Kleinster gemeinsamer Nenner
Montag, 29. September 2008
Erinnerungen an Wahrnehmungen.
Und wir glauben im Ernst an so etwas wie Realität?
Nabelschau
Samstag, 20. September 2008
Samstag Abend. Mal wieder.
Noch schnell besorgt: Eine Flasche Rotwein. Eine Flasche Johnny Walker.
Schönen Feierabend! - Danke, ihn auch.
Leseversuch: Lyrik oder Prosa? Im Fernsehen: Die Farbe Lila. Auf dem Nachttischersatzrundhocker aus Kunstleder: Tauben im Gras.
Über allem: Depressionen. Angst vor Menschenmengen.
Zerrüttende Diskussionen. Leute die es besser können.
Ich überlasse meinem Schicksal alle Entscheidungen. Die Frau Liebste schenkt uns Wein ein. Bitteschön. Zum Wohl! Wahre Worte. Die ersten heute.
Spiele mit dem Gedanken, ein Buch zu schreiben. Über mir unbekannte Menschen. Denke dabei als erstes an meine Nachbarn. Bin angewidert und überlege kurz darauf, mit der Schöpfung vierfarbiger Aquarelle zu beginnen. Lasse den Gedanken fallen: Malerei und Menschenhass passen nicht zusammen. Hat man ja schon bei Hitler gesehen.
Ich fühle mich heute so Jeff Goldblum.
Vierter Akt: Glauben wollen
Dienstag, 16. September 2008
An das Gute im Menschen. Den Weihnachtsmann. Jesus Christus. Elvis Presley. Oder die Vision, dass sich alles schon irgendwie regelt, wenn man nur lang genug darauf wartet. In drei Tagen ist es genau einen Monat her, dass Michelle S. nicht von der Schule heimkam. In Reudnitz ging die Zeit weiter. Man ist weit entfernt von einer Zeitenteilung in die Vor- und Nach-Michelle-Epoche. Erspürt man Risse in den Menschen? Wieviel Trauma speichert ein Stadtteil? Wieviel glaubt man zu wissen oder weiß man zu glauben?
Die morgendlichen Schulwege sind voll wie nie. Elterliche Pflicht ist die Eskorte. Man sammelt sich an Ecken, schickt die Kinder dann kurz vor der Schule alleine los. Manche bleiben stehen, bis sie den Nachwuchs im Schultor verschwinden sehen. Sie glauben sie dort sicher. Am Nachmittag ein ähnliches Bild: Autos fahren vor, Schüler steigen ein. Eltern warten rauchend am Verkehrsgitter. Es wird telefoniert.
"An der Schule. Was? Ne. Schule! JA! Na hier, wegen Michelle und so!"
Einige der hier Wartenden sind vor Wochen schon da gewesen. Abends. Zur Demo. Geändert hat sich seitdem nichts.
"Nee, das Schwein läuft immer noch frei rum. Gut, bis nachher dann. Kann ich machen."
Dank des "Schweins" sind auch die Spielplätze so voll wie nie. Lieblose Einstanzungen ins Erdreich, aufgefüllt mit Sand, eingefasst von grauem Zement. Klettergerüst, Rutsche, Schaukel im Bunkerambiente. Vielleicht sogar funktionistüchtig - wenn die städtische Wohnungsbaugesellschaft Geld zur Sanierung übrig hatte. Die Älteren erinnern sich hier noch an das kleine Planschbecken, das in den Sommern gefüllt wurde. Damals.
Jetzt ist hier nur noch eine Wiese voller Glas und Hundekot. Pro Kind ist mindestens eine Mutter präsent, hin und wieder auch ein Großelternteil. Väter sieht man hier selten, Männer fallen also auf. Auf den grafittibeschmierten Bänken herrschen die üblichen Themen: Ämter, die nerven. Geräte des täglichen Bedarfs, die kaputt sind und deren Reparatur ein Heidengeld kosten würde: "Waschmaschine ausgelaufen. 130 EURO! Ich weiß gar nicht, wie ich das bezahlen soll..."
Pädagogik handfest: Justin schmeißt mit Sand. Emily bekommt etwas davon in die Haare. Dafür kassiert Justin eine deftige Rechts-Links-Kombination.
"Damit er sich's merkt!"
Soll ja mal was werden, aus dem Jungen. "Soll bloß nicht glauben, dass ich das nicht sehe!"
Die restlichen Mütter nicken. Anerkennung. Gewalt ist hier keine Lösung sondern elementarer Bestandteil natürlicher Reflexe der in die Ecke Getriebenen, die entweder täglich selber Gewalt erleben oder ihrer alten Unterdrückung mittels Duldungsstarre entweichen und entwachsen konnten. Raus aus der Despotie, hin zum deutschen Fernsehen.
Das Kontrastprogramm spielt in den Parks des südlichen Ostens. Diese liegen etwas abseits, man braucht entweder ein Fahrzeug oder den Durchhaltewillen für 10 Minuten Fußweg. Justin und Emily heißen hier die wenigsten Kinder, eher Pauline oder Ferdinand. Die Eltern hier haben keine Veränderungen wahrgenommen.
Inmitten der Bäume sitzen sie gelassen wie eh und je beieinander, reden über ihre Jobs, Kindergärten, Urlaubsreisen. Überängstliche Väter tragen ihre Kinder auf die Rutsche hinauf und auch wieder von dort herunter. Eine Armada von Fahrrädern und Kinderanhängern rahmt den Spielplatz ein. Die Kinder, die hier toben, sind nicht passiert, sondern gewollt. Das ist gleichsam Fluch und Chance: Der messianische Glaube ihrer Eltern reißt den Kleinen jede Tür auf, schiebt aber auch von hinten nach. Unerbittlich.
Wo ist Reudnitz? Vor allem: Wer ist es? Allein zwischen den Klettergerüsten liegen Universen. Adipöse Mütter mit Nasepiercing hier, sportliche Mamas in Jack Wolfskin da; Milchschnitte und Kartoffelchips zwischen den Wohnblöcken, Reiswaffeln und frisches Obst im Grünen. Männer sind hier diejenigen, die grau und unrasiert mit einem Beutel klirrender Pfandflaschen zu REWE gehen, um Nachschub zu holen; dort bekleiden sie die Funktion des familiären Ernährers, des Karriereplaners, des häuslichen Eventmanagers.
Nazi? Ist hier niemand. Das bisschen Bambule beim Fußball, ja, das ist nicht schön, aber die anderen haben ja auch oft genug angefangen.
Rechter Skinhead? Sind hier alle. Schau dich doch mal um! Wie tolkiensche Orks kriechen diese mit der Dunkelheit ins Viertel und verschwinden, sobald es dämmert. Entsetzen ist temporär, nur mit unterschiedlicher Einwirktiefe. Man will seinem Kind hier etwas bieten. Sie sollen es einst besser haben. Vor allem sollen sie es irgendwann mal hier raus schaffen. Weg von den Assis. Weg von den arroganten Nachbarn - "...die ist Lehrerin, der irgendwas Studiertes bei der Bahn..."
Der Mensch ist des Menschen Wolf. Manche würden gern die andere Hälfte des Rudels auslöschen. Lämmer kostet das Eine wie das Andere.
Wir sind: Menschen in Reudnitz.
Wir sind: Für die Anderen die Anderen.
Wir sind: Deutschland.
Wir passen auf die Anderen auf: Denen ist nämlich alles zuzutrauen, weil man ihnen nichts zutrauen kann.
Gaff woanders hin. Hier gibt es nichts zu sehen, was es bei Dir nicht auch gäbe. In Deiner Umgebung. Auf Deinen Spielplätzen. In Dir selbst. Du Anderer!
Vorhang. Keine Worte. Kein Applaus.
Dritter Akt: Ruhe
Dienstag, 9. September 2008
Die Deutschen sind kein böses Volk. Sie sind nur allem gegenüber so unglaublich gleichgültig.*
Dritter Montag. Spätsommerlich geht die Sonne über Reudnitz unter. Alles ist in ein weiches Licht getaucht. Junge Studentinnen wuchten riesige Musikinstrumente aus dem Auto. Auswärtiges Kennzeichen, offenbar bezieht man eine neue WG. Im selben Haus an der Ecke befindet sich ein Spätverkauf. Autofahne Deutschland: Nur 1 Euro!
Auf der Treppe sitzen zwei junge Frauen. Daneben versucht sie ein älterer Mann durch seine Ausführungen zu begeistern. So eloquent das mit anderthalb Promille eben geht. Am Straßenrand lehnen zwei weitere und unterhalten sich mit wichtiger Mine über die Fährnisse des Lebens und ob die Blue Lions gestern wirklich in Form waren oder nur Glück hatten.
Alles also wie immer. War hier nicht mal was? Die Oststraße: Leer. Vor der Martinschule: Nur ein paar Leute, die auf irgendjemanden warten. Sollte das wirklich das selbe Viertel sein, das in den letzten Wochen mit dem Schärfen der Heugabeln beschäftigt war? Von dem aus eine neue Welle durch das Haifischbecken der Politik schwappen sollte? Vor einem Dönerladen steht wieder ein großer grüner BMW. Auf seiner Heckscheibe steht: Nichts.
Ich gehe hinein. Der Besitzer kennt mich noch von seinem alten Geschäft ein paar Straßen weiter. Als hier das Küchengerätegeschäft pleite ging, zog er gleich ein. Eine goldene Infrastrukturentscheidung. Jetzt firmiert er im Herzen des Kiez, direkt neben der Grundschule. Was er von den Demonstrationen halte?
"Ist doch richtig, was die machen. So ein Schwein muss in dunkle Ecke und dann -Zack-!"
Lächelt er? Ist er wütend? Oder Beides? "Mit allem?". Ja. Ich frage ihn, ob er wüsste, wer hinter den Demonstrationen stehe. Er schaut mich an, als hätte er meine Frage nicht verstanden.
"Bei den Demos waren ja auch Nazis."
"Achso, nein, das waren keine Nazis", antwortet er beschwichtigend. "Die sind von hier, sind ok."
"Und letzte Woche?" Ich will wissen, ob und wie das Getrommel der NPD-Leute gegen Volksfremde und Nichtdeutsche hier ankam. "Da waren ja auch welche von außerhalb da. Die haben ganz schön Krawall gemacht. Auch gegen Ausländer."
"Das waren ja nur ein paar. Kein Problem. Soße?"
Auf dem Heimweg denke ich über diese Begegnung nach. Offenbar gibt es einen Unterschied in der Wahrnehmung, der entscheidend für die Bewertung der letzten Wochen ist. Während mich das organisierte Braunen zutiefst erschütterte, scheint es Leute zu geben, denen dies alles nur wie eine Episode vorkommt. Quasi eine Naturnotwendigkeit: Wo sich die tiefsten Abgründe des zivilen Zusammenlebens auftun, schwemmt sofort schmutzigbraune Brühe hinterher. Das war schon immer so. Das bleibt auch immer so. Im Winter wundert sich ja auch keiner über den Schnee. Selbst der Dönerladenbesitzer konnte ohne sichtliche Erregung über den Mob sprechen. Das dieser unter geeigneter Führung nicht nur seinen Laden sondern auch ihn selbst auseinandernehmen würde, scheint ihm gleichgültig zu sein. Ich wage es trotzdem nicht, ihm das zum Vorwurf zu machen. Beneide ich ihn nicht vielleicht sogar um diese Gelassenheit?
Auf unserem Hinterhof treffen mit mir zusammen die Nachbarjungs ein. Ob denn heute keine Demo gewesen sei?
"Nur 'ne kleine. Die treffen sich immer am Wäldchen und laufen die Papiermühlstraße lang. Ich geh da aber nicht hin."
Darauf, dass ich ihn aber bei der ersten Demo gesehen habe, erwidert einer, dass das etwas anderes war. "Jetzt wollen die sich doch nur noch mit den Linke waffeln."
"Und vorher?"
"Na da war das was anderes. Wegen der Michelle und so."
"Kanntest du denn die Kleine?"
"Nö. Aber meine Eltern haben gesagt, das wir da jetzt mal hinmüssen."
"Warum?", sokratisiere ich hinterher.
"Weiß nicht. Aber war geil. War mal wieder was los hier."
Und die Nazis? "Naja, die sind halt da. Aber wenns Ärger gibt, hau ich ab."
Die Kumpels faxen noch etwas herum. Über Klassenkameraden. Linke, die schonmal aufs Maul bekommen haben. Und Rechte, die dafür zum Direktor mussten. Die Kompromisslosigkeit Dreizehnjähriger meint Klassenkampf noch wörtlich.
Und sonst so? In der letzten Woche kam über eine undichte Stelle in der Behörde heraus, dass es sich um ein Verbrechen mit sexueller Komponente handelt. BILD hatte es zuerst.
Ein Mann stellte sich. Er hatte einen kleinen Jungen in seiner Verwandtschaft sexuell belästigt. Ein Zusammenhang bestehe aber nicht, wie die Presse unisono betont.
Die Polizei plant einen Massen-Gen-Test. Erste Personen tauchen in der BILD auf und erzählen über Abstriche. Ich bin froh, dass ich getestet wurde. So kann ich meine Unschuld beweisen! Auch die Nachbarn haben alle nichts zu verbergen. Man hilft wo man kann. Es soll doch niemand sagen, es sei einem gleich, was hier passiert.
