Sehnsucht

Montag, 28. September 2009 ~ Kommentier mich...(4) ~ Twitter mich...

Viel öfter als nur manchmal sehne ich mich nach dem Alter. Dieses Alter tritt in der Guckkastenbühne meiner Illusionen als eine Inszenierung zu Tage, deren Bühne proppevoll gepackt ist. Mit Requisiten, die mir die des Lebensabends zu sein scheinen: Ein großer Ohrensessel, abgewetzt von lesend verbrachten Lebensstunden; Wänden voller Bücher, beleuchtet von einer Stehlampe mit staubigem Schirm; einem zweiten Sessel für lieben Besuch, der mich mit seiner schweigsamen, niemals zu viel sagenden Anwesenheit zum ständigen Lavieren über die Welt provoziert; und einem kleinen, barock verstecktem Kämmerlein, in dem ich meine Schnapsreserven horte. Oh Single Malt, Du Weltenretter...

Immer wenn meine Frau Liebste, die in meiner Fantasie dann immer noch die Selbe ist wie heute, nicht hinsieht, werde ich einen Schluck kredenzen. Natürlich findet sie es heraus, aber sie wird schweigen, wie es nur ein Mensch tun kann, der Bescheid weiß. Und der begreift, dass man, und ganz besonders ich, an irgend etwas zu Grunde gehen muss. Denn sind wir mal ehrlich: Das mit der Sterblichkeit ist doch nur so dahin gesagt, oder? So lange ich lebe, hat mir noch keiner den Beweis für meine obligatorische Ablebensfunktion erbracht, also was soll der Kram. Verleugnung der biologischen Prädestination durch naturalistischen Fehlschluss. Auch eine Option.

Und dem Geruch von Schwarzem Tee mit Zitrone. Wie bei meiner Urgroßmutter. In dieser vollgestellten Bude empfange ich dann meine Enkel. Alle zwanzig. Auf einmal. Und dann gehen wir raus und machen den Kiez klar.

Hinzu kommen HSM, der immer ein Jacket mit Flicken auf den Ellenbogen trägt und ein Museum für Krims und Krams mit Außenstellen in Marrakesch, New York und den Komoren besitzt. Und Herr K., der sich nach seinem Studium aus seiner pseudo-journalistischen Bumsbude befreit hat, um ein eigenes, Spuren hinterlassendes Werk zu beginnen: Die Tagesschau als Ausdruckstanz. HSMs Enkel, allesamt so braun wie Jim Knopf, werden natürlich von den furchtbar dummen Parterrekindern gemobbt werden. Meine Enkel werden diesem Unwesen aber ein Ende bereiten und kräftig ungewaschene Fressen polieren. Herr K., wie immer rauchend, und ich, wie immer trinkend, stehen dann am Balkon und geben Schlachtgesänge aus der Zeit zum Besten, in der man in Fußballstadien noch laut sprechen durfte.

Dieser kleine Eskapismus schon nach einem Tag Schwarz-Gelb. Wo soll das alles noch enden?

Wahllokalrunde - Das Finale

Sonntag, 27. September 2009 ~ Kommentier mich...(0) ~ Twitter mich...

Die Ergebnisse stehen mehr oder minder fest. Fernsehbilder wie Stiche ins Herz: Junge Menschen, deutlich unter dem Alter von 30, jubeln darüber, dass die latent starre Angela Merkel Kanzlerin bleiben wird. Junge Menschen, deutlich unter dem Alter von 30, jubeln darüber, dass die Liberalen unter Westerwelle endlich Fakten schaffen können. Alle erwartet eine Politik nach dem Motto "Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht".

Es tröstet mich dann auch nur wenig, dass Linke und Grüne zulegen konnten wie noch nie.

Und die SPD? Sie erhält die Quittung für eine Politik, die nie gestalten wollte, statt dessen immer nur auf die öffentliche Meinung schielte, die sich von der CDU ohne Not vor jeder noch so dummen Idee hertreiben ließ. Die nie Eier zeigte. Die nie harte Kante, dafür aber viel zu häufig ein geschmeidig devoter Biegeklotz war.

