Das Märchen vom Piesepampel
Freitag, 24. November 2006
Es war einmal vor nicht allzu langer Zeit in einem nicht allzu fernen Wald ein kleines Männchen namens Piesepampel. Es lebte dort schon sehr lange mit seiner Frau, länger als alle anderen, sagt man, und war daher bei jedermann bekannt.
Piesepampel war kein schlechtes Kerlchen. Er hatte nur eine unangenehme Eigenschaft: Einmal im Monat, meist in der Mitte, ging Piesepampel vor seine Tür und bekam Angst: Er fürchtete sich vor der Unordnung der anderen Waldbewohner – vollkommen grundlos, muss man sagen. Er hielt nämlich offensichtlich die Anderen für des Lesens nicht fähig, so dass er annahm, dass sie sich nicht an die von der guten Fee aufgestellten Regeln halten würden, die für alle galten und von jedem auch akzeptiert wurden.
So kam es eines Tages wieder einmal zu jener kribbeligen Situation, die dem Piesepampel die pure Angst in die Glieder fahren ließ.
"Oioioi, schon der Vierundzwanzigste und noch immer sind die Wege des Waldes nicht geputzt!", dachte Piesepampel so bei sich.
"Was soll ich tun? Die Neuen sind ja dran. Hoffentlich vergessen die das nicht! Am besten ist, ich gebe denen Bescheid; bestimmt können die das Kalenderblatt der guten Fee nicht lesen."
Doch da gab es schon ein neues Problem: Wie sollte er es ihnen mitteilen?
"Einfach ansprechen? Nein, das geht nicht. Bestimmt holen die dann ihren großen bösen feuerspeienden Drachen und der macht hier alles platt. Es muss noch einen anderen Weg geben", grübelte das Männchen weiter. Fünf Tage und sechs Nächte anstrengender Grübelei später hatte es dann die Idee. Es ging in seinen Keller, bog ein Stück Draht zu einem Haken und ging los, um der Furcht erregenden Familie seine Mitteilung zu machen.
"Ja, so wird’s gehen! Und ganz bestimmt werden sich die Beiden unheimlich darüber freuen, dass sie von mir ohne dass sie darum gebeten haben so toll informiert worden sind!"
Leider irrte sich hier Piesepampel gewaltig. Die beiden Spielverderber fanden es nämlich gar nicht lustig. Ganz im Gegenteil, sie fühlten sich verkohlt, weil sich unnötigerweise ein Bewohner des gemeinsamen Waldes zum Putz-Sherrif aufschwang und sie öffentlich an den Pranger stellte. Hätte das Männchen die beiden persönlich gefragt, oder wenigstens seinen Namen mit auf das Schild geschrieben, hätten sie ihm das auch gesagt. Dann hätte Piesepampel auch erfahren, dass zu der Zeit der "Hausordnung" das Kind der Beiden im Krankenhaus lag und sie daher mit Wichtigerem beschäftigt waren.
Wie gesagt: Hätte. So ging aber für Piesepampel ein Traum in Erfüllung, endlich konnte er seine Angst besiegen und musste dafür nur ein kleines Schildchen malen. Und, liebe Kinder, wenn ihr ganz still seid und die Hausordnung nicht gleich am Ersten oder Zweiten des Monats macht, kommt das Männchen auch zu Euch und beschenkt Euch auch mit einem Schildchen.
Verrückt, oder?
Dienstag, 21. November 2006
Wenn man den Medien Glauben schenken darf, gibt es in Deutschland ein Problem: Killerspiele. Im RTL-Nachtjournal treten nun Politiker auf, die eine Internet-Polizei fordern, man tut entsetzt, weiss sich nicht weiter zu helfen und haut auf alles drauf, was nach Pixeln aussieht. Grundlos? So weit will ich nicht gehen. Aber vergleicht man mal den Abschiedsbrief des Täters mit den möglichen Handlungsvorlagen eines Programms wie CounterStrike (CS) und stellt daneben das tagesaktuelle Programm des deutschen Privatfernsehens, werden Parallelen sichtbar, die nicht gut für die Medienmacher aussehen.
Da ist es am Ende sogar wenig verwunderlich, dass in dieser Darstellung Sebastian B. als "irre" und von "brutalen Computerspielen fasziniert" (Zitat RTL) war, denn so entledigt man sich säuberlich jedweder moralischer Beteiligung an der Verschiebung des Wertekanons eines Heranwachsenden in Richtung Müllkippe.
Eigentlich sollte hier jetzt eine kleine Abhandlung darüber folgen, inwiefern CS zu solchen Taten führt und ob das Zeigen auf die pöhsen Killerspiele seitens der mit Gewalt überfrachteten TV-Sender so frei von Sünde ist, dass sie den ersten Stein werfen dürften. Dann ist mir aber beim Recherchieren etwas aufgefallen: RTL hat auf seiner News-Seite den Abschiedsbrief des Täters veröffentlicht - nur nicht ganz! Interessante Passagen fehlen und eben diese lassen die Medien ganz schlecht aussehen:
RTL-Text: Aber dann bin ich aufgewacht! Ich erkannte das die Welt wie sie mir erschien nicht existiert, das sie eine Illusion war. Ich merkte mehr und mehr in was für einer Welt ich mich befand.
Original: Aber dann bin ich aufgewacht! Ich erkannte das die Welt wie sie mir erschien nicht existiert, das sie eine Illusion war, die hauptsächlich von den Medien erzeugt wurde. Ich merkte mehr und mehr in was für einer Welt ich mich befand.
Na hoppla! Da will sich wohl jemand nicht selber ans Bein pinkeln bei all der Sensationsberichterstattung? Wäre ja auch zu dumm, wenn man die Monokausalität des schönen, und vor allem exklusiv selbst zusammen gezimmerten Meinungsbildes zu Gunsten der "Wahrheit" beschädigen müsste. Aber weiter:
RTL-Text: Man musste das neuste Handy haben, die neusten Klamotten, und die richtigen "Freunde". hat man eines davon nicht ist man es nicht wert beachtet zu werden. Ich verabscheue diese Menschen, nein, ich verabscheue Menschen.
Original: Man musste das neuste Handy haben, die neusten Klamotten, und die richtigen “Freunde”. hat man eines davon nicht ist man es nicht wert beachtet zu werden. Und diese Menschen nennt man Jocks. Jocks sind alle, die meinen aufgrund von teuren Klamotten oder schönen Mädchen an der Seite über anderen zu stehen. Ich verabscheue diese Menschen, nein, ich verabscheue Menschen.
Ja super! Kommen wir doch im RTL-Text so schnell wie möglich zur Kernaussage! Je kürzer, desto Psycho. Außerdem ist die Formulierung der Außenseiterrolle bei Konsumverweigerung ein grundlegender Bestandteil jeder Werbung - und womit verdienen "die Privaten" ihr Geld? Rrrrrichtig...
Folgender Absatz fehlt vollständig: Ich kann ein Haus bauen, Kinder bekommen und was weiss ich nicht alles. Aber wozu? Das Haus wird irgendwann abgerissen, und die Kinder sterben auch mal. Was hat denn das Leben bitte für einen Sinn? Keinen! Also muss man seinem Leben einen Sinn geben, und das mache ich nicht indem ich einem überbezahlten Chef im Arsch rumkrieche oder mich von Faschisten verarschen lasse die mir erzählen wollen wir leben in einer Volksherrschaft.
RTL macht dann hier weiter: Nein, es gibt für mich jetzt noch eine Möglichkeit meinem Leben einen Sinn zu geben, und die werde ich nicht wie alle anderen zuvor verschwenden! Vielleicht hätte mein Leben komplett anders verlaufen können. Aber die Gesellschaft hat nunmal keinen Platz für Individualisten.
Unterschlägt aber anschliessend: Ich meine richtige Individualisten, Leute die slebst denken, und nicht solche “Ich trage ein Nietenarmband und bin alternativ” Idioten!
Ganz eindeutig sind das die Gedanken eines "irren" Menschen; die kann nur ein krankes Gehirn hervorbringen, eines dass nicht an die glückselig machende Wirkung von Rentenfonds und Bausparplänen glaubt. Auch dieser Text wurde nicht mit übernommen:
S.A.A.R.T. (Schule, Ausbildung, Arbeit, Rente, Tod - Anm. Hansi) beginnt mit dem 6. Lebensjahr hier in Deutschland, mit der Einschulung.
Das Kind begibt sich auf seine perönliche Sozialisationsstrecke, und wird in den darauffolgenden Jahren gezwungen sich der Allgemeinheit, der Mehrheit anzupassen. Lehnt es dies ab, schalten sich Lehrer, Eltern, und nicht zuletzt die Polizei ein. Schulpflicht ist die Schönrede von Schulzwang, denn man wird ja gezwungen zur Schule zu gehen.
Wer gezwungen wird, verliert ein Stück seiner Freiheit.
Man wird gezwungen Steuern zu zahlen, man wird gezwungen Geschwindigkeitsbegrenzungen einzuhalten, man wird gezwungen dies zu tun, man wird gewzungen das zu tun. Ergo: Keine Freiheit!
Und sowas nennt man dann Volksherrschaft. Wenn das Volk hier herrschen würde, hiesse es Anarchie!
WERDET ENDLICH WACH - GEHT AUF DIE STRASSE - DAS HAT IN DEUTSCHLAND SCHONMAL FUNKTIONIERT!
Nach meiner Tat werden wieder irgendwelche fetten Politiker dumme Sprüche klopfen wie "Wir halten nun alle zusammen" oder "Wir müssen gemeinsam versuchen dies durchzustehen". Doch das machen sie nur um Aufmerksmakeit zu bekommen, um sich selbst als die Lösung zu präsentieren.
Auf der GSS war es genauso… niemals lässt sich dieses fette Stück Scheisse von Rektorin blicken, aber wenn Theateraufführungen sind, dann steht sie als erste mit einem breiten Grinsen auf der Bühne und präsentiert sich der Masse!
Nazis, HipHoper, Türken, Staat, Staatsdiener, Gläubige…einfach alle sind zum kotzen und müssen vernichtet werden!
(Den begriff “Türken” benutze ich für alle HipHopMuchels und Kleingangster; Sie kommen nach Deutschland weil die Bedingungen bei ihnen zu hause zu schlecht sind, weil Krieg ist… und dann kommen Sie nach Deutschland, dem Sozialamt der Welt, und lassne hier die Sau raus. Sie sollten alle vergast werden! Keine Juden, keine Neger, keine Holländer, aber Muchels! ICH BIN KEIN SCHEISS NAZI) Ich hasse euch und eure Art! Ihr müsst alle sterben!
1. Teil: Frust pur.
2. Teil: Demaskierung dessen, was auch jetzt wieder passiert.
3. Teil: Common sense in Deutschland, zumindest wenn man den Boulevard-Machern glaubt.
Die letzten Sätze der Entschuldigung wurden natürlich zur weiteren
Empathisierung beibehalten. Besonders interessant ist aber folgendes
Bild:
Ich ging nicht nur in eine klasse, nein, ich ging auf die ganze Schule. Die Menschen die sich auf der Schule befinden, sind in keinem Falle unschuldig! Niemand ist das! In deren Köpfen läuft das selbe Programm welches auch bei den früheren Jahrgängen lief! Ich bin der Virus der diese Programme zerstören will, es ist völlig irrelewand wo ich da anfange.
Der fette Text ist übrigens auch nicht bei RTL zu finden. Na, kommt das bekannt vor? Genau: Hier wird der Plot von MATRIX zitiert. Und nun die Quizfrage: Auf welchem deutschen Privatsender lief MATRIX vor wenigen Wochen das letzte Mal? Und wer hat ein großes Interesse daran, dass niemand einen direkten oder indirekten Querverweis weg von CS, hin zu einem Medienkonzern findet?
Zum Schluss möchte ich noch etwas klarstellen: Es liegt mir nichts daran, an der Tat Aspekte zu finden, die den Täter vollkommen unschuldig erscheinen lassen. Ich will nichts relativieren. Es ging hier um Gewalt in einer so unfassbaren Dimension, dass man eigentlich schon beim Gedanken daran schaudert. Worum es mir geht ist das Aufzeigen einer Systematik, die sich aus profitorientierten Gründen (und über nichts anderes reden wir hier!) Methoden bedient, die die wahren Probleme verschleiert.
Was hier passierte, war nicht die Tat eines pathologischen Einzelfalls, dessen schiefe Prägung einwandfrei in der Tatsache des Computerspielens und nur durch die sauberen Untersuchungen des Privatfernsehens lokalisiert werden konnte, sondern die Spitze eines Eisberges, dessen breites Fundament all die deutschen Kinderzimmer sind, in denen zur unreflektierten Ruhigstellung des Nachwuchses 24h/Tag die Flimmerkiste läuft.
Benutzte Quellen:
- blog.deobald.org, der offensichtlich schneller als die NRW-Polizei war und sich auf der mittlerweile gesperrten Seite den Originaltext besorgte.
- Mein Parteibuch hat die selbe Version online, daher gehe ich von der Echtheit dieser Variante aus, obwohl hier zugegebenermaßen durch gegenseitiges Kopieren natürlich auch eine Fälschung verbreitet werden könnte - Ganz bewusst Konjunktiv, Nobody is perfect.
- Die RTL-Version
Nachträge
Am 26.06.2004 schrieb der User "ResistantX" (der Nick des Amokschützen) im Forum der Homepage "Das Beratungsnetz" (nur noch im Google-Cache):
Also Hallo,
...wo soll ich anfangen... vielleicht im 7. Schuljahr: Ich war in eine Klasse, in der ich 3 gute Freunde hatte. Ich bin pappen geblieben.
Dann kam ich in eine andere Klasse, wo die Leute schon was besser waren als vorher. Mit der Klasse machte ich das 7. und das 8. Schuljahr. Im 8. blieb ich wieder pappen.
In der Klasse in der ich jetzt bin ist es einfach scheisse. Die Kinder sind zur Hälfte kindisch oder Halbstark. Nur wenige sind in Ordnung. Aber nun zurück zur 7.(2)Klasse: Ich denke das der ganze Dreck damit anfing, das einer von der Hauptschule (Ich bin auf real) nach Schulschluss zur unserer Schule kam, und mich schlagen wollte, keine Ahnung warum, vielleicht hat ihm meine Gesicht nicht gepasst, oder ich stand auf seinem Schatten.
Ich habe mich versteckt, seitdem hatte Ich Angst. Diese Angst schlägt so langsam in Wut um. Ich fresse die ganze Wut in mich hinein, um sie irgendwann auf einmal rauszulassen, und mich an all den Arschl**hern zu rächen, die mir mein Leben versaut haben. Ich meine diese "ganz harten", die meinen sie müssten mit 12 in der Ecke stehen und sich zuqualmen. Das sin die die immer nur auf die schwächeren gehen können.
Für die, die es noch nicht genau verstanden haben: Ja, es geht hier um Amoklauf!
Ich weiss selber nicht woran ich bin, ich weiss nicht mehr weiter, bitte helft mir.
Anderthalb Jahre (korrigiert am 24.11. - Hansi) später steht folgender Beitrag von "Resustantx" als Antwort im Thread:
Hmmmmmm...oh mann! Da gebe ich mal meinen Namen bei google ein und komme auf sowas...
Dachte diesen Post von mir gäbs gar net mehr
Naja was soll ich sagen, mir gehts besser. Ich bin nun im 10ten Schuljahr und denke ich schaffs. Danach gehst warscheinlich zum Bund, mal gucken ob ich da dann eine Ausbildung anfange.
o.O wenn ich mir meinen Post mal wieder durchlese kommt mir das echt bissl dämlich vor^^
Ich denke ich habe damals wohl etwas übertrieben
Klar ist man bei sowas sauer, aber ich habe gemerkt das ich letztendlich selbst Schuld hatte das ich 2 mal sitzen geblieben bin.
Na dann, liebe Grüsse
Resistant
achja: Ich musste mich neu anmelden, da mein anderer Nick nicht funktionierte..ka warum.
Wer jetzt denkt ich sei nen "Betrüger", dem kann ich meine "Echtheit" gerne per mail beweisen
resistantx@stay-differnt.de
- Hier ist noch ein Mirror der Website stay-differernt.de einsehbar, inklusive des original Abschiedsbriefes.
- An dieser Stelle kann man sich die Selbstinszenierung des Amokläufers bei Google-Video ansehen.
