Vermutlich wissend
Samstag, 31. Januar 2009
Für Michael
Mein Bruder. Ich bin Odysseus. An einen Mast gebunden gebe ich meiner Neugier nach. Ich höre den Sirenen zu. Sie singen russische Lieder, ihre warmen Stimmen rezitieren Gedichte, die ich nur an ihrem Rhythmus als solche erkenne. Mein Denken liegt in ihren warmen Augen, offene Arme umfassen meine Unwissenheit. Ich weiß nicht, was sie sagen, mein Bruder, aber es müssen Gedichte sein. Tränen wie Wasserfälle, wir als Forscher dahinter, immer bereit.
Herr Kasimir geht los und sinnt auf Rache. Er sucht Dich, mein Bruder, er hatte Pläne, mit Dir, die andere zerstört haben und Dich und ihn dazu. Du wolltest immer nur das Beste, ich weiß das, kein anderer wird Dir das glauben, weil heute niemand niemandem mehr etwas glaubt. Du wolltest edel alle beschützen. Du Hundeführer. Grüne Dioden leuchten auf. Ich bin Odysseus, irre im Wissen der verwehrten Heimat durch die Welt. Du fehlst mir. Steppengras im kalten Wind.
Damals hast Du gestunken. Heute würde ich Deinen Gestank wieder erkennen und ihn lieben, abseits aller Theorien. Alle Hoffnung hattest Du in die alte Zeit gesetzt, die nur die alte sein kann, weil nun eine neue herrscht. Angeblich. Und schon holten die Betrügereien der Alten die Jungen ein. Anstrengen! lautete die Parole. Wir haben es geglaubt, weil wir damals jedem glaubten. Du bist weg. Mir bleibt nur ein Himmel. Der Sputnik verstummt. Nein, das ist gelogen. Ich habe Penelope und Telemachus. Man kann auch mit nur einem Bein leben.
O.
Mißvergnügungen
Samstag, 31. Januar 2009
Nichts tötet zuverlässiger das ästhetische Empfinden, die Lust am geschriebenen Wort, die Freude am Schreiben als die konzentrierte Beschäftigung mit der Fachdidaktik Deutsch. Menschen, die gerne lesen, sollten sich eine Karriere als Lehrer dieses Faches verkneifen. Der totale Sprachverlust droht gar dem, der selber gerne schreibt. Überhaupt sollten Lehrer ihr Fach hassen. Der Gedanke an das zu Lehrende müsste bei ihnen im selben Maße Abscheu erzeugen, wie es das bei den Schülern der Fall ist. Denn nichts ist schwerer zu ertragen, als ein Idealist, der in der sechsten Unterrichtsstunde eines schwülen Freitags die Schönheit seines Stoffes anpreist, am Ende aber seinen Frust über den Idiotenhaufen wegsaufen muss.
Vereint in gegenseitiger Ablehnung gegenüber dem Kanon. Kann es etwas effektiveres zur eigenen Willensbildung geben?
Vergnügungen
Dienstag, 27. Januar 2009
Das erste Strecken im Bett am Morgen
Der ausgeruhte Körper ohne Schmerz
Schlummernde Katzen
Dunkel, in Ahnung des Frühlings
Die Ruhe
Die Fische
Geliebt sein
Kind wecken
Das Radio
Bademantel
Nachrichten
Kindergesang
Essen, Trinken
Erwachen
Verabschieden
Vorfreude.
(Nach Bert Brecht: Vergnügungen)
Bildende Kunst
Samstag, 24. Januar 2009
Die aktuellen Semesterendprokrastinationsschübe erreichen ein neues Niveau: Heute mit dem Kleinstfloh die Fensterseite der Küche gemalert.
Da klingelt es. Vor der Tür: Ein Leipziger Jungschriftsteller, der nur ein paar Straßen weiter wohnt. Erwartungsvoll schaut er durch seine rahmenlose Brille. Farbe habe er gerochen, da wollte er nur mal schnell schauen, was so geht. Gegenüber öffnet sich die neugierige Wohnungstür, denn der Leipziger Jungschriftsteller, der nur ein paar Straßen weiter wohnt, spricht so laut, dass man glauben könnte, er säße in der Küche. Wohlgemerkt in seiner. Ich lasse ihn herein.
Kaum in der Wohnung, fällt er sofort auf die Knie und robbt vor der trocknenden Wand auf und ab. Ob ich an der HGB gewesen sei? Nur mal auf dem Klo, als mir damals der Bus vor der Nase weggefahren ist. Flächig sei es, so kraftvoll und konsequent in der Pinselführung; dazu kühn in der Positionierung, vom Malgrund ganz zu schweigen. Und immer wieder: flächig.
Ich bedanke mich artig. In der Zwischenzeit malert der Kleinstfloh mit seiner kleinen Rolle weiter. Auf das Kreppband, das die Oberkante markiert. Und darüber hinaus. Guck mal Papa, eine Trompete!
Der Leipziger Jungschriftsteller, der nur ein paar Straßen weiter wohnt, fragt mich, was ich dafür haben wolle. Als ich ihm sage, dass ich weder Handwerker noch noch Altruist bin, er demnach seine Küche mal schön selber streichen soll, korrigiert er mich: Er meinte die Wand. Die ganze. Ich versuche ihm klarzumachen, dass diese nicht verkäuflich ist, da sie der LWB gehört und die sicher nicht begeistert sein wird, wenn neben dem Balkon noch ein zehn Quadratmeter großer Ausguck zum Hinterhof klafft. Es misslingt mir.
Eins ist klar: Er wird erst wieder gehen, wenn ich ihm ein neues Teil für seine Sammlung überlasse, über das er dann in seinem Blog schreiben kann.
Guck mal Papa, ein Mann mit Hut! Der Kleinstfloh zeigt auf den Kühlschrank. Von seiner Rolle tropft noch Farbe. Da springt der Kater in den Raum, treibt die Katze vor sich her, beide wetzen durch die Farbpfütze neben dem Kind, hinterlassen Tatzenabdrücke in der ganzen Küche. Ich werde langsam sauer. Das alles wäre nicht passiert, wenn mich dieser gar nicht mehr so junge Schriftsteller aus der Nachbarschaft mit seinen wunderlichen Kunstwünschen aufgehalten hätte. Gleich kommt die Frau Liebste heim und wird mich in einer völlig versauten Küche mit einem völlig tätowierten Typen antreffen.
Ich schnappe mir den Kater, wische seine Pfoten auf einem Bummi-Heft ab, reiße dazu noch etwas Kreppband von der Wand und wickle das ganze in ein Stück Abdeckplane. Dann nehme ich einen Pinsel und krakele SAU drunter. Mit diesem Bündel unter dem Arm werfe ich den Gast aus der Wohnung.
Guck mal Papa, ein Flugzeug! Der Herd. Erschöpfung. Ich werde diese Klausur demnächst wohl verschieben müssen. Denn ehrlich gesagt: Man kommt ja zu nichts, wenn man ständig unterbrochen wird.
Twitter is the new Darts
Freitag, 16. Januar 2009
Beides an Langeweile nur noch durch Berichte darüber zu überbieten.