Die, um es kurz zu machen, wieder lernen muss, dass es der Frust des Arbeiters und der Schweiß des Prekariats ist, um den man kämpfen muss; nicht netzaffine communities oder Die neue Mitte. Die SPD braucht ihr Profil nicht zu schärfen. Sie muss sich zwingend wieder eines schaffen. Dafür hat man nun Minimum eine Legislatur Zeit. 72.2% Wahlbeteiligung weil zwei Millionen SPDler daheim geblieben sein sollen - sagt die ARD-Statistik. Das Potenzial ist also vorhanden.

Innenansicht: Ein Nazi-Kanzler hätte mich nicht mehr schocken können. Mehr gibt es zum heutigen Tag nicht zu sagen.

Samstagabend

Samstag, 26. September 2009 ~ Kommentier mich...(0) ~ Twitter mich...

Das latente Gefühl etwas verpasst zu haben. Einen Tag? Einen Sommer? Unsere Gesichter glühen im letzten Herbstsonnenschein. Sie fragt mich, ob ich schon früher hier gewesen bin. Wir spazieren der Ungewissheit hinterher und laufen gemächlich vor den tapsenden Schritten des Verfalls durch den Wald.

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Ein Kleingärtner verbrennt Laub und Äste. Ich will nicht an Damals denken. Müssen.

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Wenigstens nicht ständig. Nicht dass ich seinerzeit etwas auszustehen gehabt hätte. Zumindest nichts, das nicht auch andere erleiden mussten. Sie fragt mich, wo ich mit meinen Gedanken sei, sie habe mich doch gerade etwas gefragt.

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Auf dem kleinen Waldfriedhof gibt es ein Gräberfeld für tote Sowjetsoldaten (mit einer Gedenkstele), tote Polen (mit einem Gedenkstein), tote Italiener (mit viel Laub), tote Sinti und Roma (mit viel schlechtem Gewissen). Und eine Abteilung mit nackten Holzkreuzen, anonym. Hier werden die Leute verscharrt, die schon im Leben ihren Namen gegen einen Platz in einer Schlange Durchnummerierter eingetauscht haben.

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Wann hört Fremdheit auf? Bedeutet Nicht-mehr-fremd-Sein automatisch Nicht-mehr-allein-Sein?

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Noch ein Scheiterhaufen. Sie meint, es stinkt. Wir gehen heim. Irgendwer verprügelt sein Kind, das Kind schreit. Nein, ich habe nichts auszustehen gehabt, zumindes nichts, was nicht andere auch heute erleben. Müssen.

Samstagnachmittag

Samstag, 26. September 2009 ~ Kommentier mich...(0) ~ Twitter mich...

Draußen zwitschert ein Vogel. Er ist der Bote einer Welt, die jenseits meines thermoverglasten Schneckenhauses plangemäß zur Ruhe kommen soll, davon aber noch nichts wissen will.

tschip-Tschip-TSCHIP. tschip-Tschip-TSCHIP. tschip-Tschip-TSCHIP. Wie das Erklimmen einer dreistufige Treppe.

Das Leben ist schön. Wollte ich hiermit nur mal verkündet wissen. 

Samstagvormittag

Samstag, 26. September 2009 ~ Kommentier mich...(0) ~ Twitter mich...

Ich liege lesend und schreibend im Schlafzimmer. Eine trotzige Herbstsonne treibt das Bi-Metall-Thermometer auf schalkhafte 35°C. Die Katze genießt die letzten warmen Tage, und hat sich das Aufsaugen jedes ankommenden Lichtquanten zur Tagesaufgabe gemacht.

Für schlechte Zeiten.

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Dieser Beitrag stammt von der Internetseite http://www.flohbu.de und wurde am 6. Juli 2009, um 22:28 Uhr ausgedruckt. Alle Inhalte unterliegen der Creative Commons Lizenz. Es ist Ihnen gestattet, das Werk zu vervielfältigen, zu verbreiten und öffentlich zugänglich zu machen. Zu den folgenden Bedingungen: