Monkey Combat
Freitag, 29. Juni 2007
Manchmal muss man Gedanken zu Ende bringen, um Brillianz oder Hirnrissigkeit überprüfen zu können. Nur ist das mit dem Denken so eine Sache. Entweder kommt man nicht in die Gänge, oder schweift permanent ab.
So versuche ich mich nun schon seit Tagen an einer germanistischen Hausarbeit. Dazu habe ich Material gesammelt, kopiert, gelesen, nachgedacht, wieder gelesen, noch mehr Material gefunden und weiter darüber sinniert. Herausgekommen ist bis jetzt genau eine A4-Seite mit Notizen. Brilliant ist das nicht. Wenn ich versuche, mir diesen Mißstand zu erklären, verharre ich regungslos in einer Position des Selbstbetruges.Übrigens steht hier in einem Regal der Niederlandistik ein Buch, auf dessen Einband ein Fahrrad abgebildet ist. "Typisch Holland!", denke ich (Warum?) und bin schon wieder mit meinen Gedanken woanders.
Konzentration ist aber auch so eine Sache. Hinter mir steht ein Laptop (Medion), dessen Lüfter wohl mal ein Föhn werden sollte; er ist laut und seine Geschwindigkeit oszilliert zwischen "Huiuiui" und "Hurrican Katrina".
Übrigens habe ich mal auf dem Spielplatz im Clara-Park ein Elternpaar gesehen: Er trug ein Shirt mit der Aufschrift "New Orleans - Jazz Quartier". Sie hatte "I survived Katrina" auf ihrem stehen. Beide trugen Socken. In Sandalen. Die Natur kann so grausam sein. Typisches Akademiker-Pärchen: Mittelalt, mittelgrau, mittelmäßig. Quasi Murray Bozinsky in doppelter Ausführung. Wahrscheinlich...nein, keine Mutmaßungen mehr, sonst hält mich jeder für ein voreingenommenes Arschloch.
Übrigens: Drastische Worte. Der Typ mir gegenüber schaut immer so
belästigt zu mir her. Ich spiele im Geiste folgendes Szenario durch:
Ich so: "Was'n los?!"
Er so: "Musst du so eine Unruhe verbreiten?" (Als sähe man mir meine Rastlosigkeit an...)
Ich so (knurrig): "Keine gute Idee."
Er so: "Was jetzt!?"
Ich so (johnwayneesk): "Wenn ein Typ wie du einen Typen wie mich anmacht..."
Dabei bleibt zu klären, was ich eigentlich für ein Typ bin? Abschreckung durch Körpergröße. Fertig. Wenn der Pickelige in der Judo-AG war, sieht es schlecht für ein Schwesterchen für den Kleinstfloh aus. Ich beschließe den Gedankengang mit der Erkenntnis, dass ich ihn im Monkey-Island-Fechten locker fertig machen würde, weil er, als das Spiel raus kam, sicher erst eingeschult wurde.
Wenigstens ein fertiger Gedanke. Vielleicht sollte ich die Hausarbeit bloggen?
Kreta
Sonntag, 17. Juni 2007
In Gedanken zurück gehen.
Wie viele Jahrhunderte ist das jetzt her?
Neun Jahre?
Schon?
Nur?
~ * ~
Frühmorgendlicher Regen, der wie das Weinen der Zurückbleibenden den Reisenden in die Ferne entlässt. Eine Menge Menschen. Bunte Kleidung. Warten. Die Schlange rückt weiter, Fragen werden gestellt und beantwortet. Der lange Schlauch saugt uns in das Flugzeug. Wir, die für die nächsten Stunden zu einer Reisegruppe formiert wurden, warten auf den Start. Und gleich danach auf die Landung.
"Ich wünschte, es ginge bald los."
"Ich wünschte, es wäre bald vorbei."
80% staatlich anerkannte Unentschlossenheit, noch arbeitsfähig, aber totale seelische Verkrüppelung. "Mach! Is' egal, wir ham Urlaub!".
~ * ~
Unter uns Wolken, Gebirge, Meer. Oder sind es nur Wolken? Oder nur Gebirge? Neben uns das Weltall. Hinter der Erdkrümmung kriecht die Sonne hervor... "Arroganter Standpunkt mit kosmischer Überheblichkeit, schließlich drehen wir uns ja um die Sonne, nicht wahr?!". Während dir auf der einen Seite die pure Energie in die Gesichter springt, weiß die andere noch nichts vom Licht, vom Tag.
~ * ~
Ein Haufen Dreck taucht unter dir auf. Kreta. Eine Insel wie weggespülter menschlicher Abfall. Klein. Zu klein. Hier landen? Unmöglich! Aufatmendes Klatschen. Die Bunten sind da! Angriff! Attacke!Is' Urlaub!
~ * ~
Ein riesiges Portrait auf dem Flughafen überwacht wie ein Vater den Kampf am Gepäckkarussell. Ein Dichter. So was wie Kultur. Kaum aussprechbar. Auch der Name. Draußen warten schon die Busse, um uns ins Einsatzgbiet zu bringen. Special-Agents, Abteilung "Tourismus", Untergruppe "Pauschal". Wollen jetzt auch mal was sehen fürs Geld!
~ * ~
Beginne zu trinken. Erst mäßig, dann übermäßig. Is' Urlaub! Sieben Tage gehen dahin. Ich handle dir jeden Nicht-Besuch der Müllkippe ab, die man hier Strand nennt. Rache im Historischen Museum: Eine Klimaanlage gibt mir den Rest. Ironie des Schicksals: Sie stammt aus Deutschland.
~ * ~
Mit dem Mietwagen über die Serpentinen. 50 PS. Vier Stunden Kolonne hin, fünf zurück. Mal baden gehen.
"Super Strand!"
"Wieso?"
"Hier hat man mal eine Bounty-Werbung gedreht!"
~ * ~
Und plötzlich sind da echte Menschen und ihre Tiere, blautürige Häuser mit kleinen Holzbänken, Esel, die an Leitplanken gebunden grasen. Ich hielt es für eine weiter pittoreske Monstrosität, aber nirgendwo hing ein Coca-Cola-Schild, keiner versuchte uns in seine Spelunke zu locken. Es stank nach herrlicher Echtheit. Ich überblickte eine Insel, deren Glanz und Macht in früher Zeit das komplette Mittelmeer beherrschte, deren kulturelles Erbe nun wohl konserviert hinter rot-weißen Schildern schlummerte, und deren Natur einem kleinen Volk alles bot, was man brauchte.
"So, fertig. Wir können weiter."
~ * ~
Rückflug. Mister Bean macht Unsinn. Turbulenzen schütteln das Flugzeug, damit die Insassen später mit Augenrollen und Uiuiui von ihren Abenteuern erzählen können. Daheim empfängt uns ein Nachmittagsregen. Hundertfaches "Na, wie wars denn so?". Der heuchlerische Kanon klingt durch den Flughafen. Statistiken werden entrollt: Anzahl der Gut-Wetter-Tage im Verhältnis zur Anzahl der Schlecht-Wetter-Tage, Anzahl der Badegänge, Essensgänge, Stuhlgänge. "Ja, danke, das Hotel ging so, die Leute waren so lala...."
Und ich vermisse: Den Gestank.
Mein letzter Urlaub. Andere Frau, anderes Leben, gleicher Hans. Zum Glück sind 33 Prozent der Voraussetzungen heute anders. Noch 'ne Chance für den Rest.
