Zweite Wahllokalrunde

Sonntag, 30. August 2009 ~ Kommentier mich...(3) ~ Twitter mich...

Machen wir uns nichts vor: Im Jahr 2013 werden afghanische Truppen in Deutschland einmarschieren, um den Deutschen, speziell den Sachsen, Gründzüge der Demokratie beizubringen. Stand eine Stunde vor Schluss: 45,4% Wahlbeteiligung, inklusive der Briefwahl - Das sind Werte wie am Hindukusch! Dennoch ein paar kurze Impressionen:

  • Auch heute waren wieder immens viele Ältere unterwegs. Dabei überwogen die weiblichen Wähler. Und wenn man sieht, mit welchem Aufwand sich die Herrschaften ins Wahllokal kämpften, kann man nur noch grenzenlosen Respekt zollen.
  • Einigen stand das Votum auf die Stirn getackert, anderen auf das T-Shirt. Die Nazis bekamen 22 Stimmen, die Piraten 8.
  • Damit waren heute mehr Hunde als Piratenwähler im Wahllokal (Hint zur perspektivischen Ausrichtung).
  • Offensichtlich hat man die Wahlkreise reorganisiert. Daher mussten Leute, die direkt neben der Schule wohnen, in der sie seit viertausend Jahren wählen waren, rund zwei Kilometer zu uns laufen.
  • Verteilung Meckerer - Nicht Meckerer: Gefühlte Einhundert zu Zehn. (Das waren dann wohl die mit dem Hund.)
  • Einlauf: CDU, Linke, SPD, Grüne, FDP, NPD, Tierschutz, Piraten, BüSo, und der ganze Rest. 1350 hätten wählen dürfen, 620 waren da.

Hier gibt es die Impressionen der Europawahl und hier Offizielles zur aktuellen.

Nachtrag: Der Sachsen-Häuptling der Nationalsozialistischen Politmelanome Deutschlands im MDR-Interview:

ßicherlich hätte ich mir ein beßereß Ergebniß gewünscht, aber ich danke zunägßt erßtmal allen WLan (??? Ach: Wählern!) die ungeachtet der Medienhetße, ungeachtet deß Parteienkartellß, deß Kartellß auß Gewerkschaften, auß Kirche im Vorfeld getrommelt hat, die NPD nicht wider in Landtag ßu wählen, daß wir doch deutlich inßwischen wieder hier im Landtag vertreten ßind mit acht Abgeordneten, daß ißt ein poßitiveß ßignal, die Wähler honorieren unseren Einßatß für Arbeit, Familie, Heimat.

Big Stan Pacino

Samstag, 29. August 2009 ~ Kommentier mich...(0) ~ Twitter mich...

Stan
Stan
Stan
Stan
Stan
Stan
Stan

Bolle

Freitag, 28. August 2009 ~ Kommentier mich...(1) ~ Twitter mich...

Ich bin stolz auf meine Frau Liebste. Ich könnte jetzt all die tollen Sachen aufzählen, die sie für mich getan hat oder noch tun wird. Zum Beispiel das liebevolle Umsorgen, wenn ich mit billigem Fusel einen biochemischen Reboot herbei geführt habe und das System am nächsten Morgen nicht mehr anstandslos hochfährt.

Oder sie für mich Essen zubereitet, obwohl und trotz ich das so gut wie nie für sie tue. Bei mir gäbe es sieben Tage die Woche nur Nudeln mit Fertigsoße, lediglich an den hohen Feiertagen von Reis (Kochbeutel) und kulinarischem Größenwahn unterbrochen.

Ach ja, natürlich: Unser Kleinstfloh. Gäbe es nicht ihre Umsicht, Fürsorge und Bremskraft im Bezug aufs väterliche Bambulerotum, wäre Junior jetzt sicher im Besitz einer Flatrate fürs Kinderkrankenhaus. Dort würde er zwar dank meines preußischen Diktats am Morgen noch vor den Schwestern neben dem gemachten Bett salutieren, wäre aber alles in allem ein tumber Tor.

Grenzenlos wie das Weltall ist aber mein Stolz im Bezug auf ihre Tätigkeit. Sie wird Lehrerin, und die Sommerkurse ausländischer Schüler, die Leipzig heute verlassen, durften eine Woche mit ihr zusammen arbeiten, fluchen und lachen. Heute kam sie mit einer Träne im Knopfloch von der Verabschiedung. Und war randvoll mit Glück.

Du brauchst, aber benötigst mich nicht. Und deshalb liebe ich Dich.

Schule und Staatssicherheit

Mittwoch, 26. August 2009 ~ Kommentier mich...(3) ~ Twitter mich...

Die Beschäftigung mit der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), insbesondere dem Wirken des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) ist Segen und Fluch zugleich: Auf der einen Seite wurde von den Dienststellen und Mitarbeitern des Ministeriums jeder noch so unbedeutend scheinende Vorgang, jede Vorgehensweise akribisch dokumentiert. Praktisch alle Intentionen des Geheimdienstes hinter verdeckten wie offenen Maßnahmen sind schriftlich festgehalten worden und ergeben ein großes Bild des Misstrauens gegen jedermann. Auf der anderen Seite fielen dadurch aber in den 14.527 Tagen ihres Bestehens1 eine Aktenmenge von über 180 laufenden Regalkilometern an. Nicht mitgezählt sind hier die Dokumente, die im Herbst 1989 der planmäßigen Vernichtung zum Opfer fielen. Was erhalten blieb, muss noch immer unter archivarisch sinnvollen Gesichtspunkten geordnet und sortiert werden. Überblicke bleiben zwangsläufig lückenhaft. Und doch: Grundlegende Muster, Arbeits- und Verhaltensweisen lassen sich relativ zuverlässig rekonstruieren. So auch die stetige Einflussnahme auf die Pädagogik und das Bildungswesen der DDR.

Mit dieser Einflussnahme befasst sich die vorliegende Arbeit. Dabei soll es um das operative Zusammenwirken mit dem Volksbildungswesen, die Bewertung problematischer Tendenzen und die Ursachensuche im Verantwortungsbereich der Pädagogik gehen. Infolgedessen kann nur sehr schwer eine Begrenzung auf den Bereich "Schule" vorgenommen werden, denn die Übergänge der Aktivitäten flossen ineinander. Wer als "Inoffizieller Mitarbeiter" in der Oberschule für verdeckte Informationsabschöpfung angeworben wurde, vollzog seine Tätigkeit im Hinblick auf ein späteres Studium oder einen guten Ausbildungsplatz. Traten politisch ungewollte Tendenzen in der Jugend auf, wurden nicht nur Schulen, sondern auch Lehrbetriebe und nichtstaatliche Einrichtungen (zum Beispiel Kirchen oder Umweltgruppen) als mögliche Verursacher in die Pflicht genommen. Jedes beobachtbare Ergebnis wurde als ein Hervorbrechen mit langer Kausalkette bewertet. Und wenn Schule, wenn Bildung, wenn der Staat Sache des ganzen Volkes ist, dann müssen auch die Ursachen für Fehlentwicklungen überall liegen. Daher kann und will ich auch in dieser Arbeit keine Eingrenzung auf den rein schulischen Bereich vornehmen, da diese das gesamtverantwortliche Gewebe zerreißen würde, in das die Problematik eingewoben war. Stattdessen will ich das Augenmerk auf die Jugend der DDR legen, ihr Absolvieren der vorgesehenen Laufbahnen und die möglicherweise daraus resultierende Widerständigkeit in und gegen diese Institutionen und ihre Vertreter.

Zusammenwirken MfS – Volksbildungswesen

Unter dem Begriff Volksbildungswesen wurden alle staatlichen und gesellschaftlich berufenen Kräfte zusammengefasst, die in ihrer Funktion mit allgemeiner oder spezieller Aus- und Weiterbildung befasst waren. Hierunter befanden sich die dem Ministerium für Volksbildungswesen (MfV) unterstehenden Schulen – von der Polytechnischen Oberschule (POS) bis hin zu den Universitäten – aber auch die SED-Massenorganisation Freie Deutsche Jugend (FDJ), die Gesellschaft für Sport und Technik (GST), die Jugendhilfe, Institutionen des Strafvollzuges; ebenso nicht staatlich initiierte Vereinigungen wie die Elternaktive in Schulen oder Ausbildungsbetrieben. Das MfS betrieb selbst eine Hochschule in Potsdam-Eiche.2 Ausgebildet wurden hier Juristen im Fern- und Direktstudium.

Das MfS sah die Bekämpfung feindlicher Aktivitäten gegen die Jugend des Staates als eine ihrer Hauptfunktionen an. Es ging dabei nicht nur um die Aufklärung von Straftaten oder "gesellschaftswidrigen Erscheinungen". Auch die "zielstrebige Arbeit mit dem Menschen", um auf diesen "positiv beeinflussend zu wirken"3, wurde angestrebt. Auf welch niedriger Ebene sich dies abspielen konnte, illustriert der Bericht zur Ein-, Aus- und Durchfuhr von Druckerzeugnissen vom Juli 1959. Es geht in diesem um

"Sogenannte Jugendzeitschriften wie Micky-Maus und andere. Mit diesen Schriften soll insbesondere unsere Jugend von der gesellschaftlichen Arbeit abgehalten werden. Hiermit wird das Ziel verfolgt, in der DDR sogenannte Jugendklubs zu bilden, um so die Jugend vom Eintritt in die FDJ und dem Verband der Jungen Pioniere abzuhalten. Damit wird praktisch der erste Schritt getan, um unsere Jugend für die verbrecherischen Machenschaften der westlichen Machthaber zu gewinnen."4

In der Jugend gezeigtes Fehlverhalten wurde daher nicht als altersgemäßes, durch einen Mangel an Reife bedingtes Defizit im Bereich sozialer Umgangsformen aufgefasst. Die Gesellschaftswidrigkeit erhielt den Status eines sicherheitspolitischen Problems, ihr Initiator saß außen, bei den Feinden der DDR5. Sie wurde zu einer nicht zu überschätzenden Bedrohung der Integrität des Staates – zumindest wenn man der Argumentation des MfS folgen will. Dessen Erklärungsmuster war relativ einfach gehalten: Misserfolge in Bildung und Erziehung sind der fruchtbare Boden, auf welchen die feindlich-negativen Kräfte spekulieren. Also durfte man an dieser Stelle kein Risiko eingehen. Dieses Reduzieren der Realität auf eine bipolare Freund-Feind-Dimension sollte dem MfS bis zum Ende erhalten bleiben.6

Ein zeitlicher Überblick

Erstes Misstrauen – 1950 bis 1961

Das MfS wurde am 8. Februar 1950 gegründet und ersetzte die bis dahin zuständige Spezialeinheit K5 der Kriminalpolizei. Deren vorrangige Aufgabe bestand im Verfolgen von Sabotageakten, Verstößen gegen die Befehle der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) oder den Aufbau der DDR, und dem Verbreiten von antikommunistischer Propaganda. Das Schild und Schwert der Partei unterstand nur dem Politbüro der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und war einzig dem ZK-Sekretär im Bereich Sicherheitsfragen rechenschaftspflichtig. Im Mittelpunkt stand die Überwachung der eigenen Bevölkerung. Wer ist wer? - diese Frage zur sicherheitspolitischen Einordnung einer Person war stets von größtem Interesse. Wie stand der Einzelne zu Staat und Partei? War er positiv, negativ oder gar feindlich-negativ7 eingestellt?

Eines der dringendsten Probleme des noch jungen Staates war aber die kaum zu kontrollierende Republikflucht. Seit Mai 1952 wurde die Bewachung der "Demarkationslinie" zwischen DDR und BRD durch bewaffnete Einheiten und Grenzsicherungseinrichtungen verstärkt. Dennoch gelang vielen die Flucht. Besonders prekär war, dass die pädagogische Intelligenz, also Lehrer und Lehramtsstudierende, sowie Schüler aller Altersstufen den illegalen Weg in den Westen antraten. Die Verantwortung hierfür wurde seitens des MfS unter anderem auch dem pädagogischen Bereich zugewiesen. Dieser hatte auf ganzer Breite versagt, beginnend in der universitären Lehrerausbildung, bis hin zum einfachen Lehrer von Erstklässlern. Die erhobenen Vorwürfe sollten zeitlos bleiben und den Schuldigen regelmäßig vorgehalten werden: Eine zu passive Haltung in ideologischen Diskussionen; zu geringe Kenntnisse der Grundanliegen und -fragen der SED-Politik; Vernachlässigung marxistisch-leninistischer Elemente in den gelehrten Fächern, auch wenn diese keine geisteswissenschaftlichen waren; zu starke Verhaftung in kleinbürgerlichen Denkstrukturen.

Hieb- und stichfeste Fakten, gewonnen aus sauberen empirischen Studien, die ein Eingreifen des MfS in die Volksbildung gerechtfertigt hätten, gab es keine. Stattdessen wurde ein gefährlicher Trend postuliert, der im besten Fall noch mit ein paar Einzelbeispielen illustriert wurde. Als Folge daraus konnte man einen erhöhten Überwachungs- und Aufklärungsbedarf formulieren, dessen Ergebnisse konkret gegen Personen benutzt werden konnten und auch ganz konkret benutzt worden sind.

Exkurs: Professor Walter Brödel

Die Hochschulpolitik der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und späteren DDR war von Beginn an auf das Ziel fokussiert, die Akademien und Hochschulen als weltanschaulichen Institutionen zu etablieren. Professorenstellen wurden zur besseren politischen Lenkung bevorzugt mit Parteiangehörigen der SED besetzt; durch gezielte Förderung Jugendlicher der bis dahin bildungsfernen Bevölkerungsschichten sollte das zahlenmäßige Übergewicht der Studenten bürgerlicher Herkunft an den Universitäten durchbrochen werden8, die sich zuvorderst als Arbeiter- und Bauernfakultäten verstanden. Die studentische Selbstverwaltung wurde durch die FDJ ersetzt.

All diese Maßnahmen konnten aber eines nicht beeinflussen: Den grassierenden Lehrkräftemangel. In der noch jungen DDR fehlten an den entscheidenden Stellen die richtigen Leute. So auch an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, deren Lehre im Herbst 1945 von 27 Professoren geschultert werden sollte – ein Semester zuvor standen dafür noch 172 Personen zur Verfügung. Durch Abwanderung und Entnazifizierung ausgedünnt, musste der Kader dringend aufgestockt werden, notfalls über die Grenzen der Republik hinaus. So kam Doktor Walter Brödel aus Bayern nach Jena9, wo er nach einem Semester dozentischer Tätigkeit zum ordentlichen Professor für Mathematik berufen wurde. Seine politisch gefährliche Weigerung, die Staatsbürgerschaft der DDR anzunehmen, wogen zu Beginn seiner Jenaer Karriere die Fähigkeiten auf dem Gebiet der Mathematik auf.

Brödel seinerseits dachte – wenn man den Protokollen der Staatssicherheit glauben schenkt – keinen Augenblick daran, seine Denkweise zu Gunsten des Arbeiter-und-Bauernstaates zu verändern. In seiner ersten Vorlesung betonte er, dass er ein "gesamtdeutscher Professor" sei und stellte das von ihm erwartete politische beziehungsweise weltanschauliche Wirken in eine Reihe mit den Doktrinen des Dritten Reiches, denn auch hier sollte der Hochschullehrer erzieherisch auf seine Studenten einwirken.10 Als er sich im Herbst 1956 offen gegen den obligatorischen Russischunterricht und die Prüfungen im Fach "Marxismus-Leninismus" positioniert, rückt seine Person auf die Überwachungsagenda des MfS.11

Das MfS schätzte Brödel von Beginn seiner Tätigkeit als negativ ein. Mit zunehmender Zeit häuften sich die als Provokation empfundenen Aktionen des Professors. So schlug er am Tag eines Ersten-Mai-Umzugs seinen Studenten vor, einen Morgenspaziergang zu machen, statt die Zeit auf Demonstrationen zu verbringen. Ein von ihm als "Teestunde" eingerichtetes, turnusmäßiges Treffen stand im Verdacht der "Hetze gegen die DDR"12 und wurde mit Abhörtechnik überwacht. Auch das private Umfeld in Bayern wurde durchleuchtet; allerdings fand man kaum etwas Verwertbares gegen ihn.13 Des Weiteren griff das Ministerium in geplante Personalentscheidungen Brödels seine Assistenten betreffend ein und organisierte eine universitätsweite Diskreditierungsaktion, in deren Verlauf Flugblätter gedruckt und verteilt wurden. In diesen Schriften wandte sich angeblich das Gros der Studentenschaft gegen den NATO-Professor.14 Das Material dafür erhielten sie unter anderem von den geheimdienstlich platzierten Zuträgern, die alle suspekten Formulierungen in Brödels Vorlesungen eifrig protokollierten.

Mit der Zeit wurde der Druck auf den ungeliebten, aber noch dringend benötigten Professor immer größer. Kollegen und Assistenten wurden in unter Druck gesetzt, wehrten sich aber verhältnismäßig couragiert. Doch vorhandene Mentoren schieden entweder aus ihrer schützenden Dienstposition aus oder mussten Brödel aus Gründen des Selbstschutzes den Rücken kehren. Vor einem anberaumten Disziplinarverfahren im Dezember 1961 ging er endgültig in den für ihn sicheren Westen zurück. Das Verfahren bemühte sich, eine enge Verknüpfung zwischen Brödels Herkunft und seiner charakterlichen Eignung herzustellen. Man scheute auch nicht davor zurück, dienstliche Verfehlungen zu konstruieren und sie mit Brödels oppositioneller Einstellung zu begründen. Die Marschrichtung war klar: Die Partei klagte an, die Staatssicherheit lieferte die Zeugen und die Beweise.

Neue Methoden, neue Vorwürfe – Die Sechziger Jahre

Die Abriegelung der DDR gegenüber dem Westen Deutschlands und der Bau der Berliner Mauer im August 1961 stoppten wirksam die nach DDR-Strafrecht illegale Abwanderung. Dennoch gab es keine Entspannung im Verhältnis zwischen MfS und Volksbildungswesen. In einem Bericht vom Juni 1962 listet der Geheimdienst auf dreißig Seiten die "negativen Tendenzen der pädagogischen Intelligenz" auf.17 Darunter befanden sich unter anderem weltanschauliche Mängel wie "Erscheinungsformen des Liberalismus, des Versöhnlertums und kleinbürgerliches Verhalten"; pädagogisches Fehlverhalten: "Bagatellisierung negativen bzw. feindlichen Auftretens von Studenten und Schülern"; didaktisch-fächerübergreifende Defizite: "abstrakte theoretische Wissensvermittlung unter Umgehung einer klaren politischen Stellungnahme, Ablehnung sozialistischer Pädagogik"; nicht zuletzt "ungenügende Unterstützung gesellschaftlicher Organisationen wie der FDJ oder GST".

Trotz dieser desaströsen Einschätzung, die laut MfS angeblich "alle Oberschulen und Institute für Lehrerbildung" betraf, verringerte sich mit den sinkenden Flüchtlingszahlen die Legitimation für eine flächendeckende Überwachung. Eine Änderung dieses Zustandes trat erst mit der Verabschiedung des Gesetzes über das einheitliche sozialistische Bildungssystem vom 25. Februar 1965 ein. Bildung und Erziehung verstand sich ab hier als gesamtgesellschaftliche Aufgabe im Dienste des Sozialismus, die von allen staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen und Organisationen – also auch vom MfS – gelöst werden sollte18. Die Staatssicherheit erhielt mit diesem Gesetz eine rechtliche Grundlage für die Abwehr von Subversion im Hinblick auf Jugendliche. In diese Zeit fällt auch eine Veränderung in die Form der offiziellen Lagebewertung. Man rückte von den Generalabrechnungen mit dem Volksbildungswesen ab und fokussierte die Kritik auf einzelne Schulen, Lehrer und Schüler. Die Ursachenforschung wurde filigraner. Zwar blieb das alte Gut-Böse-Denken erhalten, doch glaubte man mittlerweile bestimmte Kausalitäten erkennen zu können: Rowdyhaftes Verhalten konnte nach dieser Lesart die Reaktion der Jugendlichen auf vorenthaltene Anerkennung seitens der Pädagogen sein19; unpädagogische Verhaltensweisen waren das Resultat mangelhafter Überzeugungsmittel im politischen Diskurs.20

Spannungswechsel – Vom Anfang der Siebziger bis zum Ende der Achtziger Jahre

Das Bildungssystem lief seit Mitte der Sechziger Jahre relativ reibungslos. Selbst der Prager Frühling und die Studentenproteste im Westen Deutschlands gaben dem MfS laut Wiegmann21 keinerlei Anlass zur operativen Intensivierung in den Einrichtungen der Volksbildung; was bemerkenswert ist, da alle anderen Bereiche des gesellschaftlichen Zusammenlebens in Alarmbereitschaft standen. Es fiel lediglich auf, dass der Anteil zum Staat durchaus kritisch eingestellter Jugendlicher mit höherer Bildung und "größerem Intelligenzgrad" zunahm; ebenso wurde ein stärkerer Einfluss der Kirchen festgestellt.22 Die abgeriegelte Grenze erfüllte relativ zuverlässig ihren Dienst, der Personalschwund Richtung Westen im Bereich der Pädagogik war vorerst gestoppt. Auf den Pädagogischen Kongressen wurden vereinzelt Schwierigkeiten und Misserfolge im Generationenverhältnis konstatiert, doch wirklich Systembedrohendes gab es nicht zu vermelden. Vereinzelt wurden seitens des MfS Solidarisierungseffekte Jugendlicher mit ausgewiesenen oder andersartig sanktionierten DDR-Oppositionellen registriert.

Wehrkundeunterricht

Zum Schuljahresbeginn 1978 führte man an den Schulen den Wehrkundeunterricht ein. Dieser war für die männliche Schülerschaft der Klassen 9 bis 11 obligatorisch; für die Mädchen war die Teilnahme an Lehrgängen der Zivilverteidigung vorgesehen, bei denen sie für Sanitätsdienste ausgebildet wurden. Auf Wunsch war auch die Teilnahme am Ausbildungsprogramm der Jungen möglich. Mit diesem Versuch der militärischen Vorprägung schuf man aber gleichzeitig eine neue Grundlage für Konflikte zwischen entsprechend eingestellten Elternhäusern und Staat. Gegner der schulischen Wehrerziehung forderten vehement eine Friedenserziehung ohne Waffengebrauch; es folgten über vierhundert Eingaben an die entsprechenden Stellen der SED, in denen immer wieder die Diskrepanz zwischen pazifistischer Grundeinstellung des sozialistischen Staates und bellizistischer Kompetenzgewinnung im Wehrkundeunterricht betont wird23. Eine gesellschaftliche Bewegung entstand daraus aber nicht; die Schlußfolgerung liegt nahe, dass das Gros der Elternhäuser die neue Ausbildung akzeptierte oder, wenn überhaupt, nur im Stillen dagegen aufbegehrte.

