Kopfkino. Dada-Version

Mittwoch, 28. Oktober 2009 ~ Kommentier mich...(0) ~ Twitter mich...

Unverhofft kommt oft. Heute kam Hassan. In mein Büro.

Dort unterhielten wir uns um die drei Stunden über die Uni, das Studium, sowas wie Karriere, unsere Kommilitonen, in deren Reihen ich in zehn Semestern vier (in Worten vier!) Stück getroffen habe, die einen "Autor besaßen", also mehr lesen als StudiVZ oder SMS; über das Schreiben; Gryphius und seine Rezeption in der Schule; Shakespeare und seine überzeitliche Wirkung; und wie schade es sei, dass man die Wirkungsmächtigkeit guter Literatur (mehr Leerstellen, weniger Dan Brown) heute nur noch im Rekurs auf Fernsehserien erklären kann.

Kurz: Es war das, was ich mir unter Studium vorstelle.

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Dann: Seminar. "Philosophie der Gefühle". Ich mag die Dozentin irgendwie, weil mir ihre Angespanntheit vorm Auditorium aus den eigenen Alpträumen bekannt vorkommt. Sie ist dankbar für jeden Wortbeitrag, der nicht von dem gleichsam nervigen wie unrasierten Typen aus der ersten Reihe, ja, der mit dem Holzfällerhemd!, kommt. Sie liest Texte vor, die, wenn überhaupt, nur zum Lesen geeignet sind, nicht aber zum Vorlesen. Heidegger und der ganze weltfremde Schrott.

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Denke die ganze Zeit an eine Szene, die ich mit Hassan besprach. Kommt der Hausmeister zur Frau von Darth Vader und fragt nach der Hausordnung. Ob die schon gemacht sei? Nein, sagt sie, aber sich werde sich darum kümmern. Plötzlich schrubben Stormtroopers die Treppen.

Zugegeben: Klingt nicht besonders. Muss man dabei gewesen sein.

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In der Zwischenzeit strebt das Seminar seinem frühzeiten Hirntod entgegen (es riegert, nicht zu verwechseln mit abbarscheln. Dafür braucht es eine Badewanne). Heidegger und das Seyn. Der Pumphosenspießer (Thomas Bernhard) und das Hier-Sein. Da-Sein. Weg-Sein. Für-sich-Sein. Außer-sich-Sein. Beknackt-Sein. Sein-feld. Das Holzfällerhemd lobt das Geschwurbel als poetisch. Wahrscheinlich findet er auch, dass die Neun-Live-Ratspiele eine kühne Neuinszenierung abendländischer Erotikdiskurse sind. Ein Symbiose aus neu-medialem Frauenbild und dem Anspruch des homo ludens an die elektronische Kommunikation.

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Als mir das Gesafte über Stimmungen, Da-Seyn, Ekstase und Eksistenz zu viel wird, frage ich nach. Ob das denn ernst gemeint sei. Sein kann. Das Holzfällerhemd bescheinigt mir, dass ich eine mit der Außenwelt interagierendes Struktur sei. Wird die Frau Liebste freuen, wenn sie mir mal wieder Zerstreutheit vorwirft. Komme mir vor wie bei "Des Kaisers neue Kleider".

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"Musst Du immer deine Klamotten rumliegen lassen?"

"Tut mir leid Schatz, das gehört zu meiner Struktur. Sagt Heidegger."

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Nachtrag: Bei den 18 Metzgern gibt es dazu auch den passenden Cartoon. Comic? Zeichnung? Illustration?

Der Zyklus Schubelgruber

Donnerstag, 22. Oktober 2009 ~ Kommentier mich...(2) ~ Twitter mich...

Von der Zeitung sind Sie? Ich rede nicht gern, schon gar nicht über mich. In meinem Geschäft ist Verschwiegenheit das Wechselgeld für die Kohle, die Sie abdrücken, wenn ich Ihnen die Dinge wieder hinbiege. Aber die Konvention verlangt, dass Sie wissen, mit wem Sie es zu tun haben. Nehmen Sie Platz. Nicht dort. Da sitze ich. Auf die andere Seite des Schreibtischs, bitte. Danke.

Mein Name ist Amadeus Schubelgruber. Das allein ist noch keine besondere Leistung, ich weiß. Schubelgruber heißen 'ne Menge Leute, allen voran meine Eltern. Aber das ist hier nicht der Ort für Sentimentalitäten. Wir sind hier in einer der härtesten Gegenden, die je zwischen zwei Buchdeckel gepappt wurde. Wir befinden uns im Märchenwald, vergessen Sie das nie. Lachen Sie nicht. Sie werden schon sehen. Haben Sie ein Knarre? Nein? Gut. Machen mich sowieso nervös, diese Dinger.

Geboren wurde ich... ja, Sie dürfen rauchen. Also: Geboren wurde ich hier im Märchenwald. Wahrscheinlich haben Sie schon von hier gehört, aber ich kann Ihnen versichern, dass alles, was Sie zu wissen glauben erstunken und erlogen ist. Ich kenne hier jeden Busch und wenn die von der anderen Seite Bullshit planen, merke ich das beim Wasserlassen. Das schreiben Sie jetzt aber nicht, ok? Das mit dem Wasserlassen, meine ich.

Immer, wenn mir einer mit Es war einmal... kommt, sage ich: "Bursche: Es ist." Auch so eine Sache. Alle denken, dass bei uns alle Messen gesungen sind, aber das Gegenteil ist der Fall. Es vergeht kein Tag, an dem nicht irgend eine Prinzessin entführt wird oder ein ahnungsloser Spaziergänger abgemurkste Drachen im Gebüsch findet. Mord und Totschlag, wenn Sie wissen, was ich meine. Das Kartell und die Union.

Sagt Ihnen nichts? Nun gut: Das Kartell versucht ständig die Waldbewohner gegeneinander aufzubringen. Kommen Sie her, schauen Sie aus dem Fenster. Sehen Sie den Rauch da hinten? Dort wohnen die Zwerge. Die Jungs schlagen sich ganz wacker, graben sich in die tiefsten Stollen und tun keiner Seele was zu leide. Graben nach Edelsteinen, der Geier weiß warum. Am Wochenende beißen sie mal ordentlich einen ab, doch selbst dann bleiben sie unter sich und machen uns keinen Ärger.

Aber sobald jemand kommt, der größer als ein Pinscher ist, drehen sie durch. Die haben sich einfach nicht unter Kontrolle, sind mental so stabil wie Zuckerwatte im vollen Whiskyglas. Apropos: Wollen Sie einen? Nein? Aber Sie haben nichts dagegen, wenn ich...? Danke.

Wo war ich? Ach ja: Die Zwerge. Letztens stand da ein Mädel bei denen in der Bude. So eine Unschuld vom Lande, grade am Aufblühen. Dumm nur, dass ihr Körperbau schneller war als ihr Grips. Besonders vorne rum, wenn Sie verstehen, was ich meine. Kennen Sie das Gefühl, wenn sich bei Ihnen so richtig der flotte Otto meldet? Stellen Sie sich vor, Sie kommen in die siffigste Raststätte jenseits des Schlaraffenlandes und finden dort eine sauber geputzte Schüssel nebst genug Klopapier vor. Jetzt wissen Sie, wie es den Zwerg-Boys ging. Das ist so 'ne Psycho-Kiste. Bedürfnis und Befriedigung. Sind die Kollegen für zuständig.

Außerdem hat sich die Kleine auch richtig nützlich gemacht: Sie hat die Bude gewienert, Futter rangeschafft, lustige Lieder gesungen und all das Zeug. Spricht sich schnell rum, wenn so ein seidiges Geschöpf bei sieben muffigen Junggesellen schafft. Unglücklicherweise ist aber niemandem aufgefallen, dass das Kartell ihr einen Berufskiller hinterher geschickt hat. Ging wohl um eine Misswahl oder einen Modeljob. War jedenfalls eine Menge Kies im Spiel.

Die Zwerge haben von all dem nichts mitbekommen, so besoffen waren sie von ihrer Erscheinung. Bis heute weiß keiner, was für Absonderlichkeiten da gelaufen sind; das Ende vom Lied war aber, dass keiner vor Fettwänstigkeit wusste, was er tun sollte, als das Girl ziemlich hinüber in der Diele lag.

Keinen Mucks mehr, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Geflennt haben sie, wie kleine Schulmädchen; der eine soll sogar unter den Rock geschmult haben. Naja, sind halt Zwerge, wissen Sie, die mögen es kalt und dunkel. Wir von der Union dachten natürlich an eine typische Junkiestory: Beschaffungskriminalität, hier mal einen Kerzenständer, dort mal eine silberne Gabel mitgehen lassen; Beischlaf für Stoff und so weiter; dass das Kartell da die Finger im Spiel hatte, pfiffen ja die Spatzen von den Hütten. Aber eben erst hinterher, als wir alle dachten, es sei zu spät.

Wir haben dann einen unserer V-Männer hingeschickt, so einen Schönling. Sonnenstudio-Olaf nennen wir den. Aber so blöd das klingt, wenn einer schon im Eimer ist - doch der Bursche hatte die rettende Idee.

Sonnenstudio-Olaf lässt also die Schnecke in einen Glassarg packen und sagt den Zwergen, dass sie das Ding zur Gerichtsmedizin wuchten sollen. Die tumben Typen stolpern los und durch das Geruckel kotzt die Kleine ein Apfelstück aus. Ein Apfelstück! Muss man sich mal vorstellen. Wir haben im Labor eine Menge Zeug gefunden, dass eigentlich nicht in Äpfel gehört, noch nicht mal hier, im Märchenwald: Hasch, Crack, Angel Dust und all so synthetischen Kram; Tofu, Glutamat, E123 bis F4323. Und eine Prise Salz. Da wurde uns so einiges bis alles klar.

Der Kleinen geht es wieder ganz gut, den Killer haben wir auch gekriegt. War übrigens 'ne Frau, so eine vom Typ Kühlschrank: Eiskalt, glatt und unverzichtbar für gute Abende mit kühlem Bier. Eine richtige Lady. Makelloser Teint, rote Haare, immer in wallenden Kleidern, mit Schenkeln so lang wie die Bäume im Regenwald. Aber ständig nur am Eincremen. Sie hatte in der Tat so etwas gewisses... Sei's drum!

Nein, Fotos haben wir nicht gemacht. Datenschutz, Sie verstehen? Als wir sie in ihrem Schloss hochnahmen, staunten wir nicht schlecht: Mit all den Salben, Pasten und Tiegeln hätte sie locker den kompletten Märchenwald einbalsamieren können. Und der Spiegel erst! Hing da dumm an der Wand rum, als wäre ihr Schlafgemach eine Peep-Show. Konnte auch nur den einen Satz. Wir haben später rausgefunden, dass das Ding heimlich das komplette Schlafzimmer abgefilmt und im Internet auf Youporn angeboten hat.

Naja, das ist nun hier mein Job. Ich bin Schubelgruber, Privatdetektiv im Dienste der Union. Wir stellen sicher, dass die Stories immer so glimpflich wie möglich ausgehen. Zumindest versuchen wir es. Hier im Märchenwald sind das ja alles noch geistige Kinder. Und wenn das Kartell die Lollies auspackt, sind diese Arglosen hin und weg.

Also: Wollen Sie noch mehr wissen?

Feierabende

Mittwoch, 14. Oktober 2009 ~ Kommentier mich...(0) ~ Twitter mich...

Es muss Schluss sein mit:

  • dem Gemäkel an Angela Merkel
  • Banana-Split
  • der NPD
  • der Basta-Politik
  • dem Beschiss hier
  • der teilweise verantwortungslosen Preispolitik mancher Hersteller, die zulasten der Beitragszahler geht
  • der Ideologie der Sachleistung
  • dem Saufgelage
  • der Abwrackprämie
  • den Verkaufsabsichten
  • dem Jammern
  • der Multi-Kulti-Schummelei
  • der Lohndiskriminierung von Frauen
  • Sondersparopfern, wie sie die Apotheker jetzt schon mehrmals erbracht haben
  • dem Herumdoktern an der Rente
  • dem ewigen Träumen von einer besseren Welt, einem Träumen, das dann immer beim Träumen stehen bleibt
  • diesen Streitereien in der CDU
  • Politik auf Pump
  • den moderaten Lohnrunden
  • Auslese und Abgrenzung, stattdessen brauchen wir individuelle Förderung und Durchlässigkeit.
Und wir dachten alle, Schwarz-Gelb sei der Anfang vom Ende. Aber damit ist nun Schluss.

