Homophobie

Donnerstag, 29. November 2007 ~ Kommentier mich...(6) ~ Twitter mich...

Freunde, Römer, Mitbürger!

Wohin die Fleischeslust euch auch zu treiben droht, wessen Verführung starker Macht ihr ausgesetzt seid, wie hart der Moment des Entsagens auch sein mag: Bitte werdet nicht homosexuell! Das ist schlimm, ganz schlimm, um nicht zu sagen: Egoistisch.

Niemals könnt ihr wissen, wen ihr damit in eine tiefe Krise stürzt; ob die Konsumfachverkaufskraft, bei der ihr immer euer Bier kauft; den netten alten Mann von der Haltestelle, der jeden Morgen dort auf euch wartet, um seine ZEITUNG an den Mann oder die Frau zu bringen. Oder dem alten, zittrigen Knilch, der Abend für Abend durch sein Fenster zur Welt seine Sicht auf dieselbige zu erweitern glaubt und im Rahmen eines Resozialisierungsprojektes für geistig Durchfallerkrankte in der ZEITUNG schreiben darf.

Denkt auch mal an andere. Neigt beim Sprechen etwas den Oberkörper und zeigt ein bisserl mehr Busen (sofern vorhanden). Jetzt, wo Anne Will vom Markt ist, werden es der alte Mann und seine Schreibmaschine euch danken.

Elf Zeilen

Montag, 26. November 2007 ~ Kommentier mich...(0) ~ Twitter mich...

Ich hasse Menschen. Also nicht alle. Und vor allem nicht immer. Manchmal habe ich richtig rührselige Momente. In denen sähe neben mir der Dalai Lama wie ein prügelnder, gewerkschaftsloser Zuhälter aus. Dennoch kommen mir Vertreter dieser Gattung so quer ins limbische System, dass ich atomare Erstschläge über den betreffenden Wohnhäusern als Akte der Humanität anzusehen bereit wäre. Eine Lebensform sticht hierbei immer wieder unangenehm hervor: Studenten.

Ursprünglich angedacht als intellektuelle Speerspitze der Gesellschaft, vergleichbar mit einer nachwachsenden Ressource im Wald der Weisheit, gehen mir diese lebensunfähigen, vollkommen merkbefreiten Randnotizen menschlicher Verfehlungskataloge dermaßen auf den Zeiger, dass ich mit körperlichem Abstoßungsverhalten reagiere.

Ich will jetzt keine Brandrede halten. Keine weiteren Schilderungen darüber, wo es mich überall zwickt, wenn selbstgerechte "Hello Kitty"-Muschis ihre Anträge auf gewaltsames Frühableben stellen; Alternative aller Couleur ihre Umgebung an der wenig ordnungsgemäßen Prozesshaftigkeit ihres Schwachsinns teilhaben lassen - ungefragt, versteht sich; dieselshirtbekleidete Ingenieurswissenschaftler mich neben dem Eingang der Albertina erzgebirgisch akzentuiert fragen: "Wo gehts denn hier zur Bibliothek?".

Nein, all das bleibt verschlossen in meinem Herzen, grollgenagt es auch immer mehr zu Stein werden droht. Interessanter ist die Frage, wie es mir dennoch immer wieder gelingt, der herzliche, eloquente, gut aussehende, verbal beflissene Schöngeist zu sein, den die Welt in mir sieht. Nun, die Antwort lautet: Kultur. Und um zu vermitteln, dass es soetwas noch gibt, ist in all seiner leistungsgesellschaftlich betrachteten Nutzlosigkeit das Feuilleton der deutschen Zeitungen. Und die Blogs, die darüber berichten.

Vielen Dank Jungs und Mädels - Ihr habt mir nur mit der Existenz ersten elf Zeilen dieses Artikels wieder Leben eingehaucht, das mir die DALs (Dümmste anzunehmende Lebewesen) mit nur einer Mail auszusaugen drohten.