Die Verweigerung der gesamten Teilnahme oder der Absolvierung einzelner Ausbildungsabschnitte wie dem Schießen mit Luftgewehr, wurden zu Beginn noch als relativ unbedenklich angesehen; das MfS beziehungsweise die zuarbeitende (GST) ordnete es nicht sofort als systembedrohendes Verhalten ein, sondern erklärte sich dies mit jugendlicher Opposition. Doch mit der Steigerung der Verweigerungsraten auf Grund religiöser oder weltanschaulicher Einstellungen wurde man auch im MfS hellhörig. Ab 1986 erfasste man die protestierenden Elternhäuser genauso, wie die Schießverweigerer (SV-GST)24 vor Ort. Hierfür wurde speziell eine elektronische Datenbank geschaffen, welche die Möglichkeit weitreichender systematischer Erfassung bot. Dies geschah rückwirkend bis ins Jahr 1985; bereits seit 1984 führte die den Unterricht durchführende GST Namenslisten, die nun an das MfS weitergereicht werden konnten.25 Besonders war dem MfS an den Verbreitern pseudopazifistischer Anschauung gelegen, die von den Verweigerern mit echtem Gewissenshintergrund unterschieden werden sollten. Außerdem sollten die Erfassten mit dem Ziel bearbeitet werden, die Organisatoren und Inspiratoren der Schießverweigerung festzustellen. Im Anschluss sollten sie von Lehrern und Lehrausbildern zu einer positiven Veränderung ihres Verhaltens veranlasst werden.26

Nonkonformisten

Nonkonformistische Bevölkerungsgruppen wie Skinheads, Punker und Grufties standen Mitte der Achtziger im Zentrum der ministerialen Aufmerksamkeit, wobei speziell die Differenzierung der diffusen politischen Einstellungen die meiste Arbeit erforderte; ein Vergleichswert war immer das Verhältnis zum Staat und das Ausmaß der neofaschistischen Attitüde. Speziell bei diesen Gruppen verlagerte das MfS die operativen Maßnahmen weg von den Schulen und Universitäten hin zu den Lehrbetrieben und Berufsschulen. Wichtig waren hierbei nicht nur Kenntnisse über die quantitative, sondern auch die gesellschaftspolitische Entwicklungen. Die Sache hatte aber mehrere Haken: Erstens waren die betroffenen Jugendlichen jünger als ihr Staat, demzufolge Eigengewächse ohne bourgeoise Erblasten, wie vielleicht noch die Jugend in den 1950er Jahren; des Weiteren war ein direkter und nennenswerter Zusammenhang zwischen feindlichen Angriffen und Aktionen auf die Jugend der Republik von außen nicht feststellbar. Die Propaganda des Äußeren Feindes war fortan nur noch eine hochaggregierte Phrase, die das bipolare Weltbild unterstützte sowie seine real erfahrbaren, durch falsche Umsetzung der ansonsten unfehlbaren Ideologie durch Einzelne, entstandenen Fehlentwicklungen herbei konstruieren musste. Konkrete Einwirkungen waren praktisch nicht mehr nachweisbar. Die Jugend rebellierte aus sich heraus.

Blieb die Schuldfrage. Diese wurde auch weiterhin zu Ungunsten der Institutionen der Erziehung beantwortet. Jugendlichen Straftätern wurde als ursächliche Erklärung ihres Rowdytums der unzureichende Einfluss des Elternhauses attestiert; ebensolche Verfehlungen warf man Lehrbetrieben und örtlichen Staatsorganen vor.27 In Leipzig fehlten beispielsweise präventiv angedachte Jugendeinrichtungen, in Dresden sah man das Hören von westlichen Sendern, die "Unkultur und Dekadenz" verbreiteten, als schädlichen Einfluss an.28

Schließlich nahm nicht nur die allgemeine Jugendkriminalität, sondern auch das Ausreiseverlangen unter Jugendlichen zu. Mitte der Achtziger Jahre stieg die Anzahl der Ermittlungsverfahren gegen Jugendliche, die ihre Ausreise forcieren wollten, indem sie zweckdienliche Kontakte zu staatlichen und nichtstaatlichen Stellen im Ausland knüpften. Die Staatsführung war bestrebt, diese Ereignisse so gut es ging, geheim zu halten, um Nachahmungseffekten vorzubeugen. Trotzdem wurde westliches Medieninteresse geweckt. Ausgereisten Jugendlichen verpasste man in den Lageinformationen des MfS nachträglich noch den Stempel des Verbreiters ideologischer Diversion. So berichtet eine Einschätzung der HA XX29 "über in der DDR existierende Jugendliche, die sich mit neofaschistischer Gesinnung öffentlich rowdyhaft verhalten":

"Einige sind bestrebt, in die BRD/WB [Westberlin, Anm. HJS] überzusiedeln. Vorliegende Erkenntnisse belegen, dass solche Personen nach erfolgter Übersiedlung sich neofaschistischen Organisationen anschließen und aktiv gegen die Verhältnisse in der DDR auftreten und ehemalige Bekannte in der DDR verstärkt neofaschistisch beeinflussen."30

Damit spielte die sozialistische Jugend eine Doppelrolle: Einerseits musste sie als schutzbedürftiges Opfer vor Politisch-ideologischer Diversion (PID)31 aus dem Westen bewahrt werden; andererseits wuchsen in ihren Reihen die zukünftigen Verbrecher und Schädlinge der Republik heran. Doch dieses Exklusivwissen kam erst spät zur Anwendung. Während die Staatssicherheit seit 1981 über die vorliegenden Aktivitäten der verschiedenen Subkulturgruppen Bescheid wusste, konnten die Bildungssoziologen erst sehr viel später ihre Arbeit über diese präsentieren.32 Doch da stand die DDR schon vor ihrem Ende.

Stasi auf dem Schulhof – "Wer ist wer?"

Es folgt die Beleuchtung einiger Haupttätigkeitsgebiete des MfS im Bereich der Pädagogik und Volksbildung. Im Vordergrund standen Informationsgewinnung und Rekrutierung, aber auch personelle Entscheidungen und Umbesetzungen wurden initiiert.

Früherkennung "kritischer Tendenzen"

Das Selbstbild der DDR war das des "antifaschistischen Staates auf deutschem Boden", in dem Nationalsozialismus und Faschismus jeder Art als beseitigt betrachtet wurden. Trotzdem entwickelten sich ab den 1980er Jahren diverse jugendliche Subkulturen, die Anlass zur Sorge gaben. Das Aufkommen von Punkern und Skins, damals noch nicht mit der vermeintlichen Klarheit von heute als politisch links- beziehungsweise rechtsorientiert einordenbar, illustrierte in Teilen die Abkehr der Jugendlichen vom gewollten staatlichen Selbst-Bewusstsein.

Mit welcher Brisanz man im Bezug auf die eigene Jugend rechnete, zeigt die Liste der Ressorts, die der Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke, Ende 1966 für den Bereich der Berichterstattung "über die politisch-operative Situation unter jugendlichen Personenkreisen" zusammenstellte. Beteiligt waren 33 federführend Hauptabteilung XX (Sicherung Staatsapparat, Parteien/außer SED, Massenorganisationen/außer FDGB, Kammer der Technik, Kultur, Kunst, Kirche, Untergrund) sowie abgesandte Angehörige der:

  • Abwehrarbeit in der Nationalen Volksarmee und den Grenztruppen (Linie I),
  • Abwehrarbeit im Ressort des Ministeriums des Innern und der Deutschen Volkspolizei (Linie VII),
  • Untersuchungsorgan und -abteilungen (Linie IX),
  • Sicherung der Volkswirtschaft (Linie XVIII),
  • Sicherung Verkehr, Post, Nachrichtenwesens (Linie XIX) und der
  • Auswertungs- und Informationsgruppe (AIG)

Das Phänomen der gewaltorientierten Jugend ist in dieser Zeit kein neues. Schon in den Sechziger Jahren mokierte man sich über die "dekadenten und amoralischen Auffassungen", die durch westliche "sogenannte Beat-Gruppen" auf die DDR einwirkte.34 Dieser "Feindarbeit"35 von außen folgte der Blick auf mögliche Feinde im Innern. So agierten beispielsweise illegale Bands über die komplette Republik verteilt. Das Spektrum ihrer musikalischen Aussagen reichte von "faschistisch" über "anarchistisch" bis hin zu "pazifistisch".36 Abhilfe sollte die gezielte operative Kontrolle besonderer Personenkreise schaffen, so zum Beispiel wegen krimineller und staatsfeindlicher Delikte vorbestrafte Jugendliche. Auch ins Visier der Überwachung gerieten Rückkehrer aus der Bundesrepublik, Arbeitsscheue37 sowie Schüler und Studenten der oberen Klassenstufen und Bildungseinrichtungen (Berufs- und Oberschulen, Universitäten).

In den Schulen sollte diesen Tendenzen vorgebeugt werden. Schenkt man aber den Unterlagen des MfS Glauben, versagten hier die Schulleitungen und Lehrkräfte. Immer wieder wurden "Mängel und Schwächen in der politisch-ideologischen und staatsbürgerlichen Erziehung"38 der Schuljugend angemahnt. Der Anstieg der Jugendkriminalität ("Rowdytum") und steigende Zahlen von Jugendlichen in der Statistik der illegalen Ausreise taten ein übriges. 1987 erklärt sich die Staatssicherheit für den kompletten Bildungssektor zuständig. Dieser reicht von den Kindertagesstätten bis zur Erweiterten Oberschule (EOS), aber auch Berufsschulen und Heime der Jugendhilfe fallen in dieses Ressort.