Jemand - Eine Poetik des Lebens

Samstag, 10. Oktober 2009 ~ Kommentier mich...(0) ~ Twitter mich...

Die großen Geschichten handeln niemals von Etwas, sondern immer nur von Jemandem. Und sie werden auch selten von einer Stimme erzählt, die über den Dingen, sondern von einer, die neben Jemandem steht. Die den Jemand eine Weile begleitet, mit Jemand leidet, sich für Jemand freut. Es sind Stories voll Leid, Hoffnung, Stolz, Hass, Versöhnung, Entfernung und erneuter Attraktion; die schweigend mehr sagen, als das ziselierte Gerede, das immer zuerst Formulierung sein will. Das Leben ist eine Story, die erzählt werden will. Die Handlung braucht, Figuren, Spannungsbögen, kurz: Einen Plot der länger ist und tiefer geht als Der Erste Satz.

Seine Exotik schöpft Jemand aus seiner Entfernung. Nichts scheint fremder als die Person. Nichts näher als das Objekt. Erniedrigung als Weg zum ersten Wahrgenommenwerdens. Raum- und zeitlose Verfügbarkeit des Ichs als Angebot zur bemerkten Existenz. Und plötzlich taucht da einer auf, der nicht Ding ist, sein will oder dazu gemacht werden kann. Ein Held. Oder wenigstens ein prima Kerl. Väter sind zum Beispiel für solche Rollen prädestiniert. Diese unrasierten Kerle, die einem mit ihren dreißig Jahren so unendlich alt erscheinen. Und unnahbar dazu. Die immer mit Mutter zu kämpfen scheinen, weil ihr Leben sie nicht mehr herauszufordern mag, so sehr scheinen sie es im Griff zu haben. Jederzeit befähigt, sich den ganzen Planeten zum Objekt machen zu können. Die es aber nicht tun, weil sie Champions sind, und Champions sowas nicht nötig haben. Aus Prinzip.

Und dann sitzt man so, vielleicht in einer Eisbar. Draußen regnet es, Herbst, klar. Graue Wolken überdachen die Hektik der Innenstadt. Ein Vater. Ein Sohn. Der Eine wäre ohne den Anderen nicht das, was er im Augenblick ist. Beide, in einem Durchgang sitzend, der behelfsmäßig bis lieblos mit Stühlen und Tischen ausgestattet wurde, blättern in einem Buch. Schweigen. Der Kellner bringt zwei Becher Eis. Waffeln werden geteilt, Geschmacksproben von der Portion des jeweils anderen genommen. Draußen vor der Tür wälzen Touristen zu sogenannten Sehenswürdigkeiten. Und wirklich alles fühlt sich richtig an.

Liebe ist ein Nachmittag voll Ruhe und gemeinsamer Einsamkeit, der das Schweigen als Medium nutzt um Unaussprechliches sagen zu können, doch niemals Verlassenheit bedeutet. Mit Heißen Himbeeren. Und einem Ü-Ei.

Respekt

Freitag, 9. Oktober 2009 ~ Kommentier mich...(2) ~ Twitter mich...

Du weißt, dass Du Deinen Job gut machst, wenn Dir "Deine" Studenten solch einen Link mit dem Zusatz Stellen Sie sich vor, dass für Sie ruhig noch ne Strophe erfunden werden könnte! schicken.

Um es mit den Worten des Lieblingsphilosophen des Kleinstflohs zu sagen: Ich glaube, ich bin eine wirklich nützliche Lokomotive. Schönes Gefühl. Unbezahlbar dazu.

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Dieser Beitrag stammt von der Internetseite http://www.flohbu.de und wurde am 6. Juli 2009, um 22:28 Uhr ausgedruckt. Alle Inhalte unterliegen der Creative Commons Lizenz. Es ist Ihnen gestattet, das Werk zu vervielfältigen, zu verbreiten und öffentlich zugänglich zu machen. Zu den folgenden Bedingungen: