Kehlmann? Och nööö
Freitag, 31. Juli 2009
Hiermit ernenne ich Harry Rowohlt zum Flohbude-Ehrenleser des Jahres. Auf die Frage, was es sich - außer Kehlmann - heute noch zu lesen lohnt, antwortet mein Held der deutschen Sprache:
"Ich habe bisher noch keine Silbe von Daniel Kehlmann gelesen und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ich das jemals tun werde. [...] Ich habe keine Lust zu lesen, was jeder Affe liest."
Dann wäre er hier ja goldrichtig. Bei ZEIT-Online gibt es das Video-Interview.
Meinungsfreiheit in der Kita?
Donnerstag, 30. Juli 2009
Noch eine Anmerkung zu diesem Beitrag über den neuen Kita-Tarifvertrag: Wer einmal das echte mielkeeske Horch-und-Guck-Feeling sowie die angstvolle Aussage Kein Kommentar hierzu "genießen" möchte, sollte einmal in journalistischem Auftrag KindergärtnerInnen nach ihrer Meinung zum neuen Tarifabschluss befragen.
Offensichtlich gibt es in Deutschland noch immer Ämter, die den ihnen Unterstellten in einer kaum zu durchschauenden Mischung aus nebulös angedeuteter Sanktion und offenem Verbot so viel Druck machen können, dass sie lieber auf ihr Recht der freien Rede verzichten, als mit der Presse zu sprechen. Nicht in den "Dunklen Zeiten", irgendwo im Preußischen Kaiserreich, bei Adolf Nazi oder im Stasi-Gewirr. Nein, heute: Im Jahr 2009. In Leipzig.
Es herrscht noch nicht einmal Bereitschaft, wenn man mit ihnen direkt verwandt ist und darüber hinaus absolute Anonymität zusichert. Und das ist kein Vorwurf an die Kita-Erzieherinnen.
Übrigens wirbt meine Heimatstadt mit dem Slogan "Leipziger Freiheit". Offenbar ist das eine attributive Auslegungssache. Wir haben verstanden.
Grausam
Donnerstag, 30. Juli 2009
Grausam wäre es, den Algorithmus hinter jedem Witz zu kennen. Also nicht jedem einzelnen Witz, denn das ließe sich mit genügend Wahnsinn und Lebensarbeitszeit deduktiv arrangieren; sondern den einen hinter allen Witzen. Sozusagen die genetische Grundstruktur, den magmatischen Kern, die zum Lachen zwingende Quintessenz. Wenn man also in der Lage wäre, den Protowitz zu erzählen, sprich: die Anekdote, von der alle Anekdoten abstammen, lebte man sicher in einer total faden Welt.
Sobald Einer käme und, verschworen grinsend, Kennste den schon? Kommt ein Mann zum Rabbi... beginnt, könnte man schon abwinken. Ja, kenne ich schon. Is' nicht schlecht. Fernsehen, Kino, DVD: Alles sinnlos, alle verraten praktisch schon im Vorspann die mühsam herbei geklöppelte Pointe der vorletzten Szene. (In den meisten Filmen ist die letzte Szene entweder einem Großaufgebot von Rettungskräften oder einem Großaufgebot von Hochzeitsgästen vorbehalten.)
Fortan hieße es, dass der Hans ein total langweiliger Mensch sei; eine humorlose Trantute; verloren an die Meute intellektueller Hagestolze, die sich für kleine Gags am Rande zu schade sind. Ständig wäre man mit der Versicherung beschäftigt, dass man ja doch Humor besitze, dolle viel sogar. Den Hartnäckigen müsste das dann immer noch bewiesen werden, oft in Form eines selbst erzählten Witzes. Und das wäre in seiner Schlimmheit zu vergleichen mit einer öffentlichen Urinprobe, deren Abgabe per Satellit live in 163 Staaten übertragen wird.
Zum Glück kenne ich den Algorithmus des Urwitzes aber nicht. Daher kann ich auch über so manche Dinge lachen. Oft über jene, die überhaupt nicht als Witz gedacht waren. Seit dem heißt es, dass der Hans ein total taktloser Mensch ist; ein unsensibler Klotz; verloren an die Meute intellektueller Hagestolze, die sich nicht für kleine Gags am Rande auf Kosten anderer zu schade sind. Nur selber vertragense keen Spaß!
Wie man's macht, macht man's verkehrt.
silentium sana in mens sano
Mittwoch, 29. Juli 2009
Studierte ich noch Informatik, interessierte ich mich überdies für Webapplikationen und publizierte ich darüber hinaus selbst Texte in sog. Weblogs, wäre ich nicht uninteressiert am Entwurf einer Software, genauer gesagt: einem Feedreader, die mir alle Artikel dieser sog. Weblogs anzeigt, die zwar geschrieben, nicht aber veröffentlicht worden wären. Ich denke, was ein Autor nicht zeigt, sagt mehr über ihn aus als das, was er schlußendlich veröffentlicht. Man möge sich das bitte einmal in der Twitter-Variante überlegen.
Betrifft: Kita-Tarifvertrag
Dienstag, 28. Juli 2009
Liebe Steuersäckelhüter, wäre es für einen Moment zu viel verlangt, den neuen Tarifvertrag der Kindertagesstätten-BetreuerInnen nicht als Unkosten-, sondern als Investitionsvolumen zu betrachten? Etwas, dass Gewinn abwirft und nicht die Kassen schröpft? Ich bin zwar nicht der große Held der volkswirtschaftlichen Berechnungskünste, aber mein hausväterliches Budget-Denken empfindet das permanente Lamentieren über die Tatsache, dass Menschen nun annähernd angemessen bezahlt werden sollen, als sehr nervig, um nicht zu sagen: bigott. Ich weiß ja, dass euch nun der Hintern auf Grundeis geht, weil euch so schnell nicht klar wird, woher ihr das Geld nehmen sollt, steckt dieses doch in "Zukunftsprojekten" zur "Standortsicherung". Gehen wir es mal Punkt für Punkt durch:
- Was kostet mehr? Eine gesunde oder eine kaputt gespielte Mitarbeiterin?
- Was rentiert sich eher? Eltern, die arbeiten gehen können (und Steuern abführen!), weil der Nachwuchs gut betreut wird? Oder Familien, in denen einer zum Kinderhüten daheim bleiben muss, weil es zu wenig Kita-Plätze gibt, da kein Schwein mehr für die paar Euro seine Knochen hinzuhalten bereit ist?
- Was kommt der Schulbildung des Einzelnen zu gute? Erzieher, die sich motiviert individuell um "ihre" Kinder kümmern können? Oder personifizierte Hütehunde, die eine quengelnde Horde dank dünnen Nervenkostüms nur noch im Kasernenhofton disziplinieren können?
Denkt mal einen Moment darüber nach. Muss ja nicht lang sein. Und falls ihr noch Zahlen braucht, vergleicht doch mal diese:
- Kosten für die "dringend benötigte" Waldschlößchen-Brücke in Dresden: 157 Mio. € (Stand 2006)
- Kosten für den "dringend benötigten" Leipziger City-Tunnel: 700 Mio. € (Stand 2008)
- "Mehr"-Kosten auf Grund des neuen Tarif-Vertrags für das Land Sachsen: 30 Mio. €
Und da erwähne ich noch nicht einmal die 50 Mille, die Herr Wiedeking als Goldenen Handschlag erhalten hat; Schweigen auch über die 600 Millionen Euro, die euch die Pharma-Industrie durch geschickte Medienarbeit aus dem Kreuz geleiert hat, damit ihr die Schweinegrippen-Pandemie für die Pest 2.0 haltet; reden wir auch nicht vom Krieg von der Verteidigung der Demokratie am Hindukusch, die mit 3 Milliarden Euro zu Buche schlägt.
Wir wollen hier ja nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Und uns auch bitte wegen der paar Kröten nicht in die Hose machen. Wie das geht, kann man übrigens lernen. In jeder Kita.
(Das Foto stammt von Michael Panse und steht unter CC-Lizenz.)