Auftretende Schwierigkeiten, offene Provokationen oder direkte Angriffe gegen die Ordnung des Staates hatten eines gemeinsam: Es gab sie offiziell nicht. Sollten sie doch, trotz erhöhter Wachsamkeit der betreffenden Stellen, auftreten, nutzte man ein altes Erklärungsmuster: Der Täter wusste es nicht besser; in besonders harten Fällen war er auch von sogenannten feindlichen Kräften erst verführt und dann instruiert worden. Oppositionelles Verhalten wurde als persönlicher Entwicklungsmangel deklariert, den man in Beratungen abhelfen konnte.

Deren Ablauf ähnelte sich: Zuerst wurde das mangelhafte Verhalten publiziert. Es folgte die Kritik, das Benennen der Schuldigen und die Empfehlung von Maßnahmen. Letztere waren bewusst oberflächlich formuliert – mehr ließen die mangelhafte Hintergrundrecherche und der schnelle Rückgriff auf das Feind von außen-Muster nicht zu. Der Effekt der Disziplinierung erwuchs aus dem formalen Charakter dieser Beratungen. Herrschaftsverhältnisse wurden vergegenwärtigt, Definitionshoheiten gefestigt und natürlich: Ein Exempel statuiert.

Die Vorwürfe an die Lehrerschaft nehmen mit der Zeit immer weiter zu. In den Siebzigern und Achtzigern werden Kontakte der Pädagogen in das nichtsozialistische Ausland vom MfS unter die Lupe genommen; man suchte nach Korrelationen zwischen schulischer Arbeitsleistung und vermuteter politischer Einstellung qua Verwandtschaftsverhältnis. Eine echte fachliche Kritik indes wird kaum geübt. Stärker fielen die Vorwürfe wegen kleinbürgerlichen Verhaltens aus, das angeblich von politischer und gesellschaftlicher Inaktivität geprägt war. Unterstellt wurde, dass fast 80 Prozent der Lehrer ihre Verbindungen lediglich zur Steigerung ihres persönlichen Lebensstandards genutzt hätten.39

Die Frage Wer ist wer? erhielt auch im Zusammenhang mit den Schießverweigerern Brisanz. War einer Studie im Bezirk Magdeburg zufolge zu Beginn der 1980er Jahre noch kein Fall zweifelhaft religiös motivierter Verweigerung bekannt, wuchs diese Zahl im Jahr 1988 auf 80 Prozent an. Lediglich einem Fünftel der Verweigerer konnte eine religiöse Bindung glaubhaft nachgewiesen werden. Eingeteilt wurde nun in drei Kategorien: Religiös Gebundene "die aus Glaubensgründen der Ansicht sind, nicht schießen zu dürfen bzw. den Pazifismusgedanken falsch auslegen", "politisch Interessenlose, Indifferente, Drückeberger usw. die sich hinter angeblichen religiösen Bindungen verstecken" und die am gefährlichsten eingestuften Feinde, die "Religion und Kirche als Deckmantel für ihre Haltung und ihre Aktivitäten nutzen wollen."40

Rekrutierung

Die Deckung des Nachwuchsbedarfes war angesichts fluktuierender Mitarbeiterzahlen im Bereich der IM eine der wichtigsten Aufgaben, denen sich das MfS gegenüber sah.41 Offizielle wie Inoffizielle Mitarbeiter schieden nicht nur altersbedingt aus: Entweder war der seelische Druck der operativen Arbeit zu groß, der Mitarbeiter unzuverlässig oder an der falschen Stelle postiert, was recht schnell zur Dekonspiration der IM führen konnte. Die in großer Zahl frei werdenden Stellen mussten demzufolge schnell nachbesetzt werden. Um die Arbeit der Behörde langfristig sichern zu können, benötigte man besonders junge Neueinsteiger. Diese glaubte man an den Schulen der Republik zu finden. Die Phase der Rekrutierung wurde als "Höhepunkt im Gewinnungsprozess"42 bezeichnet, die von einer strikt normierten Vor- und Nachbereitungsphase umgeben war.

In den Gründungstagen der Staatssicherheit war der Anspruch an den Intellekt des Einzelnen noch nicht allzu hoch. Deutlich wichtiger bewertet wurden politische Vorgeschichte und operative Zuverlässigkeit. Einstellungen wurden fast ausschließlich biografisch begründet: In Frage kamen nur Personen, die zu Zeiten der nazionalsozialistischen Diktatur auf Seiten europäischer Partisanenbewegungen kämpften, im sowjetischen Exil oder gar als Kommunisten oder Oppositionelle von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) inhaftiert waren. Mangelhafte Schulbildung nahm man in Kauf, wenn der Mitarbeiter nur wusste, wer der Feind ist und wo dieser zu bekämpfen sei.43 Auf Dauer waren aber derart schlecht ausgebildete Leute den komplexen Ansprüchen des Systems nicht mehr gewachsen, zumal sie nur schwer kontrollierbar waren und zu Brutalität neigten.44 Intellektuell besser aufgestellte Leute mussten verpflichtet werden, weshalb man sich auf die Suche in den Schulen und Universitäten der DDR begab.

Die Nachwuchsgewinnung im Bereich der Schule ist seit Mitte der 1960er Jahre belegt. In dieser Zeit lag das Hauptaugenmerk auf der Studentenschaft, um bedenkliche Tendenzen besser an der Wurzel packen und Studentenproteste verhindern zu können. Meist erfolgten die ersten Anwerbeversuche schon in der Erweiterten Oberschule (EOS), um einen nahtlosen Übergang ins studentische Milieu gewähren zu können. Geplant waren erste Kontaktaufnahmen zu dieser Zeit auch schon in Klasse 10, doch scheiterte dieses Vorhaben an bürokratischen Hürden. Perspektivisch waren eine Weiterverwendung im Bereich der Grenzsicherung und, im zivilen Sektor, in den Schlüsselbetrieben, den wissenschaftlichen Einrichtungen des Landes sowie den Reisekadern der Partei angedacht. Dennoch blieben die Zahlen hinter den allgemeinen Erwartungen zurück.

Ab Mitte der 1970er Jahre hatte man mit einem demographischen Einbruch zu kämpfen: Der Rückgang der Geburtenzahlen durch den Pillenknick45 führte dazu, dass die Summe der 14-jährigen, verglichen mit früheren Zeiten, nur noch 60 Prozent entsprach. Das MfS war gezwungen, die Rekrutierung in den Schulen vorzuverlegen, wollte man trotz sinkender Schülerzahlen die Quote der Angeworbenen halten. Konflikte entstanden vor allem mit der Nationalen Volksarmee (NVA). Diese warb ihren Nachwuchs ebenfalls an den Polytechnischen Oberschulen an. Ab 1981 galt ein Kooperationsvertrag zwischen MfS und NVA, der dem Geheimdienst eine Vorrangstellung einräumte. Taugte der Rekrut nicht für die Geheimdienstarbeit, wurde er an die NVA delegiert.

Eine erste Vorauswahl fand daher nun schon in der siebten Klasse statt, die zielgerichtete Gewinnung in der achten und neunten. Für die konkreten Anwerbungen zur militärischen Nachwuchsgewinnung wurden in Schulen sowohl Zeit als auch Räume zur Verfügung gestellt. Mitarbeiter des MfS führten hier Gespräche mit Schülern der oberen Klassen. Wer sich den Werbern anschloss, profitierte bei der Vergabe von EOS- beziehungsweise Studienplätzen und begehrten Lehrstellen.

Da diese Privilegien aber selten langfristig überzeugend waren – welcher Achtklässler weiß in diesem Alter schon alles über die Verpflichtungen, die ihm als Angehöriger des MfS erwarten, bescheid – wurde empfohlen, dass die Anwerbung auf dem Umweg über die Eltern erfolgen sollte. Der offizielle Schulrahmen sollte für die eigentlichen Verpflichtungsgespräche vermieden, aber nicht ausgeschlossen werden. Die Einflussnahme der eigenen Verwandtschaft sah man als erfolgversprechender an.

Kinder aus systemkritischen Elternhäusern waren zu einer Mitarbeit so gut wie kaum zu bewegen. Vielversprechender sah es hingegen beim Nachwuchs der MfS-Leute selber aus; im Berliner Stadtteil Hohenschönhausen, bevorzugte Wohngegend von Staatssicherheitsleuten, konnten die geforderten Zahlen noch bis Mitte der Achtziger Jahre deutlich übertroffen werden. Insgesamt war aber die Menge der in schulischen Einrichtungen geworbenen Zuträgern eher gering.

Nicht nur positive Reize, seien sie ideell oder materiell, wurden von den Werbern eingesetzt. Häufig nutzte man auch die Taktik des Kompromat: Operativ-psychologisch setzte man den Kandidaten unter Druck. Es ging im Verweigerungsfalle um die Beschädigung des Rufes, zur Bloßstellung im Bekanntenkreis oder um das ruchbar werden kleinerer jugendkrimneller Vergehen. Ein mittelheiligender Zweck sollte dies nicht sein, dennoch wurden Bereitschaftserklärungen mit durch versprochene Nichtverwendung kompromittierenden Materials erpresst. Das Spektrum des "verschwiegenen" Materials reichte dabei von unberechtigtem Motorradfahren bis hin zur Republikflucht.46 Wer sich trotz des Drucks nicht zu einer Zusammenarbeit entschließen konnte, hatte mit der Veröffentlichung und den daraus erwachsenden Konsequenzen zu rechnen.

Trotz der Anstrengungen: Den Bedarf an jugendlichen Zuträgern konnte das Ministerium für Staatssicherheit kaum decken. Das immer stärker werdende Interesse an Informationen aller Art aus jedweden Bereichen und das immer rascher sinkende Ansehen der Behörde verbreiterte den Graben zwischen Wollen und Können. Hinzu kam das Paradigma der bedarfsorientierten Werbung. Diese sollte nicht um den Preis bloßen quantitativen Anwachsens durchgeführt werden, vielmehr mussten IM gewonnen werden, die in relevante Schwerpunkte eindringen konnten. Im Bereich des Sicherungsraumes Jugend kamen daher nur Schüler in Frage, doch deren Verwendbarkeit löste sich mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter auf. Nimmt man noch ein Mindestmaß an politischer Zuverlässigkeit hinzu, kann man sich die Schwierigkeit bei der Suche nach geeigneten Kandidaten, beispielsweise im Bereich jugendlichen Nonkonformismus, vorstellen: Es bedurfte eines obskuren Gemischs aus ideologischer Festigung und negativ-dekadenter Lebensweise. Der Kandidat musste nach außen "schmuddelig und schmierig aussehen", aber "dennoch sauber in seiner Körperpflege" sein.47

Lehrer als IM

Mit der Formulierung eines erhöhten Sicherungsbedarfs der Pädagogen Mitte der 1980er Jahre wurde klar, dass die Staatssicherheit auch Lehrer als Zuträger einsetzen musste, um direkte Informationen aus Schulklassen, Lehrerkollektiven und Schulleitungen erhalten zu können. Primäre Zielgruppe der Anwerbeversuche waren Personen mit geradlinigem Lebenslauf, guten Studienleistungen und abgeleistetem Wehrdienst. Hier waren die Chancen auf geeignete Kontaktpersonen am größten, weil sie die komplizierten Wege der Konspiration gehen konnten, zudem in der Lage waren, die geforderten Protokolle anzufertigen und pünktlich beizubringen sowie ihre soziale Formung im Sinne des Sozialismus abgeschlossen war.48

Die operativen Hauptgebiete waren die Anhäufung von Informationen über die eigene Schulleitung sowie Kollegen; Schüler und deren Elternhäuser beziehungsweise die in diesen schwer erforschbaren Gebieten stattfindenden Vorgänge; auch allgemeine Stimmungsberichte wurden verlangt. Hinter allem stand die Frage Wer ist wer? - Wie sind die observierten Personen im Bezug auf Staat und seine Führung einzuschätzen? Die ältesten Überwachungsberichte befassen sich mit den Aktionen der Jungen Gemeinde, die als überzeugte Christen in ständigem Konflikt mit der staatlich verordneten Weltanschauung standen. Erwähnenswert hielt man auch politische Witze, "westliche Argumente" in politischen Diskussionen und, mit der Einführung des Wehrunterrichts, "pazifistische" Tendenzen. Erkenntnisse versprach man sich auch aus dem Bereich der Jugendhilfe; vor allem sollte eine Art Frühwarnsystem für "vorhandene Gefährdungslagen", zum Beispiel Erziehungsmängel, die zu sozialen Fehlverhalten führen oder den "Anschluss von Jugendlichen an negative informelle Gruppen innerhalb von Klassen"49 zur Folge haben, installiert werden.

Unter Beobachtung standen auch potentielle Übersiedler. Konnten ausreisewillige Pädagogen noch verhältnismäßig einfach an den obligatorischen Anträgen bei den Behörden identifiziert werden, waren Lehrer mit "feindseliger Haltung" wesentlich schwerer zu fassen. Beide Gruppen sollten nach den Wünschen Margot Honeckers aus dem Schuldienst entfernt werden.50 Sie zu ermitteln oblag unter anderem den IM des Kollegiums.

Da die Versuche des Anwerbens von Schülern nicht die erhofften Zahlen zuverlässiger Informanten einbrachten, war das MfS auf die Mitarbeit von Lehrern angewiesen. Doch auch hier war die Resonanz eher gering: Eine Forschungsarbeit beziffert die Mitarbeiterquote auf 2,5 bis 5 Prozent.51 Zum Vergleich: In der Polizei waren vierzehn, bei der NVA fünfzehn und im Bereich der Post sogar über 21 Prozent der Mitarbeiter als IM mit dem Ministerium verbunden.

Schlussbetrachtung

In der Vorbereitung auf das Stundenreferat zum Thema "Schule und Staatssicherheit" tauchte in einer Diskussion unter Lehramtsstudierenden folgende Frage auf: Weshalb solle man sich heute, zwanzig Jahre nach dem Ende der DDR, noch mit diesem Thema beschäftigen? Welche Relevanz besitzt es für Lehrer, die nicht das Fach Geschichte unterrichten, dieses Thema also nicht im Schulstoff vermitteln müssen?

Stellt man sich der im Hochschulstudium an sich schon wenig gewinnbringenden Frage nach einem konkreten fachlichen Anwendungswert von Problemstellungen für das eigene, zukünftige Schaffen, ergibt sich in der Tat das Bild einer zu behandelnden Thematik, die weit über das hinaus geht, was dem Einzelnen vor der Klasse nutzt. Dennoch handelt es sich bei "Schule und Staatssicherheit" nicht um ein rein akademisches Thema oder gar bloßen historischen Quellentourismus im Schutze des Elfenbeinturmes. Das breite Einwirken einer staatlichen Institution in die Befindlichkeiten der Bevölkerung, generalstabsmäßig unter das Motto "Schule ist Sache des ganzen Volkes!" gestellt und an der beinahe frühesten Stufe der sozialen Persönlichkeitsentwicklung ansetzend, entbehrt nicht einer gewissen Perfidie. Denn die Hinführung zum Totalitarismus, zu Zeiten des "Dritten Reiches" systematisch in Form von parteitreuen Jugendorganisationen angewandt und von der programmatisch antifaschistisch eingestellten DDR nimmermüde angeprangert, wiederholt sich hier ein weiteres Mal. Der Einwand des Gut gemeint, aber schlecht gemacht soll die veränderten Vorzeichen beider Regimes verdeutlichen, will Fehlleistungen rechtfertigen, sie vielleicht noch einzelnen Entscheidungen oder wenigen Entscheidungsträgern anhängen. Der zu Grunde liegende Mechanismus jedoch bleibt unangetastet. Das gefährliche Potenzial unlauterer Einflussnahme kommt in der oberflächlichen Diskussion nicht vor.

