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Sonntag, 30. März 2008
...und dann gibt es diese Tage, an denen nichts wirklich zu passieren scheint. An denen das Gras grüner ist, der wärmende Wind umschmeichelnder, das Spielen der Kinder im Hof melodischer klingt als je zuvor. Als hätte es das alles nie gegeben: Enttäuschung, Hass, Hochmut, Angst, Bedenken, Aussichtslosigkeit. Ein Musiker kommt vorbei und spielt die schönste Symphonie auf einer Nasenflöte und einem Kamm. Und wenn morgen wieder der Schnee der Sorgen fällt, können doch alle heute sagen: Wir haben gelebt. Wie Kinder. Wie Götter.
Wiedervorlage
Mittwoch, 26. März 2008
Politik sollte außen vor bleiben. Es gab schon einmal einen Boykott, 1980 in Moskau. Schon damals hat es nichts gebracht.
[...]ich trenne Sport und Politik. Was in Tibet geschieht, finde ich sehr traurig, aber meinen Startplatz gebe ich nicht her.
Ich würde mir nur selbst schaden, wenn ich die Politik in den Sport einbezöge. Das mache ich nicht. Auch wenn es hart klingt, aber: Es würde auch nichts nutzen.
Wir sind Sportler und machen Sport. Von der Politik sollte man das trennen. Es ist nicht meine Aufgabe, mich in andere Dinge einzumischen.
Momentan weiß ich zu wenig. Was wir über die Medien erfahren, reicht nicht aus. Und eigentlich ist es doch das Schöne am Sport, dass die Politik außen vor bleibt.
Diese Äußerungen einer Sportlerin in einem Interview werden von mir ausdrücklich nicht kommentiert. (Gefunden in ZEIT online am 26.3.2008, 13:45) Oder vielleicht doch?
[...]ich trenne Moral und Vorkommnisse im ÖPNV, wenn bspw. eine Oma überfallen wird. Was da geschieht, finde ich sehr traurig, aber meinen Sitzplatz im Bus gebe ich nicht her.
Ich würde mir nur selbst schaden, wenn ich die Möglichkeit von Verbrechen in meine Moralvorstellungen einbezöge. Das mache ich nicht. Auch wenn es hart klingt, aber: Es würde auch nichts nutzen.
Wir sind gute Menschen und machen gute Dinge. Von den schlechten sollte man das trennen. Es ist nicht meine Aufgabe, mich in andere Dinge einzumischen.
Momentan weiß ich zu wenig. Was wir über die Medien erfahren, reicht nicht aus. Und eigentlich ist es doch das Schöne am Guter-Mensch-Sein, dass die böse Welt außen vor bleibt.
Ich glaube, mit dieser Argumentation könnte man auch ohne sich Gedanken machen zu müssen Frauen vergewaltigen - Man müsste nur "Sex" und "Freier Willen des Gegenübers" trennen können, oder?
Meins! Meins! Meins! Meins!
Sonntag, 23. März 2008
Steueraffäre & Olympia in China - Zwei Dinge beherrschen derzeit die Medienlandschaft, die vordergründig wenig mit einander zu tun haben. Dabei entstammen alle dem selben Grundübel: Der hinter Kosten-Nutzen-Rechnungen versteckten Gier.
"Die" Steueraffäre
Die Abteilung "Binsenweisheit" betritt man, wenn Äußerungen über das deutsche Steuerrecht getätigt werden, das bekanntermaßen komplizierter als die Zusammenbauanleitung einer NASA-Rakete ist. Die Komplexität ist gewollt und soll eine Art von Verteilungsgerechtigkeit schaffen, in der die Besitzenden zu Gunsten der weniger Begüterten mehr zur Kasse gebeten werden. So weit, so gut.
Nun eröffnen sich aber im System der scheinbar unendlichen Vermögensdeklinationen Lücken. Diese Aufzuspüren und Auszunutzen ist Aufgabe der Finanzdienstleister. So lange das im legalen Rahmen bleibt, kann man nur über die moralische Verwerflichkeit die Nase rümpfen, denn wie heißt es doch so schön eindeutig im Grundgesetz, Artikel 14: Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.
Schafft nun ein Großverdiener sein Geld ins Ausland, so verdienen lediglich die Beteiligten daran: Banken, Steuerberater, Besitzer. Der Staat geht leer aus. Darüber darf man sich meiner Meinung nach als Staatsbürger zu Recht mokieren. Doch wie so oft kommt hernach jemand, der sich über die Aufreger aufregt und salbungsvolles Verständnis in kleinen Portionen absondert. Wie zum Beispiel Konrad Hummler. Der ist schweizer Bänker und meinte unlängst, dass Steuerflucht im Endeffekt nichts anderes ist als Notwehr des Besitzenden vor den konfiskatorischen Absichten des Staates.
