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Freitag, 10. Oktober 2008
Wie gerne würde ich es bedauern, dass ich es bedauere, nichts bedauernswertes an der aktuellen Finanzkrise finden zu können. Einerseits kann ich es nicht, weil es Dinge sind, die so weit weg von mir sind, dass ich gar nicht wüsste, was zu bedauern Sinn macht. Andererseits weil ich genug Fantasie habe und mir daher ausmalen kann, was passiert, wenn die Krise bei uns ankommt.
Die im Libanon entführten Krankenschwestern - und dies wird ein überschaubarer ethischer Exkurs, den ich kurz halten werde, also bitte: Bleiben Sie dran! - die angeblich im Auftrag der CIA oder wemauchimmer libanesische Kinder mit dem HIV-Virus infiziert haben sollen, wurden unter anderem mit Schlaf- und Essensentzug gefoltert. DIE ZEIT merkte dazu seinerzeit treffend an: "Prinzipien sind etwas für gewaschene, ausgeschlafene Menschen, die keinen Hunger leiden müssen".
Ich überlegte mir damals schon, wie lange ich wohl solch einer Tortur widerstehen könnte. Lange sicher nicht. Sind Prinzipien also sinnlos? Was soll ich mit Vorsätzen, die schon bei der Ankündigung von Gewitterwolken vollkommen durchnässt sind, die gar keinen Regen des Leids benötigen, um vollkommen nutzlos zu werden?
So beschloss ich, dass es wohl das Beste sei, alles mögliche dafür zu tun, dass es nicht zu solchen zivilisatorischen Schieflagen kommen kann: Ich missionierte im Umkreis so ziemlich jeden und predigte das Hohelied der konstruktiven Kommunikation.
Als das Mädchen Michelle aus unserer Nachbarschaft entführt wurde, sokratisierte ich wie der Meister persönlich und lockte mittels Mäeutik aus den rigorosesten Scharfrichtern das Statement hervor, dass Todesstrafe für wen auch immer und weshalb auch immer Unsinn sei. Ich tat also eine Menge, um unsere Zivilsation mit all ihren Errungenschaften zu bewahren.
Und nun das: Was einige schon vor Monaten prophezeiten, ist nun eingetreten. Angeblich sich selbst regulierende Märkte fallen um wie Kartenhäuser; Anleger versuchen in panischen Mitnahmen ihr virtuelles Hab und Gut zu retten; das Bersten millionenfacher Existenzen schickt seine Druckwelle über den großen Teich. Der freie Handel, Flagschiff des Westens seit Adam Smith - sie wissen schon, der mit der dritten Hand, die niemand sah, weil sie unsichtbar ist - geht mit viel Brimborium unter. Die Folgen sind nicht absehbar, wahrscheinlich werden wir wieder in ein Zeitalter der Billiglöhnerei - Will code for food! - zurück stürzen.
Bildung und Kultur finden entweder nicht oder nur als rasselndes Pappnasentheater zur Massensedierung statt: Wir brauchen noch mehr Akademiker (...damit der Preis des einzelnen auf dem Arbeitsmarkt fällt!). Der individuelle Mensch wird zu einem Nichts, denn Merkmale sind Konsumhinderungsgründe. Vielleicht noch Soldat und damit eine Nummer. Oder kriminell bei gleicher Aussicht.
Ich bedaure Nichts. Das überlasse ich ihnen. Sie sind ja schon immer Opfer gewesen.
Bald nun ist Semesterstart
Mittwoch, 1. Oktober 2008
Durch die Gänge wabert ein Geruch: Angst. Es ist wieder an der Zeit, sich für die Seminare, Übungen und Vorlesungen an der Uni einzuschreiben. Neue Erstsemestler: Mein Gott, das sind ja noch halbe Kinder...
Permanent vibriert ein Gedanke durch Luft und Stein, Internetleitung und Betongemäuer: Was passiert mit mir (meinem Abschluss, meiner Karriere, dem Weltfrieden!) wenn ich etwas falsch mache? Oder zu spät komme? Oder BEIDES?! Was ist das für eine verschüchterte Jugend, die da als Erstsemestler an die heilige Hallen der Philologie pocht? Was hat man denen innerhalb von 18 Jahren alles angetan?
Nicht für die Schule, sondern für das Leben! - Wessen Leben? - Na deines! Also mach' nur keine Fehler, sonst ist's vorbei mit der Menschseinsduselei! Zurechtgetrimmt auf Just-in-time ohne Ausfallgarantien. Der erste Schuss muss sitzen, sonst gehen alle anderen nach hinten los.
Notwendigerweise scheint dieser Bürgertumsdrill eine infantile Gegenreaktion nach sich zu ziehen. Gegen das allgegenwärtige Optimierungsdiktat Optimieren Sie ihre Finanzen! Ihre Ehe! Ihren Stoffwechsel! Satzbau! ziehen die Subdreißiger als Sondereinsatzkommandos der Verantwortungsverweigerung in die Schlacht gegen die Generation der Alten.
Gedankenspiel: Welche Studi-VZ-Gruppe hätte Kafka wohl gegründet? Meine Schwestern haben drei Brüder und ich nur zwei! Man wirkt doof, ist aber unter sich. Wo Eltern und Don Alphonso nur den Kopf schütteln, entsteht höchstens warmer Wind, aber nichts produktives, das dem Fluchtverhalten in die Dimension der zivilen Hilflosigkeit etwas entgegenzusetzen hätte. nequissimus inter pares - Dödel unter Dödeln.
Ein Leichtes mag es sein, diese jungen Leute abzuschießen, sie auszulachen, wo sie doch kaum ein Fettnäpferl auslassen und dabei noch Fotos mit ihren Mobiltelefonen machen. Doch das wäre nur am Anfang komisch - auf eine sardonische Weise, ich gestehe, aber dennoch nicht unlustig.
Auf Dauer ist das nicht abendfüllend. Sehen wir es einfach pragmatisch: Jeder, der in der Uni sitzt, ist weg von der Straße. Findet vielleicht irgendwann seinen Weg. Lernt, dass nur Feiglinge sich vor den Stolperfallen fürchten, die das Leben, das Universum und der ganze Rest zwischen Albertina und Peterssteinweg auslegen.
Schreibt irgendwann mal das Buch, dass ihr selber nie zu lesen erhofft hättet!
Oder erfindet etwas gegen den immensen Knoblauch-Mundgeruch, den das vegetarische Mensa-Gyros Garantiert ohne biologische Inhaltsstoffe! induziert. Das wäre ja auch was.
Nichts ist für die Ewigkeit. Auch mein Semesterticket nicht. Möge es morgen schönes Wetter geben. Kommt gut in Eure neuen Wintersemester!