Die Köpfe der Jugend sind seit jeher ein begehrtes Gut. Zu keinem Zeitpunkt sind Menschen effektiver formbar und nirgendwo lässt sich dieser Formungsversuch durch den Staat Dabei befindet sich die Lehrerschaft an einer sensiblen Schnittstelle. Sie operieren zwischen dem politisch instruierten Willen der Institution und den ihnen anvertrauten Schülern. Die Entscheidung, die damals jeder für sich treffen musste, kam verführerisch einfach daher: Mitmachen oder nicht? Was gibt es zu gewinnen, was zu verlieren?

Braucht ein Lehramtsstudierender also dieses Thema? Die oben skizzierte Entscheidung ist durchaus als zeitlos zu betrachten. Auch heute ringen gesellschaftliche Gruppen um den Einfluss auf die Jugend, sei es, um sie als spätere Kundschaft zu gewinnen, oder als "Jungvolk" zu rekrutieren.52 Angehenden Lehrern sollte klar sein, welche Rolle sie im Zerren um die Mündigkeit ihrer Schüler spielten und spielen. Jedem einzelnen der heute viel gescholtenen MfS-IM kann quantitativ nur sehr wenig vorgeworfen werden. Er tat nicht viel – aber für das System das Richtige. Ein maßgeblicher Aspekt aller totalitären Regimes ist das Ringen um die Jugend als Fortführer der (politischen) Ideen. Und: Es gab immer Lehrer, die ihren aktiven und passiven Beitrag zur Indoktrination geleistet haben. Niemand ist ob seines akademischen Abschluss davor gefeit, ein Rädchen im System zu werden. Der Preis der Mündigkeit ist das Wissen um die Mechanismen hinter den Kräften, die diese einzuengen versuchen.

Bibliografische Angaben

  • Gieseke, Jens: Die DDR-Staatssicherheit. Schild und Schwert der Partei. Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn 2000.
  • Kluge, Gerhard: Der "NATO-Professor" Walter Brödel. Herausgegeben vom Landesbeauftragten des Freistaates Thüringen für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Erfurt 1999.
  • Leitner, Olaf: Rockszene DDR. Aspekte einer Massenkultur im Sozialismus. Reinbeck 1983.
  • Lokatis, Siegfried: Die Hauptverwaltung des Leselandes. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Ausgabe 11/2009, Bonn 2009.
  • Müller-Enbergs, Helmut: Inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, Teil 2: Anleitungen für die Arbeit mit Agenten, Kundschaftern und Spionen in der Bundesrepublik Deutschland. Ch. Links Verlag, Berlin 1996.
  • Sachse, Christian: Aktive Jugend, wohlerzogen und diszipliniert. Wehrerziehung in der DDR als Sozialisations- und Herrschaftsinstrument (1960-1973). Lit-Verlag, Berlin 2000.
  • Süß, Walter: Zu Wahrnehmung und Interpretation des Rechtsextremismus in der DDR durch das MfS. Reihe B: Analysen und Berichte Nr. 2/1996. Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Abteilung Bildung und Forschung. Berlin 1996.
  • Wentker, Herrmann: Justiz in Brandenburg 1945-1955: Gleichschaltung und Anpassung. Veröffentlichungen zur SBZ-/DDR-Forschung im Institut für Zeitgeschichte. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2001.
  • Wiegmann, Ulrich: Pädagogik und Staatssicherheit. Schule und Jugend in der Erziehungsideologie und -praxis des DDR-Geheimdienstes. Metropol-Verlag, Berlin 2007.

Des Weiteren zu empfehlen sind protokollierte Gespräche mit ehemaligen MfS-Mitarbeitern. Diese und andere Literatur wurden im Vortrag, nicht aber in dieser Arbeit benutzt.:

  • Karau, Giesela: Stasiprotokolle. Gespräche mit ehemaligen Mitarbeitern des "Ministeriums für Staatssicherheit" der DDR. Dipa-Verlag Frankfurt am Main.1992.
  • Mielke, Erich: Ausgewählte Reden und Aufsätze. Dietz Verlag Berlin. 1987.
  • Vollnhals, Clemens: Das Ministerium für Staatssicherheit. Ein Instrument totalitärer Herrschaftsausübung. Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Abteilung Bildung und Forschung. Berlin 1995.
  • Wawrzyn, Lienhard: Der Blaue. Das Spitzelsystem der DDR. Verlag Klaus Wagenbach Berlin. 1990.
  • Wilkening, Christina: Staat im Staate. Auskünfte ehemaliger Stasi-Mitarbeiter. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar. 1990

Anmerkungen

1 Von der offiziellen Gründung als Ministerium für Staatssicherheit am 8.Februar 1950 bis zur Auflösung und dem Übergang in das Amt für Nationale Sicherheit am 17.November 1989.

2 Alle in dieser Hochschule erworbenen Abschlüsse sind im Übrigen laut dem Einigungsvertrag noch heute gültig, d.h. sie erlauben es dem Inhaber, in der Bundesrepublik als Anwalt tätig zu sein, wenn sie diesen Beruf schon vor der Wiedervereinigung ausgeübt hatten. Vgl. hierzu: Einigungsvertrag Anlage I, Kapitel III, A III Sachgebiet A (Rechtspflege) Abschnitt III, Nr. 8 Buchst. y, jj.

3 Es handelt sich hierbei um Formulierungen einer geheimdienstlichen Qualifikationsarbeit aus dem Jahr 1984. Zit. nach Wiegmann 2007, S. 10.

4 Bericht zur Ein-, Aus- und Durchfuhr von Druckerzeugnissen, 15.7.1959, BArch Berlin-Lichterfelde DL 203, 294, AZKW, HA2. Zit. nach Lokatis 2009, S.29.

5 Feinde der DDR ist eine Bezeichnung und eine Sprachbenutzung, die eine als feindliche beurteilte Gegnerschaft im Spektrum klassenkämpferischer Auseinandersetzung umschreibt. In erster Linie handekt es sich dabei um alle nichtkommunistischen Staaten, besonders die NATO-Mitglieder, Aktivisten der Wiedervereinigung, kurzum alle, die der DDR in ihrem souveränen Selbstverständnis im Wege standen.

6 Im Jahr 1988 weiß man bspw. noch folgendes zu berichten: "Auch einige Bundestagsabgeordnete der CDU/CSU, FDP und Grünen sind bemüht, mit Jugendlichen und Gruppen Verbindungen zu unterhalten und sie in ihrer Tätigkeit anzuleiten und zu unterstützen." - Informationen über Versuche des Klassenfeindes , verstärkt politisch-ideologischen Einfluss auf die Jugend zu nehmen. Vgl.: Süß 1996, S. 78.

7 In der "Richtlinie Nr. 1/76 zur Entwicklung und Bearbeitung Operativer Vorgänge (OV)" definierte das MfS, was es mit dem Superlativ "feindlich-negativ" einstufte: Landesverrat, Geheimnisverrat, ungesetzliches Verlassen der DDR, staatsfeindlicher Menschenhandel, Sabotage, Vertrauensmissbrauch, Untreue zum Nachteil sozialistischen Eigentums, Bestechung, Terror, Waffendelikte, staatsfeindliche Hetze, staatsfeindliche Gruppenbildung, Rowdytum, Zusammenrottung, kriminelle Personenzusammenschlüsse, schwerwiegende Straftaten gegen die öffentliche Ordnung. Im Gegensatz dazu standen die Attribute positiv/negativ als einfache Dichotomie zueinander und dienten als Kategorie für das allgemeine Einverständnis des Bürgers mit dem Staat.

8 Bildungsfern meint in diesem Kontext die Zugehörigkeit zur Klasse der Arbeiter und Bauern; bürgerlich hingegen waren Beamte, Angestellte, Intellektuelle.

9 Walter Brödel wurde 1911 in Leutersdorf/Oberlausitz geboren, studierte u.a. in Leipzig und wurde auch hier promoviert. Ab Mitte der dreißiger bis Anfang der vierziger Jahre war er in Leipzig Assistent am Mathematischen Institut. Zwischen 1941 und 1946 lebte und arbeitete er in Marzoll und Ainring (Bayern). Er starb 1997 in Gmain.

10 Vgl.: Kluge 1999, S.34 f.

11 Ebd., S. 10.

12 Ebd., S. 15.

13 Zu Brödels politischer Einstellung findet sich nur die Einsicht, dass man nichts in Erfahrung bringen konnte. Der Rest kann als nutzlos angesehen werden. Zitat aus dem Ermittlungsbericht: "Prof. Brödel ist Musik liebend und spielt noch heute wie vor 1948 in der alten historischen Kirche in Marzoll während seiner Freizeit die Orgel." Vgl: Ebd., S.25.

14 Die vollständige Abschrift des Flugblattes, inklusive des Euphemismus NATO-Professor findet man ebd., S. 36 ff. Eine Fotokopie befindet sich ebd. auf der hinteren Einbandseite.

15 Kluge 1999, S.43 ff.

16 Berichtet wird von den Professoren Eckhardt und Schütz, die sich fünf Jahre zuvor noch für Brödel in der Frage um seine fachliche Eignung als Hochschullehrer einsetzten, nun aber gegen die Vorbereitung des groß angelegten und auf Propaganda getrimmten Disziplinarverfahrens keinen Einspruch mehr erhoben. Ein weiterer Fürsprecher war Prof. Dr. Hämel, der dreimal zum Rektor der Friedrich-Schiller-Universität Jena gewählt wurde und 1958 in die Bundesrepublik floh. Ihm wurde im Verfahren durch die Zeugen der Anklage mehrfach ein Schutzverhalten im Bezug auf Brödel attestiert.

17 Vgl.: Wiegmann 2007, S.151 f.

18 Unmissverständlich formuliert in §7, Absatz 1: "Bei der sozialistischen Bildung und Erziehung wirken staatliche Institutionen, gesellschaftliche Organisationen und die Familie eng zusammen. Die Einrichtungen des sozialistischen Bildungssystems vereinen als Zentren von Bildung und Erziehung die vielfältigen staatlichen und gesellschaftlichen pädagogischen Bemühungen."

19 BStU-A – Wilfried Münchow, Praktische Erfahrungen bei der Suche und dem Erkennen von geeigneten Ansatzpunkten einer eventuellen Bereitschaft Jugendlicher, S.25f. Vgl.: Wiegmann 2007, S.155.

20 BStU-A – Bericht über Gruppierungen Jugendlicher in der DDR vom November 1965, Bl. 37F und 55. Vgl. Wiegmann 2007, S.154.

21 Ebd. S. 156. Wiegmann spricht davon, dass es keine "nachweislichen bzw. signifikanten" Häufungen von Vorkommnisen gab.

22 BStU-A – Zusammenfassende Einschätzung der politisch-operativen Lage unter jugendlichen Personenkreisen. Ausgearbeitet auf der Grundlage der Berichterstattung der Verwaltungen und Bezirksverwaltungen für das II. Halbjahr 1969. Sign. MfS-HA XX/AKG, Nr. 804, Bl.211. Zit. nach Wiegmann 2007, S.51.

23 Vgl.: Wiegmann, S. 185 f. Die vorgebrachten Einsprüche kamen im Jahr 1978 aus Kirchenkreisen und außerkirchlichen Räumen der Gesellschaft.

24 "SV-GST" ist die im MfS gebräuchliche Abkürzung für den Schießverweigerer, der die Schießausbildung im Rahmen der Gesellschaft für Sport und Technik ablehnte.

25 Scheffel, OS Mario: Untersuchung politisch-operativ bedeutsamer Aspekte des Verweigerers der militärischen Ausbildug, insbesonders der Schießausbildung innerhalb der GST und Herausarbeiten von Schlußfolgerungen für die politisch-operative Arbeit der Linie XX. JHS 211:86 (Diplomarbeit). 1.4.1988. Zit. nach Sachse 2000, S.223.

26 Vgl.: Wiegmann 2007, S. 194 f.

27 BStU-A – Information über Entwicklung und Erscheinungen der Jugendkriminalität, insbesondere des Rowdytums. Sign. MfS-HA IX, Nr.247, Bl. 46. Zit. nach Wiegmann 2007, S. 66.

28 Was besonders im Falle Dresdens einer gewissen Ironie nicht entbehrt, wurde doch diese Stadt auf Grund geografisch ungünstiger Lage vom Empfang westlicher Rundfunk- und Fernsehsender abgeschnitten und mitunter auch spöttisch als das "Tal der Ahnungslosen" bezeichnet. Dass man nun gerade für diesen Bereich das Westsenderhören in die Verantwortung nimmt, zeugt von der unkreativen Kreativität der Behörde.

29 Die Hauptabteilung XX war unter anderem für die Bereiche Staatsapparat, Kultur, Kirche und Untergrund zuständig.

30 Einschätzung über in der DDR existierende Jugendliche, die sich mit neofaschistischer Gesinnung öffentlich rowdyhaft verhalten sowie Schlußfolgerungen zu ihrer weiteren rigorosen Zurückdrängung und Verhinderung von derartigen Jugendlichen ausgehender Gefährdungen der Sicherheit und Ordnungen. Hauptabteilung XX aus dem Jahr 1988. Vgl. hierzu: Süß 1996, S. 90 ff.

31 Was darunter zu verstehen ist, ist u.a. im zur geheimen Verschlusssache erklärten 1. Kommentar zur Richtlinie 2/79 des Ministers für die Arbeit mit Inoffiziellen Mitarbeitern im Operationsgebiet vom Januar 1980 festgelegt: "Mit der politisch-ideologischen Diversion verfolgt der Feind das Ziel, eine Atmosphäre des kalten Krieges zu schaffen, zwischen den sozialistischen Staaten zu differenzieren und einen Keil zwischen die Sowjetunion und ihre Verbiündeten zu treiben, Widersprüche zwischen den sozialistischen Staaten zu erzeugen und sie gegeneinander auszuspielen, Gegensätze zwischen den Parteiführungen und der Bevölkerung herauszubilden sowie feindlich-negative Kräfte in den sozialistischen Staaten zu staatsfeindlichen und anderen kriminellen Handlungen zu aktivieren." Zit. nach Müller-Enbergs (1996), S.521.

32 Wiegmann 2007, S.69.

33 Befehl 11/66, Vgl.: Wiegmann 2007, S.39.

34 Vgl. Leitner 1983, S.319 f.

35 Vgl. HA XX, "Information" 364/86, MfS-Nr.68/86: "Erscheinungsformen gesellschaftswidrigen Auftretens und Verhalten negativ-dekadenter Jugendlicher, besinders sogenannter Punker, innerhalb der DDR und Maßnahmen zur politisch-operativen Bearbeitung dieses Personenkreises" vom 7.7.1986: "Die Auswirkungen [der] zielgerichteten Tätigkeit reichen sowohl von einfachen Erscheinungen der ideologischen Zersetzung bis zu Staatsverbrechen, die von jugendlichen begangen werden."

36 Ebd.

37 §249 des StGB der DDR befasst sich mit dieser Form der "Straftaten gegen die allgemeine, staatliche und öffentliche Ordnung": "Wer das gesellschaftliche Zusammenleben der Bürger oder die öffentliche Ordnung dadurch gefährdet, daß er sich aus Arbeitsscheu einer geregelten Arbeit hartnäckig entzieht, obwohl er arbeitsfähig ist, oder wer der Prostitution nachgeht oder wer sich auf ändere unlautere Weise Mittel zum Unterhalt verschafft, wird mit Verurteilung auf Bewährung oder mit Haftstrafe, Arbeitserziehung oder mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren bestraft. Zusätzlich kann auf Aufenthaltsbeschränkung und auf staatliche Kontroll- und Erziehungsaufsicht erkannt werden."

Neulich in der Küche nebenan

Mittwoch, 26. August 2009 ~ Kommentier mich...(0) ~ Twitter mich...

Mbwhuhubwuhutuu!, meint er so.

Ach neij!, entgegnet sie.

Mbubuwausuhu numbnun?

Habsch dor schomma gesaaacht!

Mmhhhh...

Jedes mal 's selbe!

Mbduhachhöreoff!

Schön zu hören, dass sich unsere Nachbarn so gut verstehen. Ist ja keine Selbstverständlichkeit, so nach gefühlten vierhundert Jahren Ehe.

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