(* Die Erkenntnis eines Angehörigen der US-Armee. Gemacht hat er sie bei der Befragung Deutscher anno 1944. Er wollte herausfinden, was Menschen dazu treibt sich einem System anzuschließen, dass gegen jedweden Humanismus Politik macht. Fazit: Man tat es weniger aus Überzeugung - Im Vordergrund standen Aspekte wie Gier, Neid, persönlicher Nutzen. Quelle: Saul K. Padover: Lügendetektor. Vernehmungen im besiegten Deutschland 1944/45)
Zweiter Akt: Faule Äpfel auf der Straße
Montag, 1. September 2008
Zwei Hunde rennen über den Alfred-Frank-Platz. Das fußballfeldgroße Areal ist beliebt bei den Vierbeinern. Das große urbane Klo wird in den Abendstunden normalerweise von Dutzenden frequentiert. Doch etwas ist heute abend anders: Wo sonst nur alte Autos am Straßenrand vor sich hin rosten, posiert seit den Nachmittagsstunden die Staatsmacht. Wanne an Wanne, flankiert von Motorrädern und Uniformierten in dickgepolsterten Anzügen. Es ist wieder Montag in Reudnitz. Der zweite seit dem Verschwinden Michelles.
In der vergangenen Woche äußerte sich so ziemlich jede größere soziale Gruppe zum Aufmarsch. Der Bürgermeister empörte sich über die einträchtige Melange von verführtem Bürgertum und manipulierenden Rechten, Pfarrer a.D. Christian Führer bedauerte, kein Patent auf Montagsdemos zu besitzen. Das linke Spektrum schrie aktionsfreudig Na warte!, das rechte grinsend Wasnlos?. Alle einte ein Gedanke: Da muss man was machen! Einzig die Familie Michelles schien sinnvoll zu reagieren. Der Vater mahnte den Onkel an, seinen politischen Popanz zu unterlassen und distanzierte sich im Namen aller.
Der zweite Montag: Es ist halb acht in einem verregneten Leipzig. Spätsommerliche Schwüle. Polizisten in voller Montur riegeln die Oststraße weiträumig ab. Wer hinter die Gitter will, muss seine Taschen leeren. "Macht der Kollege. Suchen sie sich einen aus". Entspannte Gesichter in Uniform, eine Situation kurz vor der Eskalation sieht anders aus. Nach der Leibesvisitation sehe ich auch warum. Den gefühlten fünf Legionen in Grün stehen rund 100 Leute gegenüber. Darunter: Zwanzig gelangweilt Kaugummi kauende Mädchen, die mit ihrem Freund da sind, ein gutes Dutzend Jugendlicher, die seit einer Woche wieder in die sechste Klasse ihrer Mittelschule gehen und nochmal so viele Pressevertreter.
Man gruppiert sich zu einem Kreis. Transparente nach innen. Wer hinter den jungen Trägern steht, kann die üblichen Parolen und Aufforderungen lesen. Es geht gegen alles und jeden, für irgendetwas völkisches. Wer nicht mithilft, das Problem zu lösen, ist Teil des Problems letterte man unter eine große rote Internetadresse. So einfach ist das. Mit gedeckter Stimme werden die Kundgebungsauflagen verlesen. Tröpfchenweise kommen Teilnehmer hinzu. Der Vorleser hält inne. Sammelt sich.
Dann geht es los. Die Stimme wird lauter und versucht kämpferisch die Missstände des Systems anzuprangern. Das Häuflein Aufrechter weiß, wann es zu klatschen hat. Die Kleiderordnung entspricht im Großen und Ganzen der letztwöchigen: LOK-Hooligans, Steinars, Consdaples. Nur Otto Normalbürger fehlt. "So groß scheint die Nibelungentreue doch nicht zu sein!", freuen sich die Linken.
"Die Rechten sin genauso blöde wie die Kommunisten früher, sach ich dir", wettert ein Mittfünfziger mit Brille. "Die Bullen sind genau so schlimm. Früher beim Fußball, weeste, von wegen Prävention, sach ich dir. Die ham rumgeschubbt. Naja, die warn alle bei Mielke. Heute ooch." Die umstehenden verdrehen die Augen und stimmen zu. Schlechte alte Zeit.
Nur wenige Leute stehen hundert Meter entfernt an der Kreuzung. Doch die Absperrung flößt Respekt ein. Ist es die Schwüle und der drohende Regen? Oder kann man ihnen anrechnen, dass sie die Emotionalität in die Bahnen der Vernunft gelenkt haben? Wich die Gesinnung der Besinnung?
"Ich bin doch nicht blöde und lasse mich dann noch durchsuchen! Soweit kommts noch. Die soll'n lieber das Schwein finden, der die Kleene umgebracht hat!"
"Na und wennsn ham, dann kommter doch nach noch Woche oder 'nem Jahr sowieso wieder raus!".
Auch wenn hier niemand den Sprecher verstehen kann, haben sie doch Verständnis für ihn. Braune Funken scheinen weit zu fliegen und lange zu glühen. Es schwelt.
Der Ton auf der kleinen Kundgebung indes wird schärfer. Es geht um die Bedrohung des Volkes. Jeder muss froh sein, wenn seine Kinder morgen noch nach Hause kämen. Die Frage des Abends: "In was für einem Land leben wir denn!?". Reine Rhetorik, denn die Antwort ist klar. Man lebt in einem von der EU entrechteten Land. Die EU? Sie wissen schon. Wo der jüdische Politiker Cohn-Bendit die Legalisierung von Sex mit Kindern fordert. Klatschen. Dafür oder dagegen? Egal. Es geht ja sowieso nicht um ihr Land, sondern nur um die BRD. Die will ja eh keiner. Alles so liberal lasch, kapitalistisch und unangenehm unvölkisch. Wird sich aber alles ändern.
"Wenn dann einst unsere Flagge über dem Land weht, werden sich die Pädophilen noch umgucken!".
Nicht nur die. Bestimmt auch alle anderen BRD-Bürger, inklusive Michelles Eltern. Moment. Michelle wer?
Beflissen knipsen die Fotografen. Auch die von der Presse. Interessanter sind aber die anderen. Wie Schakale auf Beutezug umkreisen sie die überschaubare Menge. Offenbar soll die komplette Klientel erkennungsdienstlich behandelt werden. Das Meldesystem funktioniert, Journalisten und verdächtige Teilnehmer werden auffallend unauffällig aus der Hüfte geknipst. Verdächtig sind alle, deren Haarlänge die Zentimetermarke überspringt. Schließlich hat man heute großen Besuch vor Ort. Ein schwacher Hauch großer Politik: Landtagsmitglieder der NPD in Reudnitz. Apfel und Gansel geben sich die Ehre. Hof wird auf dem Rinnstein gehalten. Direkt vor der Pizzeria "Taj Mahal".
Meiner Meinung nach braucht es für Revolutionen der angepeilten Größenordnung wenigstens dreierlei: Umsetzbare Visionen, eine angemessene Gefolgschaft und charismatische Redner. Nichts davon hat die NPD heute Abend dabei. Der Umsturz wird vertagt. Aber wenn man schon mal da ist, kann man auch mal eine Rede halten: "Liebe Bürgerinnen und Bürger von Leipßig, deutsche Männer und Frauen..." - Urlaubsgebräunt beklagt sich der Abgeordnete über die Verunglimpfung, denen sich der Nationalist seitens der "Volkßverräter der etablierten Parteien und ihrer Helferßhelfer" ausgesetzt sieht, "bekennt" er sich "ßu den Themen" auf der Straße. Auch oder gerade in Leipzig, wo man vor anderthalb Jahren schon - Apfel stockt im Redefluss, schaut auf seine Notizen - um den kleinen Mitja weinte.
Für die Kamerateams heißt es an dieser Stelle: Feierabend! Erstens soll keine Bühne für Apfel und Co. erzeugt werden. "Außerdem ist der Wirbelsturm heute abend sowieso interessanter. Wenn einer etwas von hier senden muss, tut er mir leid. Von welcher Truppe bist Du denn eigentlich?" fragt der N24-Mann. Blog meets Qualitätsjournalismus.
Während Apfel nölt, bekomme ich Geschichten von letzter Woche zu hören: "Naziaufmarsch in Erfurt, da waren richtige Kloppis dabei. Aber hier? Das ist doch nur Kindergarten. Und damit meine ich nicht nur die Zwerge hier vorn". Er zeigt dabei auf die Fraktion Dreizehnjähriger, die müde gähnen. Der Große Vorßitßende fesselt nicht, er bindet offensichtlich nur die Sauerstoffzufuhr ab.
Es reicht, ich habe genug gehört. Der Apfelsche Redestrudel ist nicht mehr zu ertragen. Eine Menge Hefe scheint darin zu sein, er quillt an, verstopft das komplette Viertel und mag noch lange nicht damit aufhören. Die Ersten gehen. Kleine Agitatoren wuseln hinterher, versprechen noch handfeste Unterhaltung in Form von "ACHTHUNDERT LINKEN AN DER BREITEN STRAßE!!!". Zwecklos. Die Hunde auf dem Alfred-Frank-Platz bekommen Konkurrenz. Die Gebüschpinkler sind sich einig: "Alles Scheiße hier, keine Stimmung". Und in der Ferne wettert ein einsamer Apfel gegen das System und das Alleinsein an.