Des Bloggers Nachtgesang

Sonntag, 25. November 2007 ~ Kommentier mich...(16) ~ Twitter mich...

Weblog-Betreiber kennen diese Situation und haben sicher immer wieder Schwierigkeiten, damit umzugehen:

Plötzlich ist er da, der Einfall der Einfälle, etwas so Großartiges, noch nie da Gewesenes, voller Witz und Charme, dabei gleichsam frei von Zote und Anbiederei, kurz: Die Mutter aller Blogbeiträge. Du stürzt an den Rechner, schreibst formvollendet was du zu sagen hast, enthältst dich jeder Attribute, weil sie das Optimale keinesfalls mehr steigern können, freust dich bei jedem Satzzeichen über die Brillianz deiner Gedanken und drückst voller Erwartung den Button mit der Aufschrift Veröffentlichen.

Jetzt ist es raus. Mitten drin in der WWWelt. Menscheit nimm zur Kenntnis, lies und lerne! Erfreue dich daran! All das Übel und der Krieg sind vorbei, läsen nur 1% aller Menschen diese Worte! Nein, ich will keinen Dank, dass ich drei Stunden daran saß! Wichtig sind die Buchstaben, die Worte, die Sätze, nicht der Schreiberling! Freude, schöner Bloggerfunken. ALLES FÜR DIE MISSION!

Du lehnst dich zurück, eine Geburt kann kaum anstrengender sein, von der Produktivität ganz abgesehen. Vielleicht nimmst du noch einen Single Malt zu dir, flankiert von einem Zigarettchen (danach). Wie kann es je wieder einen Blogeintrag nach diesem geben? Aber das war es wert. Allemal.

Drei Tage später schaust du in die Statistiken und siehst, dass sich nur die Hälfte der üblichen Besucherzahlen für das von dir formulierte und nur auf Grund bürokratischer Hürden noch nicht kanonisierte Elfte Gebot interessiert haben. Je nach Ausprägung deiner Misanthropie vermutest du entweder einen dreitägigen Ausfall deiner Internetseite oder den massenmedial induzierten Verlust jedweder Erkenntniskraft seitens der Leserschaft. Doch egal ob technisches Versagen oder Kulturkritik: Es bleiben nur 50% übrig.

Was tun? Sofortiges Einstellen aller Blogaktivität? Formatierung aller Server, auf denen du je schriebst? Nein, dein missionarisches Sendungsbewußtsein lässt diese Eitelkeit nicht zu. Aber Strafe muss sein: Du lässt den Beitrag so lange stehen, bis sich erste Bekannte melden und sich nach deinem Befinden erkundigen. Das ist nur gerecht angesichts der Zugriffszahlen bei sogenanntem Pullercontent.

Danke, dass du bis hierher gelesen hast. Es ist alles eitel.

Und wehe, diesen Beitrag lesen wieder bloß zwölf Leute...

384.401 Kilometer ohne Schlaf

Mittwoch, 21. November 2007 ~ Kommentier mich...(0) ~ Twitter mich...

Packte mich plötzlich das Bedürfnis einmal um die Erde zu wandern, wäre auf Höhe des Äquators eine Strecke von 40.075 km, also knapp ein Zehntel, zurückzulegen.

Das heisst, dass, wenn ich mal in der falschen Richtung mein Haus verließe, ich eine Menge Meter machen müsste, wollte ich wieder daheim ankommen. Mir stünde ein Weg bevor, der mich unter anderem durch Polen, Russland, China, die USA, Portugal, Spanien, Frankreich und ein paar feuchte Flecken unseres Planeten führen würde.

All dies sind Plätze, an denen täglich gegessen, geliebt, gestritten, gelacht, gestorben und geboren wird. Man spricht mehrheitlich über Dinge, die ich nicht kenne, in einer Sprache, die ich nicht besonders gut verstünde. Haben sie Einfluss auf mein tägliches Wohlbefinden, meine Schaffenskraft, innere Stärke, Geduld und adrenalinproduzierenden Organe? Ich tendiere zu einem klaren Nein.

