Die andere Stadt (Frankfurt am Main)

Dienstag, 18. Juli 2006 ~ Kommentier mich...(0) ~ Twitter mich...

Manchmal sehe ich aus meiner Zelle hinaus über den Garten vorm Haus. Dort entlang verläuft eine Straße, Büsche verdecken mir den Blick, nur ein kleines Guckloch geben sie frei. Hinter dieser Straße ist eine Siedlung, klein, zutiefst fachwerkimitierend, cappucinobraun backsteingefliest, mit Kirche. In ihr wohnen Menschen. Lichter flackern aus ihren Fenstern. Die Büsche vorm Haus duften nach irgendeiner Substanz, die auch in Kosmetik steckt. Die Frauen der Siedlung wiederum duften im Supermarkt nach den Büschen vor meiner Zelle.

Zutiefst, zutiefst! Spreizer!

Wo die Straße hinführt, weiß ich. Wenn man auf ihr entlang die Stadt verlässt, kommt nach einer langgeszogenen Rechtskurve schon die Autobahn, bestehend aus hunderten von Kilometern grauer und feindlicher Asphaltierung. Felder links und rechts. Grenzen, die keine mehr sind. Halbe Strecke Pause. Hat man die ganze Strecke geschafft, bedeutet das einzig die Vorbereitung aufs erneute Abfahren.

20 Mark blasen, 50 ohne.

Die Verbundenheit mit Details macht das klare Denken unerträglich. Hier erinnert mich der Geruch der Büsche vor meiner Zelle an Sommer, Hitze, Krankheit. Der Sommerhitzenkrankheitsgestank zieht in alle Ritzen, er ist wie der allmächtige Gott (St. Olfaktor) in jedem Atom meiner Umgebung. Dort sticht mir die Ausdünstung einer schimmligen Altbauwohnung in die Nase. Verfall und Kosmetik bestimmen mein Dasein. Wie das der Frauen aus der Siedlung.

Indressierd doch ehj keen!

Neben und unter mir leben entweder junge oder alte Männer. Mit beiden kann ich nichts anfangen, obwohl mir das Ausnutzen ihrer Einsamkeit mein Dasein versüßt. Während der Eine sich auf stundenlangen Autofahrten vom automatisierten Nichtssagen meines Zerebralkomplexes aushalten lässt, kommt der Andere auf seine Kosten, wenn er einem "Jungspund" sein Leben ungefragt referieren darf. Menschenmüll, der bunten, entlebten, entleerten Seelen-Tetrapacks eine Füllung aus Fußschweiß und Bierdunst mit auf den Weg gibt. Alles fahl.

Ei guude, wie dann?

Manchmal sehe ich Autos durch mein Guckloch. Neues Material, das der Moloch zu Gedankenmumien shreddern kann. Dicke Brille, kurzer Schwanz. Manchmal träume ich von Wiesen, großen Städten, die niemanden brauchen, ausser sich selbst, von der Idee eine Katze zu sein. "Sapere aude!". Fick dich ins Knie, du Gnom! Kommst ewig nicht aus deinem Kaff raus und erzählst mir was von Moral in und den tollen Sternen über dir?! Verrat mir lieber, wer mich beklaut hat! Liste der gestohlenen Gegenstände:

  • 1x Unbeschwertheit
  • 1x Flexibilität (fast neu!)
  • 1x Lächeln (große Packung)
  • 2x klare Gedanken
  • 1x Lebensbejahung

Später wird man festellen, dass die Hälfte der Gegenstände mir nie gehörte. Sie rochen anders.

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Dieser Beitrag stammt von der Internetseite http://www.flohbu.de und wurde am 6. Juli 2009, um 22:28 Uhr ausgedruckt. Alle Inhalte unterliegen der Creative Commons Lizenz. Es ist Ihnen gestattet, das Werk zu vervielfältigen, zu verbreiten und öffentlich zugänglich zu machen. Zu den folgenden Bedingungen: