Die Welt als Wille und Voliere
Montag, 28. Dezember 2009
Mit der zunehmenden Verfügbarkeit von Informationen wächst auch die Desillusionierung der Welt an sich.
Ich will von manchen Dingen gar nicht wissen, wie sie zustande kommen. Diese zu Unrecht als engstirnig gebrandmarkte Einstellung verdanke ich einem Papagei und der Schwerkraft. Den einen habe ich damals von meiner Tante aufs Auge gedrückt bekommen. Die andere von Gott. Oder Newton. So genau brauche ich es gar nicht.
Zur Schwerkraft muss ich sicherlich nicht viel sagen. Kennt man ja aus Film, Funk und Fernsehen.
Also der Papagei: Vor ungefähr dreiundzwanzig Jahren kam meine Tante auf die Idee, für vier Wochen in den Urlaub fahren zu müssen. So stellte sich ihr die Frage, was sie in de Zwischenzeit mit ihren Mitbewohnern tun sollte. Die Antwort fand sich schnell: Sie kommen bei der Verwandschaft unter. Am besten bei dem Teil, der soeben in eine komfortable Neubauwohnung mit fünf Zimmern und zwei Badezimmern gezogen war. Also uns. Schon damals bewies meine Schwester weise Weitsicht und entschied sich schnell für den Kanarienvogel. Klein. Still. Sauber.
So blieb für mich nur der Papagei. Groß. Laut. Verschissen und permanent in der Mauser. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich rede hier nicht von einem prächtigen Ara, golden und blau, eine Augenweide, der Proto-Papagei schlechthin. So einen Flattermann hätte ich mir angesichts der zu erwartenden Anbaggererfolge Soll ich dir mal das Prachtexemplar zeigen? Und danach mein Haustier? noch gefallen lassen. Ich wollte soziales Prestige, um jeden Preis. Ein exotischer Hauch sollte meine Bude umwehen; in der Schule würden mich alle Kabir Hansi, rassiger Tiger von Leipzig-Grünau nennen. So bescheidene Brosamen erwartete ich vom Schicksal. Mehr nicht.
Aber nein. Tantchen karrte eine Kreatur in mein Jugendzimmer, die locker als Glöckner von Notre Dame der Tierwelt hätte durchgehen können. Es ist mir mittlerweile vollkommen egal, was man an so einem Geschöpf finden kann; woraus sich diese emotionale Hingabe entwickelt, die zur ausgewogenen Fütterung solcher Monster führt. Und das täglich. Ich habe gesehen, dass es geht und so eine neue Qualität dessen entdeckt, wozu wir Menschen in der Lage sind.
Der Vogel war bucklig, hyperaktiv, beseelt von einer ornithologischen Varianz des Tourette-Syndroms und damit vor allem: laut. Er kreischte praktisch den ganzen Tag. Betrat man das Zimmer, schrie er. Verlies man es, ebenfalls. Eine nächtliche Drehung im Bett, das Heben der Hand, Drehen des Kopfes, Sonneneinfall, Mondschein, abfahrende Autos, ja selbst parkende - alles wurde mit einem 120 Dezibel lauten Segen bedacht.
Aber man gewöhnt sich an alles. Irgendwann schwang meine akustische Schmerzschwelle in der selben Frequenz wie das KrähKrähKräh des exotischen Broilers, was unter anderem dazu führte, dass mich beinahe ein laut hupender Bus angefahren hätte.
Doch einem konnte ich mich nicht entziehen: Der wöchentlichen Käfigreinigung.
Die zylindrische Voliere maß ungefähr einen Meter und hatte einen Durchmesser von vierzig Zentimetern. Am Boden stand ein gigantischer gläserner Aschenbecher von der Sorte, die damals volksmündlich als Konferenzaschenbecher bezeichnet wurden und heute gar nicht mehr gebaut werden, weil für zwei Exemplare dieser Größe ein kompletter Strand eingeschmolzen werden müsste.
Der Ascher hatte das ungefähre Fassungsvermögen einer krematorischen Tagesproduktion, wog um die zehn Kilo und diente Luzifers Federboa gleichsam als Trinkgefäß und Badewanne. Nicht dass ich ihn je hätte daraus trinken oder darin baden sehen; lediglich sandige Matschpfützen auf meinem Bett dienten als Indiz einer feuchten Aktivität.
Unter Geschrei, natürlich seinem, näherte ich mich dem Käfig. Zuerst musste ich das Bodenteil vom Gitter lösen. Der Papagei ahnte, dass etwas vorging und schaltete sofort auf DEFCON I. Sein krummer Schnabel hackte in der Geschwindigkeit einer Nähmaschine auf meine Finger ein. There were blood. Und wie. Fluchend und blutend entkoppelte ich die Teile voneinander, stellte das Oberteil samt Tier in die Ecke und griff nach dem Trinkbad-Aschenbecher.
Und hier kommt Newton ins Spiel. Oder Gott. Das sollen die unter sich ausmachen. Will ich gar nicht so genau wissen.
Mit der Vorsicht eines Kampfmittelbeseitigers transportierte ich das Gefäß zum Badezimmer. Der Plan war einfach: Türe auf, Deckel hoch, altes Wasser rein, fertig. Perspektivisch wäre es sicher klug gewesen, Tür und Deckel mit noch freien Händen zu öffnen, aber ich war noch jung. Und strunzdumm. So wankte ich mit zwanzig Pfund hochseptischer Soße gen Naßzelle, verschüttete erst im Flur und dann vor dem Becken einen Teil des Feder-Scheiße-Vogelsand-Gemischs.
Den Rest dachte ich dem Klosett an. Doch so weit kam es nicht mehr. Ich weiß nicht, ob es das schmierige Blut war, ein Krampf oder irgendetwas unterschwellig Freudianisches, jedenfalls glitt mir der Glasklumpen aus den Fingern.
Sekunden schwollen zu Jahrhunderten an. Ich beobachtete, wie der Ascher sich um seine eigene Achse drehend gen Sanitärkeramik segelte. Irgendwo spielte jemand An der schönen, blauen Donau von Johann Strauss und mir war, als schriebe die Flugbahn die Worte Am Arsch! in die fichtennadelduftende Luft des Badezimmers. Schwarze Linien zeichneten sich ab, die Kloschüssel durchzogen kleine Verwerfungen und Spalten; haarfein und vielzählig strukturierten sie Ebenen und Täler, gerade so, als wolle hier wer eine Landkarte entwerfen. Die Genesis in unserem Klobecken. Hätte ich mir auch mal nie zu denken gewagt.
Scheppernd schlug der Aschenbecher ein. Ihm ist dabei übrigens nichts passiert. Ganz im Gegensatz zu mir. Meine Eltern hätten nicht mehr toben können, hätten sie an diesem Abend erfahren, dass ich es gewesen war, der den kompletten Zweiten Weltkrieg vom Zaun gebrochen hatte.
Wir hatten ja nix, hier, im Osten. Weder Märkte wie OBI, noch eine funktionierende staatliche Baustoffversorgung. Gut, wir hatten Beziehungen. Aber das war immer ein teuflisches Spiel von viel Nehmen und sehr sehr wenig Geben.
Eines Tages war der Vogel weg und ein neues Toilettenbecken da. Der Vorgang ist mir noch heute ein Rätsel. Vor allem, weil mir Vater einschärfte, dass der Vogel nicht länger als zwei Tage bei uns lebte. Das arme Tier sei vor Gram eingegangen, hätte die Trennung, die die erste überhaupt in seiner Hochbetagtheit gewesen war, nur schwer bis gar nicht verkraftet. Wir haben ihn dann in Ehren begraben, Haben wir? - Ja. Besser ist das. Für uns alle! und unsere ganze Liebe dem noch verbliebenen Kanarienvogel geschenkt.
Die Tante macht sich übrigens bis heute noch Vorwürfe. Ist mir aber egal. Will ich gar nicht so genau wissen. Und sie sicher auch nicht.
Alte Lehrer
Montag, 21. Dezember 2009
Was heute geschah: Ich habe heute weder die Verlegerin getroffen, noch alle Geschenke bekommen. An Verkäufern traf ich nur zwei Lok-Leipzig-Fans, die mir einen kleinstflohgroßen Weihnachtsbaum verkauften, sowie die die Omas im KONSUM, die mir einen Liter Paulaner-Treibstoff überließen. Glücklicherweise kam es nicht zu eindeutigen Angeboten. Hätte nicht gewusst, wie ich diese hätte abwenden sollen. Ohne das Herzen brechen (Konsum). Oder mein Kiefer (Weihnachtsbaumstand).
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Was morgen passieren wird: Treffe an der Haltestelle einen meiner alten Informatikprofessoren
wieder. Seine verschämten Seitenblicke lassen erahnen, dass ein blasses
Synapsenfeuerwerk in seinem Langzeitgedächtnis zündet. Impotenter
Krawall, irgendwo zwischen **poff** und **plöpp**.
Bei mir spulen sich Episoden des staubtrockenen, schnell
hingeworfenen Studiums ab: Wie wir im Hörsaal Bullshit-Bingo spielten
und es selten länger als fünfzehn Minuten dauerte, bis der Erste seinen
Zettel mit stabil zu erwartenden Phrasen abgekreuzt hatte; oder mein
Programm zur Ermittlung von Primzahlen, das für die
Erfüllung der gestellten Aufgabe nur zwei Sekunden benötigte, wo andere
zehn Minuten brauchten. Champ, ich.
Als er mich erkennt, fragt er süffisant, wie es mir ergangen ist. Ist ja auch schon eine Weile her, dass er mich aus dem Studium heraus geprüft hat. Antworte ihm, dass ich jetzt Humanmedizin mache. In seinem sozialen Wertekodex rangiert dies gleich hinter Entbeiner und nur knapp vor Gullyrutscher. Wohl fühlt er sich, sein abfälliges Grinsen ist wie die Chinesische Mauer vom Mond aus zu erkennen.
"Hab mich auf Frauenheilkunde spezialisiert. Ist praktisch wie Informatik. Frauen sind ja auch Algorithmen, die kein Schwein versteht. Die man nur durch Beschiss lösen kann."
Er rügt mich ob meiner laxen Berufsethik. Ich sage ihm, dass mich das herzlich wenig interessiert und er seiner Frau bitte einen schönen Gruß ausrichten soll. Den Termin zur Ausschabung werden wir dann doch im Januar schon machen können. Sein Grinsen zuckt. Ich empfehle ihm des weiteren auf eventuell auftretende Hautveränderungen im Intimbereich zu achten.
Dann kommt meine Bahn.
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Mal sehen.
Sex! Sex! Sex! (Wäre ja gelacht!)
Sonntag, 20. Dezember 2009
Beschluss: Ab sofort werde ich die Tagebucheintragungen von morgen schon heute verfassen. Versuche derart das Schicksal zu beeinflussen. So ein Schicksal kommt ja heutzutage sicher auch nicht mehr ohne Internet aus.
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Test: In drei Tagen ist Weihnachten. Habe heute alles an Geschenken bekommen, inklusive der Idee dazu. Kostenlos natürlich. Außerdem haben sich mir mehrere attraktive Verkäuferinnen zum Beischlaf angeboten. Auch die bei P&C. Praktisch als Wiedergutmachung. Lehne jovial ab. Bevorzuge, dass man mich wegen meines Körpers will. Ausschließlich. Sex auf Basis von Schuldgefühlen ist meine Sache nicht.
Treffe bei H. die Chefin eines großen Verlages, der in letzter Zeit so oft umgezogen ist, dass keiner mehr weiß, wo er nun eigentlich residiert.
Folge ihrer Einladung zum Essen. Sie fragt mich, was ich von ihrem neuen Projekt halte: Der Veröffentlichung verschollen geglaubter Manuskripte und Fragmente eines österreichischen Autors, der leider schon tot ist.
Einen Titel hätte sie auch schon: Claus Peymann geht mit Christoph Schlingensief im Beton Frostfällen und kauft sich hinterher ein Tamagotchi an der Baumgrenze. Und isst es. Eine Ausspülung.
Ich finde es gut. Vielleicht ist der Titel etwas zu lang. Wie es denn mit etwas kürzerem wäre?
"An was denkst du dabei so?"
"Lattenkracher", antworte ich. "Es spielt auf subtile Art mit den drei einzigen Kompetenzen der Deutschen: Fußball, Ficken, Alkohol. Außerdem hat es den selben Anfangsbuchstaben wie das letzte Buch von Dan Brown."
"Und auch vom Schätzing!"
"Und Langenscheidts Hund-Deutsch/Deutsch-Hund."
Auf meine Frage, wer die Illustrationen und die Umschlaggestaltung machen soll, antwortet sie "Adolf Hitler". Damit der regional-politische Kontext gewahrt bleibt. Oder Janosch. Je nachdem, wer von den beiden Zeit hat.
Über meine geplante Anthologie der achthundert besten Kurzgeschichten aus den Bummi-Heften verliert sie kein Wort. Wieder einmal. Steuere das Gespräch geschickt an mein Werk. Lasse so häufig es geht die Worte Bär und Bummi fallen. Sie versteht mich miss und freut sich auf Anzüglichkeiten. Muss sie enttäuschen. Fühle mich schlapp. War vorm Essen noch bei C&A.
Dafür zahlt sie. So will ich es noch einmal gut sein lassen. Aber beim nächsten Mal bestelle ich mir einen zweiten Nachtisch!
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Mal sehen.
Einfach so
Freitag, 18. Dezember 2009
...haben wir die Kommunikation eingestellt. Wir sind in dieser Sache nicht überein gekommen, vielleicht am Ende einer langen Diskussion, oder etwa am hinteren Abhang eines gemeinsamen Schmerzensberges. Auch gab es keinen offenen Bruch. Uns wurde aufgehört. Einfach so.
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"Ich bring euch dann nachher noch zur Haltestelle. Da kann ich mit dem Hund nochmal raus. Da freut der sich."
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Nun gut, so sitzen wir hier jetzt beieinander und lassen unsere Blicke parallel ins Nichts laufen. Was Außenstehende für wortlose Harmonie halten, ist in Wirklichkeit ein Missbrauch der euklidischen Geometrie. Kreuzungen sind selbst in der Unendlichkeit nicht vorgesehen. Wir können das gut, richtig gut, denn Zeit zum Üben hatten wir schier endlos. Du bist hierin vielleicht sogar besser als ich, aber ich hole auf. Ohne dass ich es wöllte. Einfach so.
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"Und sag ihr noch'n lieben Gruß und das alles. Warte mal...ist die Bahn ein Einrücker? Ach nee, nur die Acht und das auch erst in einer Stunde. Naja. Sach' schön' Gruß!"

Damals dachte ich, es wäre das Größte, wenn Du mich in die Tasche steckst, dort trägst, behütest, wärmst, mir einen Raum bei Dir lässt, mich mit Dir umhüllst und aller Welt die Stirn bietest, weil alle Welt ein potentieller Feind der Exklusivität des "Wir" ist. Nun wird mir klar, das diese Deine Tasche schon voll war: Schlüssel. Feuerzeug. Zigaretten. Brieftasche. Alle Nichtigkeit für Dich. Alles Nichtigkeiten für mich. Nichts für mich. Zumindest nicht von Dir. Emotionales Investmentbanking. Da rechnet sich etwas auf Null zusammen. Andere nennen das Verrat. Einfach so. Ich auch.
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"Weihnachten? Muss ich arbeiten. Sonst gerne, weisste ja. Aber sag danke und schön' Gruß. Machste das?". Mach ich. Klar doch.
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Wenn Du wüsstest, wie sehr ich Dich nicht verachten kann, wie groß mein Verständnis für Deine Entscheidungen, wie gering dennoch mein Einblick in Dich ist. Könnte ich da mal was andeuten? Wärst Du dann anders? Einfach so?
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Ein alter Mann sieht einer abfahrenden Straßenbahn nach. Es ist kalt und er hat noch einen weiten Weg vor sich. Einraumwohnung, mitten im Plattenbau. Der Hund freut sich.
The Big Picture
Donnerstag, 17. Dezember 2009
Grenzenlose Selbstüberschätzung für einen guten Zweck wäre es, böte ich dieses, von mir heute nachmittag selbst gemalte, Weihnachtsbild - Format A3, Wasserfarbe - in einer Art Versteigerung an. Abseits aller E-Kommerz-Plattformen, einfach so.
In den Kommentaren trügen die Bieter eine Summe ein und am Weihnachtsabend, sagen wir Punkt 17 Uhr, erhielte das höchste Gebot den Zuschlag. Das Geld ginge dann an eine karitative Organisation und das Bild bekäme der glückliche Gewinner.
Aber wie gesagt, das wäre wieder nur so eine fixe Idee eines Idealismus der denkt, globale Kommunikation zöge auch gemeinsames Handeln nach sich. Aber schön wäre es schon...