Warum zum Kuckuck entsteht, nur durch die bloße Existenz dieses verschissenen Mondes, jenem Appendix fehlgeleiteter Kosmosanatomie, in mir eine Stimmung, die mich dazu bringt, auf der Straße Horden von Skinheads, Bausparer und Jungfrauen anzufallen? Wieso sehne ich mich nach einer Badewanne voll Whisky (single malt), um dieses Aufbruchsgefühl in das handhabbare Wachkoma alkoholischer Betäubung zu verwandeln?

Gerne würde ich mir selber die Fresse polieren. Endlich hätte ich dann mal einen Gegner vor mir, der in allen Belangen unterlegen wäre (gnadenlos), den ich mit wenigen Handgriffen alle machen könnte (so richtig), und der keine Möglichkeit hätte, das bei der Polizei anzuzeigen, weil ihm die Beweise fehlen (stichhaltige). Aber ich schlage ja niemanden mit Brille.

384.401 km.

Gravitation sucks. Jeden Monat wieder.

Elende Befindlichkeitsbloggerei.

Champions, gefallene

Sonntag, 11. November 2007 ~ Kommentier mich...(0) ~ Twitter mich...

Manchmal kann ich es nicht fassen, dass mich meine eigenen Überlegungen in eine Sackgasse führen, aus der mich mein mittelmäßiger Menschenverstand nicht wieder heraus lassen will. Am gemeinsten sind die unverhofft eintretenden, wenn ich zum Beispiel auf dem Balkon stehe und dieser bestimmte Duft den nahenden Winter ankündigt.

Wie damals riecht es dann. Oder war es erst gestern? War es überhaupt, ist es gerade oder wird es einmal sein? Aber ich glaube, es war. Sicher bin ich mir da nicht. Doch Michael gab es doch? Gibt es doch noch! Dann muss es wohl gewesen sein.

Michael. Dessen Vater Volkspolizist und Mutter ein unauffälliges Irgendetwasanderes war. Jedesmal, wenn Michael in der Schule Mist gebaut hatte, durfte er sich die Litanei über den Hohen Stellenwert der Verantwortung des Einzelnen in der sozialistischen Gesellschaft! anhören. Zweimal. Einmal vom Direktor und kurz darauf von seinem Alten. Dabei war Michael der zahmste von uns allen. Sicherheitfanatiker. Einer, der dreimal nach links und rechts sieht, bevor er über die Straße ging. Hatte wohl was mit seinem Brett zu tun - so nannte er seine Schachleidenschaft - dass er sich jede Aktion fünfmal überlegte, bevor er sich entschied, sie nicht durchzuführen.

"Paradebeispiel eines gescheiterten Zögerers!", durfte er sich dann immer von den Lehrern anhören. Besonders Scheitinger hatte ihm auf dem Kieker. Scheitinger war Lehrer für Werken und Musik, machte aber nebenbei noch Schulgarten- und Sportunterricht...

Jetzt läutet die Glocke. Habe ich früher noch nie gehört. Oder doch?

Also Scheitinger: Seitdem Michaels Vater ihn besoffen aus seinem Auto gezerrt hatte, lies er keine Chance der Demütigung aus. Wenn der fette Juri wie ein nasser Sack vom Reck fiel, hob er kaum mehr als die Augenbraue; als aber Michael beim Bockspringen seinem Hilfesteller einen Schneidezahn heraus trat, daraufhin selber stürzte und sich die Schulter auskugelte, machte Scheitinger das Faß des Jahrzehnts auf und brüllte wie ein preußischer Schleifer auf den am Boden Liegenden ein.

"Sieh dir mal an, was du angerichtet hast", begann er immer. "Müller muss jetzt zum Arzt weil du zu blöd bist! Was liegst du überhaupt noch da unten rum?! Ach was, dir tut der Arm weh! Steh auf und entschuldige dich gefäligst!" Und verheult wie er war, stand er wirklich auf...

