf den Trackback-Beitrag von "tee" möchte ich hiermit eingehen:
Vielen Dank für die eingehende Analyse meines Postings. Da ich aber der Meinung bin, dass Du hier einige meiner Schlüsse und Intentionen fehl deutest, will ich gerne darauf eingehen:
* Ich gestehe ein, dass meine Fähigkeiten beschränkt sind, wenn es darum geht, eine größere Menschenmenge zahlenmäßig abzuschätzen. Daher fragte ich hie und da nach und im Schnitt kam ich dann zu der von mir veröffentlichten Zahl. Die mag in dieser Höhe exakt sein oder auch nicht. Zumindest ist sie nah dran. (Andererseits: Weshalb schenkst Du der LVZ-Schätzung mehr glauben?)
* Bei meiner Bemerkung über das "Einsickern in die Wohnzimmer" handelt es sich nicht um das Analysieren einer Kausalität. Dass braunes Gedankengut sich dort schon im Ansatz befinden muss, um wirklich Wurzeln schlagen zu können, ist meiner Ansicht nach trivial und muss nicht noch extra erwähnt werden. Es ging mir speziell darum, dass es in Reudnitz die weit verbreitete Ansicht gibt, dass es sich bei Istvan und Co. lediglich um eine temporäre Erscheinung ohne gesellschaftlichen Rückhalt handelt. Dem ist nicht so und das sollte die Einlassung auch schildern. Von daher kann vom Zuschieben des Schwarzen Peters gar keine Rede sein.
* Warum sollte man nicht über das Thema "Wasser abgraben" reden? Denkbar ist es - wenn auch nicht unbedingt jetzt und unter Federführung des Rathauses. Und ob das Jung'sche Verhalten ein direkter Fehler oder offizielle politsche Linie ist, die ich persönlich für einen Fehler halte, kommt am Ende auf das Gleiche raus. Es ist nicht gut.
* Zu Instrumentalisierung: Was Du sagst, scheint stimmig zu sein. Doch der Schein trügt, denn so dürftig, hohl, polemisch, demagogenhaft die Aktionen der Rechten auch sind - sie kommen an. Gib Dich bitte nicht der naiven Illusion hin, dass alle Demonstranten auf Linie gebrachte Zivilversager waren. Da gingen auch Leute mit, denen das Thema echt am Herzen lag. Und was sehen die? Leute, die was machen. Die agieren. Sicher, das Ganze ist ein mephistophelischer Pakt. Die arglosen Organisatoren freuen sich vielleicht sogar über den Zulauf, weil sie der Illusion erliegen, die Sache noch in der Hand zu haben. Aber das wird ein böses Erwachen geben.
Und schlussendlich ist es das, was man der Linken / der Stadt vorwerfen kann: Sie sind nicht präsent. Und genau das scheint meiner Meinung nach das zu sein, was die rechte Stärke ausmacht. Die Slogans sind platt - aber sie *sind*.
Ja, das ist keine von vorne bis hinten abgerundete soziologische Theorie, die jedweder Falsifikation stand hält. Es ist eine Meinung. Meine nämlich. Und wenn Du diese auseinander nehmen möchtest: Bitte sehr. Das sich aber meine analytischen Fähigkeiten so armselig gestalten, dass ich gesamtgesellschaftliche Verhältnisse im Großen wie im Kleinen nicht im Ansatz einschätzen kann ("darauf kommst du scheinbar nicht"), halte ich für ein Gerücht. Es sei denn, Du bist der Großsiegelbewahrer der Wahrheit, durch den, und nur durch den man zur wahren Einsicht kommt, wie die Dinge so laufen.
So viel von meiner Seite zu Deinen Ausführungen, die abwertender, besserwisserischer und oberlehrerhafter kaum sein konnten.
[...] Hansi von der Flohbu.de setzt sich mit den “Montagsdemos” in Reudnitz und Stötteritz au.... Dort nutzen rechtsradikale “freie Kräfte” den Tod von Michelle, um “Todesstrafe für Kinderschänder” zu fordern und für einen “Nationalen Sozialismus” zu demonstrieren. Wie praktisch, dass das Mädel dem reinen deutschen Volkskörper angehört (genauso wie der Onkel Stefan mit dem ungarischen Vornamen). [...]
[...] die ehrliche Erschütterung der Bürger treffen, mischen und hochschaukeln, muss lesen, was Hansi im Blog „Flohbude” darüber schreibt, der dabei war: Ein bulliger Mann trifft ein. Großes Hallo. Wüsste man sich nicht auf [...]
[...] *** Aktualisierung 27. August 15:52 Uhr *** Noch zwei lesenswerte Blog Beiträge dazu: Die tote Michelle, Neonazis - und RTL[Stefan Niggermeier] Erster Akt: Reudnitzer Montagsdemo[Flohbude] [...]
Sehr interessanter Bericht. Mir war es ehrlichgesagt um einiges zu Heikel, die Strecke mitzulaufen. Bin daher nur vorbeigeradelt.
http://agresividad.wordpress.com/2008/08/27/leipzig-heldenstadt/
@ agresividad: Wie kommst Du dann eigentlich zu dem Material, das Du zu Deinem Posting verarbeitet hast? Hörensagen? Das erklärt dann vielleicht, dass Du einen Istvan-Redebeitrag anführst, den es nicht gegeben hast.
[...] die letzten Vorbereitungen schliesse ich gerade ab. Während sich die Glatzen in der Stadt mal wieder in Leichenfledderei üben haue ich dann doch lieber ab in den Urlaub. Bis Sonntag bin ich in der alten Heimat bis es dann [...]
@ Hansi
Ab wann warst du da? Aufgrund der Tatsache dass zwei Zeiten für den Demonstrationsbeginn im Umlauf waren (18 Uhr und 19Uhr, wobei letztendlich eig. ersteres richtig war) kann es sein, dass du etwas verpasst hast?
Ich habe die Info von einem Freund der es mir auf Nachfrage auch nocheinmal bestätigt hat.
Wenn du mir jetzt mit Sicherheit sagen kannst, dass es eine Fehlinformation ist (also du definitiv vom ersten Moment an da warst, weißt wie Istvan aussieht und darauf geachtet hast) würde ich selbstverständlich auf diesen Fehler hinweisen und den Eintrag korrigieren.
Ach, und zu dem restlichen Material: Videos, Gespräche, Presseinformationen, und das was ich selbst gesehen habe
Ich war ab 17.45 Uhr vor Ort.
Ich weiß, wie I.R. aussieht.
Er hat nicht gesprochen.
(Das erste Mal habe ich ihn im Wäldchen gesehen. Er stand dort und "empfing" den Demonstrationszug, wohnte der Ansprache bei ohne selbst etwas zu sagen und gab dann noch vor der RTL-Kamera ein Interview.)
Dann danke ich für die Information. Ich habe mich umgehend korrigiert.
[...] Flohbude » Erster Akt: Reudnitzer Montagsdemo [...]
[...] die Unverjährbarkeit pornografischer Straftaten an Kindern” abstimmen, müssen wir dann wie in Leipzig auch mit einem Aufmarsch von rechts rechnen? Schlagworte: Abstimmungen, Extremismus, [...]
[...] Erfolgsmodell annähern zu wollen. Sicherlich kann man so einige echt nervige Erscheinungen wie instrumentalisierte Nazi-Demos besser kontrollieren andererseits gehen wir einen Schritt Richtung China und empören uns [...]
Die Mühlen der Justiz und ihre Mahlgeschwindigkeit sind legendär. Schnell. Langsam. Relativ. Die Debatte darüber: Unbedeutend. In Leipzig beginnt heute der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder von Michelle S., die morgen vor genau einem Jahr aus dem S
Aufgenommen: Aug 17, 10:50