Man muss übergeordnet die Frage stellen: Ist es denn legitim, wenn ein System, das offensichtlich auf ein finanzpolitisches Desaster zusteuert, seine eigenen Bürger daran hindert, individuelle Vorsorge ausserhalb dieses kollabierenden Systems zu treffen. (Hummler im Inteview mit der "Weltwoche")
Nun, Herr Hummler, drehen wir doch die Frage mal um: Ist es denn legitim, wenn die sogenannte "individuelle Vorsorge" ausserhalb des von ihnen als "kollabierenden" Systems stattfindet, gleichzeitig aber dennoch Leistungen aus diesem System bezogen werden? Sprich: Wenn würde Herr Zumwinkel anrufen, wenn sein Haus brennt? Seinen Broker? Oder sein Auto gestohlen würde? Etwa die Hotline seines liechtensteiner Telefonbankings?
Schändlich genug, dass es deutsche Zeitungen gibt, die diese Argumentation brillant finden. Nur unter uns, liebe FAZ: Wenn diese "schrumpfende(n) und ineffiziente(n) öffentliche(n) Leistungen (Bildung, Energie, Verkehr)" nicht existierten, gäbe es irgendwann mal niemanden mehr, der eure Zeitung liest. Obwohl andersherum gedacht das ja auch ein Vorteil wäre, denn schafft man den ÖPNV ab, gäbe es auch keine "U-Bahn-Schläger" mehr...
Womit wir beim nächsten Punkt wären,
Olympia in China
"Ein Regime, das sich stützt auf Zwangsarbeit und Massenversklavung; ein Regime, das den Krieg vorbereitet und nur durch verlogene Propaganda existiert, wie soll ein solches Regime den friedlichen Sport und freiheitlichen Sportler respektieren? Glauben Sie mir, diejenigen der internationalen Sportler, die nach Peking gehen, werden dort nichts anderes sein als Gladiatoren, Gefangene und Spaßmacher eines Diktators, der sich bereits als Herr dieser Welt fühlt."
Ersetzt man "Peking" durch "Berlin" erhält man das Zitat des Heinrich Mann, getätigt im Vorfeld der Olympischen Spiele 1936. Auch da bewiesen die Völker der Welt, dass Rückgrat eine butterweiche Angelegenheit sein kann. Dennoch hat nur eine kleinstmögliche Differenz in der Abstimmung über das Für und Wider dafür gesorgt, dass sich Olympioniken dort betätigen, wo später die abscheulichsten Verbrechen der Menscheit geplant und angeordnet wurden.
Und heute? Kaum eine Partei ist Willens einen Boykott oder wenigstens eine Ächtung zu formulieren. Stattdessen wächst die Kreativität im Ausflüchte suchen ins schier Unermessliche: "Boykott wäre nur eine ultima ratio", tönt es da oder "Man kann die Sportler, die sich so lange auf die Spiele vorbereitet haben, nicht enttäuschen". Nein, kann man nicht. Wär ja auch echt fies.
Offen bleibt also die Frage, was alles passieren muss, damit sich Sportler, Sponsoren, TV-Anstalten und Offizielle zu einer Absage durchringen - Vielleicht ein versehentlich gezeigter Nippel bei der Eröffnungsveranstaltung? Eine chinesische Schwimmerin, die gleichzeitig beim Gewichtheben und Bodenturnen antritt - und zwar der Herren! Oder muss es eine Massenexekution im Stadion sein, die zu einer erheblichen Verschiebung der Siegerehrung führt, was wiederum die werberelevante Zielgruppe zum Umschalten bewegt?
(Was der Opportunismus des Einzelnen für Folgen haben kann, ist übrigens sehr lesenswert in Klaus Manns "Mephisto" dargelegt. Nur damit es in der Familie bleibt...)
Das Eine mir dem Anderen?
Was bietet sich also für ein Gesamtbild? Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht? Schön wäre es. Meinetwegen kann jeder für seinen Wohlstand sorgen, bis die Schwarte kracht - dann aber bitte nur die eigene. Schaute nur einer dieser Scheffler mal nach links oder rechts und sähe, was sein schöngeredetes Streben anrichtet, käme er sicher kaum in den Schlaf. Dabei wäre es doch so einfach: Wenn jeder sich um den anderen sorgt, wäre für alle gesorgt. Und niemand müsste von "Notwehr" oder "ultima ratio" reden. Ich hoffe, dass dies nicht ewig Traum bleibt. Schaut einfach mal rüber. Meist sind es nur kleine Hilfestellungen, die euer Gegenüber benötigt. In diesem Sinne:
Frohe Ostern!
Wilder Osten
Samstag, 1. März 2008
Halb elf Uhr abends. Es regnet, kurz vorm Orkantief. Heftige Diskussionen drängen durch das geschlossene Fenster ins Schlafzimmer. Die Stimmen junger Männer, die ihren Anliegen durch das gleichsam einfache wie lächerliche Absenken der Tonlage Nachdruck verleihen wollen. Testosterongeschwängeres Falsett, das irgendwann mal ein Bass werden möchte, wohl aber beim Tenor stehen bleiben wird. Neugierige an den Fenstern löschen die Zimmerbeleuchtung, darauf bedacht, nicht gesehen zu werden, aber alles haarklein mitverfolgen zu können.
Anders im Haus gegenüber: Das Zimmer mit dem Beamer, täglich und nächtlich von Schwarzlicht geflutetet, hat sein Fenster offen. Ein Mann sieht heraus. "Is nun mal Ruhe, oder was?". Dialektale Verortung: Balkan.
Eine noch östlicher gefärbte Stimme von der anderen Hofseite: "Was willst Du denn?"
Prosodisch den Blockwart gebend: "Is bald Ruhe!? Sonst komm isch runter!
Voll Selbstvertrauen: "Ja, komm runter. Mach ich dich alle!"
Tatendurstig: "Isch komm jetzt runter!"
Stärke aus Ungläubigkeit schöpfend, schließlich regnet es immer mehr: "Ja, mach mal das! Ich gomm auch!"
Licht im Treppenhaus. Das Schwarzlicht wird von einer Frau begleitet. Eine Karawane rechthaberischer Entschlossenheit im strafmündigen Alter. Sie besitzt einen kleinen Laden und herrisch-maskulines Auftreten. Babykleidung, An- und Verkauf. Geschätzte Entfernung Wohnort - Arbeitsstelle: 400 Meter. Allmorgendliches Verkehrsmittel: SUV. Früher gab es zusätzlich noch einen BMW, doch der wurde gestohlen. "Mit dem Viertel gehts ooch bergab", erzählte sie danach jedem, der es nicht hören wollte. Kann man sich gar nicht vorstellen weshalb.
Den Wäscheplatz der Ehre betretend: "Na kommst Du nun odde was?"
Felle davon schwimmen sehend: "Was willst Du denn, Du Verbresche!?"
Mutigen Schrittes voran stampfend: "Wer is hier Verbrescher? Kommst Du jezz runter? Isch bin unten!"
Zögern. Dann wieder Geschrei.
Diesmal Frau Babykleidung: "Mensch, mache dich in dei scheiß Dreckland zurück und halte de Glabbe!". Felix Saxonia.
Die Zaungäste diskutieren, ob die Reihenfolge dieser Anweisung obligatorisch ist. Man verbleibt, dass die unnötig starke Konjunktion gegen eine milderes ODER getauscht werden und jeder der Beteiligten wieder hochgehen sollte, damit endlich wieder Ruhe einkehrt.
Auf den Reisewunsch der Dame eingehend: "Mach dich weg! Geht dich doch gar niggs an! Geh hoch!"
Entschieden, die Entscheidung auf morgen zu vertagen: "Isch bin unten! Wenn ich dich morgen sehe, rede ich zwei Worte mit Dir!"
Beschwichtigend: "Ja, mach mal das."
Nachdrückend: "Wenn ich dich morgen sehe, rede ich zwei Worte mit Dir!"
Das restliche Gebrabbel geht im prasselnden Regen unter. Es fällt noch der kernige Schlussakkord "Isch figg Disch! Isch figg Disch und alle die du kennst! Morgen figg isch disch! Verlass disch drauf!"
Die Zaungäste fragen sich nach diesem Versprechen, wer da eigentlich mit wem zu Gange war, ob im Falle des Kennens des Einen der Umkehrschluss des Gekanntwerden gültig wäre und man also sich in der Gefahr sähe, demnächst vorankündigungslos ankorpuliert zu werden. Entwarnung: Zumindest in unserer Loge sind alle Zuschauer vor der balkanesischen Libido sicher.
Das Spiel ist aus. Partizan Belgrad und Dnepr Dneprpetrowsk trennen sich torlos unentschieden. Zwar konnte das Schwarzlicht mit seinem aggresiven Forechecking am heutigen Abend nichts gegen die klug im Raum aufgestellte Abwehr der Dneprpetrowskaner (Balkon, 3. Etage) ausrichten, aber da die physische Überlegenheit im Rückspiel ausschlaggebend sein dürfte, ist hier noch alles drin. Frau Babykleidung und die beiden Jugendlichen gehen ab. Armfuchtelnd folgt das Schwarzlicht. Alle sind sie Sieger.
Und Reudnitz ist bunt.
Mediterrane Lebenseinstellung, my ass...