Muss ganz schön wehgetan haben. Aber das vergeht ja. Denke ich mal. War ja auch nicht das Schlimmste. Das kommt ja immer noch, später und so. Warum läutet eigentlich jetzt diese Glocke?

Seit diesem Vorfall konnte Michael seinen Arm nicht mehr richtig bewegen, haben wohl irgendwas verpfuscht beim Einrenken. War ihm aber auch egal. "Schach kann man ja auch so spielen" meinte er immer. Und das konnte er. Er hatte schon ein paar Schachturniere gewonnen: In der Schule war er unangefochtener Meister, in der Stadt gab es gerade mal zwei andere, die einigermaßen mithalten konnten und im Bezirk hatte er vielleicht zehn ernstzunehmende Gegner.

Einzig seine Mitgliedschaft im Schachklub verschaffte ihm etwas Ansehen bei den Lehrern. Die hielten insgesamt nicht so viel von ihm, ließen ihn aber wenigstens in Ruhe. War gut für die Schule, wenn wenigstens aus einem etwas wurde, und sei es nur ein Figurenschieber. Klar, er wirkte etwas sonderlich. Die Haare: Topfschnitt. Brille: Stärke von Konferenzaschenbechern, immer ungeputzt. Manchmal kam er ohne Pullover in die Schule, weil er den anzuziehen einfach vergessen hatte - Meistens wenn Karpov gegen Kasparov spielte und er darauf die ganze Nacht die Partien auswendig gelernt hatte. Einmal war er in Hausschuhen da, und das bei winterlichen Außentemperaturen. Da schickte ihn die Lehrerin wieder nach Hause. Irgendwie haben Michael alle rumgeschickt.

Irgendwann, kurz bevor ich weggezogen bin, sollte Michael bei einem großen Turnier antreten. Schulehre gleich Pionierehre und alles sowas. Da ist ihm beim Training eine dieser Schachuhren runtergefallen. Sein kaputter Flügel ("Wer spielt denn schon Tennis? Schacharme sind groß im kommen!" zog ihn Scheitinger hinterher immer noch auf) war dran Schuld, irgendwie hat er ihn nicht unter Kontrolle gehabt und -rumms- lag der Wecker auf dem Boden. Tausend Einzelteile. Da ist Michael abgehauen. Aus dem Klub. Von zu Hause weg. Kein Hoher Stellenwert mehr. Da ist er zum ersten Mal nicht weggeschickt worden. Mir hat man es angehängt, was aber auch egal war, da mein Vater Uhrmacher war und die Sache reparieren konnte. Dann zogen wir um. Ich habe bis heute nichts mehr von ihm gehört...

Bestimmt irgend so eine Messe zum Martinstag. Stimmt, jetzt wo ich es mir überlege. Michael hat ja oben, neben der Kirche gewohnt. Wo der Jesus einen segnet, der weinend an seinem Rockzipfel hängt. "Das bin ich", hat er dann immer gesagt. Nur nicht, wer genau. Oder bilde ich mir das nur ein?

Doch, einmal habe ich noch von ihm gehört. Einer aus der alten Klasse hatte mal gemeint, dass er ihn in einem Teppichmarkt gesehen hat. Als Zuschneider oder sowas. Ich war bis heute noch nicht dort. Aber seit ich in dieses Viertel gezogen bin, sehe ich einen Typen, der die alte Version Michaels sein könnte. Topfschnitt, dicke Gläser, immer dreckig. Zigarillo. Lächerlich.

Wer? Ich. Er. Nein, ich. Ihn fragen?

Ich habe wahrscheinlich Angst, dass er mich wegschickt.

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Dieser Beitrag stammt von der Internetseite http://www.flohbu.de und wurde am 6. Juli 2009, um 22:28 Uhr ausgedruckt. Alle Inhalte unterliegen der Creative Commons Lizenz. Es ist Ihnen gestattet, das Werk zu vervielfältigen, zu verbreiten und öffentlich zugänglich zu machen. Zu den folgenden Bedingungen: