Sozial ist...

Mittwoch, 28. Juli 2010 ~ Kommentier mich...(3) ~ Twitter mich...

...was Arbeitsplätze schafft. Installation der Neuen Leipziger Baumschule anlässlich der Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika.

jobulani

Unbekannter Mitarbeiter, ausgestellt in einem Leipziger Kaufhaus.
Zirka 30x20 cm, Toner auf Kopierpapier. Schätzpreis: auf Anfrage.
Ohne Bälle.

Ernteschlacht

Samstag, 24. Juli 2010 ~ Kommentier mich...(0) ~ Twitter mich...

Das Ministerium für Planschbecken, Windmühlen und Balkonbepflanzung vermeldet auch in diesem Jahr wieder Leistungssteigerungen auf dem Sektor der heimischen Agrarwirtschaft im dreistelligen Prozentbereich.

Im Gegensatz zum Vorjahr konnte bereits im Juli das Ernteeinkommen im Bereich Solanum lycopersicum um 100% gesteigert werden. Zu verdanken ist dies vor allem dem unermüdlichen Einsatz der Saat- und Erntehilfstruppen, welche sich im Kampf um die Versorgung der Bevölkerung mit Frischgemüse erneut als stabiler Eckpfeiler erwiesen haben.

Besonders hervorzuheben ist die Abteilung des Pionierhauses "Fritz Hanschmann", die praktisch im Alleingang das vollständige Einfahren des angefallenen Erntegutes übernommen hat. Mit solch jungen, tatkräftigen Talenten an unserer Seite haben wir auch in Zukunft die besten Karten im Wettlauf gegen die drohende Unterversorgung!

gez. Schubelgruber
Kreisleitung Süd-Ost, 3. Etage, wenndedavorstehst rechts

Die Melodik des Klassenkampfes

Freitag, 23. Juli 2010 ~ Kommentier mich...(0) ~ Twitter mich...

Das "Solidaritätslied" von Berthold Brecht, hier in einer Interpretation ivorischer Germanistik-Studenten.

Hätte nie gedacht, dass sich Begriffe wie Solidarität oder Proletariat so gut anhören können. Uns wurde in der Schulzeit das Vokabular des kommunistischen Widerstands bis zum Erbrechen eingetrichtert. Gerade so, als wolle man eine Katharsis herbei führen, damit Heimat, Freundschaft, Tapferkeit als steril gereinigte, vollständig entleerte Elementarbegriffe von ihrem Inhalt abgelöst, und in beliebig anderen Kontexten verbogen werden konnten.

Eigenartigerweise sprach man aber nie von echtem Mitgefühl. Oder bedingungsloser Liebe. Nur von Opfern. Nie von Lohn. Gern von Tätern, jedoch selten von Ursachen; viel mehr vom Kämpfen als vom Versöhnen; lieber vom Siegen werden als vom Frieden halten. Und natürlich auch von Fehlern und Bedrohung und Verkommenheit, vorzugsweise denen der und durch die Anderen.

So viel gerechte Aufrichtigkeit im ewigen morgen. Das hält ja auf Dauer keiner aus.

(Weitere Infos auf lokalrunde.org)

Vom WIR zum ICH zum MEINS! (Ein Bedauern)

Montag, 19. Juli 2010 ~ Kommentier mich...(0) ~ Twitter mich...

Es wäre zu schön gewesen: Gemeinsames Lernen bis in die sechste Klasse hinein, erst dann die Entscheidung für Gymnasium oder Stadtteilschule. Doch nirgendwo schmeckt der Konjunktiv bitterer als in dieser Einleitung, deutet sie doch an, was in Deutschland so fundamental schief läuft.

Die Angst der Mittelschicht vorm Absturz

Vielleicht ist es nur ein Kreisen um offenkundige Symptome, doch wenn diese so überdeutlich erkennbar sind, ist der Schritt zur eigentlichen Diagnose nur noch ein Kinderspiel. In Deutschland lebt eine soziale Mittelschicht, die sich bedroht fühlt: Von Arbeitslosigkeit, Kontrollverlust über das eigene Leben und schlussendlich dem Abstieg. Das gesellschaftliche Miteinander ist eine schiefe Ebene, die nur von oben nach unten zu führen scheint. Ein Impuls, der für Gleichgewicht sorgen könnte? Nirgendwo in Sicht.

So scheint es fast zwingend, dass das diffuse Gefühl der Bedrohung in handfeste Furcht übergeht, die nicht nur durch die vollkommene Abwesenheit von Mut gekennzeichnet ist, sondern auch einen Verlust an Rationalität mit sich bringt und dem Willen zu langfristig objektiven Konzepten im zuverlässig im Weg steht. Wer zu erst schießt, stirbt zu Letzt. Wer noch nach unten abgrenzen kann, ist aktiv, und wer heute aktiv ist, vorzugsweise im eigenen Auftrag, wird auch heute nicht zum Opfer. Morgen? Was soll das sein?

Der unerschütterliche Glaube an sich selbst

Können Sie sich vorstellen, dass der Flieger, in dem Sie Ihre Urlaubsreise antreten, abstürzt? Ich meine damit keine stille Befürchtung im hintersten Kämmerchen der Seele, sondern spreche von einem Glauben an die realistische Chance. Nein? Das passiert immer nur anderen, nicht wahr? Und sind wir doch mal ehrlich: Wir kennen ja noch nicht einmal im Regelfall Menschen, die Menschen kennen, in deren Umfeld so etwas passiert wäre.

Ähnlich verhält es sich bei den ängstliche Eltern des Mittelstands. Die Angst, schlechte Schüler könnten die guten Schüler hemmen, ja sogar in ihrer freien intellektuellen Entwicklung irreparabel behindern, besitzt deshalb eine so mächtige Wirkung, weil alle Eltern fest davon überzeugt sind, dass ihr Kind zur Kohorte der guten Schüler gehören wird - die Idee, dass der eigene, leistungsschwache Nachwuchs von einem längeren gemeinsamen Lernen profitieren könnte, wird ebenso verdrängt wie die Bilder einer zerschmetterten Boeing 747.

Ich werde jetzt nicht darüber sprechen, ob das gemeinsame längere Lernen von Klasse Eins bis Sechs empirisch belegbare Vorteile von signifikanter Größenordnung hervor bringt. Einerseits wäre dies nur eine weitere Statistik unter vielen, andererseits würde es lediglich desillusionierend den Tümpel beleuchten, der sich Erziehungswissenschaft nennt und seit Jahrzehnten zuverlässig das Gas "Jedes Kind ist anders. Hüten Sie sich vor so genannten Patentrezepten!" ausdünstet. Aber im Hinblick auf andere Faktoren wäre die Verlängerung der gemeinsamen Zeit meines Erachtens ein Quantensprung gewesen.

Herkunft entscheidet

Die PISA-Studien haben es jedes Mal bestätigt: In keinem anderen Teilnehmerland ist die Korrelation von sozialer Herkunft und Bildungserfolg so groß wie in Deutschland. Die Rechnung ist einfach: Wer im Alltag über fest eingeschlagene kulturelle Eckpfeiler verfügt, materielle Voraussetzungen wie Bücher und Zeitungen im Haus hat, mit seinen Kindern Tierparks und Theateraufführungen besucht, und das Gebäude namens Schwimmhalle nicht nur von außen kennt, hat schon erste Schritte heraus aus dem Dunstkreis des Privatfernsehens getan. Wer darüber hinaus den Wert von gehobener Kommunikation erkannt hat, verbittet sich von vornherein aggressive Wortkaskaden im Kinderzimmer - alles zu Lasten von Couchkartoffeltum und Playstationitis.

Eine längere Grundschulzeit hätte hier einen Schritt in die soziale Homogenität bedeutet. Das Kind der Erwerbslosen hätte längere Zeit mit den Kindern des Schichtarbeiters, des Selbstständigen und des Akademikers verbracht - und letztgenannte wiederum mit dem, welches in der romantischen Nomenklatur der Soziologie als Prekariat bezeichnet wird. Vielleicht lag genau hier die Sollbruchstelle des sozialen Status und damit der Ausweg aus dem Teufelskreis von geerbter Vergangenheit und determinierter Zukunft.

Sechs Jahre lang hätten Kinder voneinander lernen, Unterschiede und Gleichheiten entdecken können. Gratis. So aber wird frühstmöglich nach schulischer Leistungsfähigkeit selektiert, ohne dass irgend jemand mal beleuchtet hätte, was das denn sei, dieses Leistung im Bereich des Schulischen. Gut rechnen? Schnell Lesen? Schön Schreiben? Ich weiß es nicht. Ebenso wenig wie alle anderen Pädagogen, die sich auf einer Ebene mit ihrem Beruf befassen, die über das amtliche Verteilen von Kopfnoten hinaus weist.

Die Mär von der Durchlässigkeit

Rein theoretisch ist es strukturell zwar möglich, dass man nach dem Besuch einer Förderschule als Professor in einer Universität lehren kann, doch praktisch ist schon der Schulwechsel zwischen zwei Bundesländern eine Odyssee. Wer einmal in der Hauptschule sitzt, bleibt dort normalerweise auch. Dagegen bedeutet der Besuch eines Gymnasiums noch lange keine Garantie für das erreichen des Zieles "Abitur und Hochschulstudium". Der Trend geht von oben nach unten, der Abstieg ist der Regelfall, ein Aufsteigen die Ausnahme.

Wer das Geld hat, leistet sich einen intellektuellen Rettungsschwimmer. Sollte dies Fehlen und auch die eigene Brillanz vor dem Erklären quadratischer Gleichungen kapitulieren, wird jeder Appell an den Fleiß des scheiternden Oberschülers verpuffen, wohl wissend, dass Schule nicht der Raum ist, in welchem Defizite vergeben werden.

Würde die Entscheidung über die angemessene Schulform später, also weit nach der vierten Klasse, gefällt werden, könnten entwicklungspsychologische gültigere Aussagen getroffen werden. Zwar steht das zwölfjährige Kind mit der Pubertät vor einem umwälzenden Stadium seiner Genese, doch die kognitiven Reifeprozesse, also das, worauf es in der Schule ureigens ankommt, sind dann deutlich besser einzuschätzen als bei einem Zehnjährigen. Sage nicht nur ich, sondern der Großteil der Grund-, Mittel- und Gymnasialschullehrer sowie alle Entwicklungspsychologen, die ich bisher kennenlernen durfte.

Das Verhältnis von Eltern und Schule

Das Dilemma der Schule? Jeder war mal auf einer. Ergo hat jeder Erfahrungen gesammelt. Ergo kann jeder mitreden. Ergo fühlt sich jeder als Experte berufen. Und in einer Talkshowkratie ist das schließlich die Kernkompetenz schlechthin. Jeder kann sich gut vorstellen dass..., denkt dass..., schätzt mal dass..., kann aus eigenem Erleben schildern dass... usw. Von Wissen ist hier keine Rede mehr; der Vatikan würde angesichts solch einer Anzahl von Glaubensbekenntnisse aus dem Jubeln nicht mehr herauskommen.

Engagierte Eltern wollen naturgemäß für ihren Nachwuchs Nur das Beste! Im Bereich der Schule wird dies mit einem Schulabschluss gleich gesetzt, der bitte schön anständig zu sein hat. Das Abitur als Eingangstor zum Hochschulstudium, akademischer Titel als Synonym für gesellschaftlichen Aufstieg oder wenigstens als Sicherungshaken in der bestehenden Struktur. Wer sich nur genug anstrengt, hat den Verbleib an der Sonne verdient - meint man, und übersieht damit, dass Abschluss keine Äquivalent zu Bildung ist.

So verwundert es auch wenig, wenn für das große Ziel alles getan wird. Wirklich: Alles. Es dürfte mittlerweile kaum noch Schulleiter geben, die sich nicht schon einmal mit ADVOCARD bewaffneten Eltern auseinandersetzen mussten; ebenso wenig dürften Lehrer aufzutreiben sein, denen aufgebrachte Väter und Mütter ihr Verständnis von Pädagogik im schmeichelhaften Drohton der spanischen Inquisition näher brachten. Nicht vergessen werden sollen hier aber auch die Lehrer, die sich einen Scheiß um das kümmern, was Eltern ihnen vortragen. Was wissen die schon. Die haben das ja nicht studiert.

Kurzum: Das Verhältnis ist stellenweise vergifteter als der Golf von Mexiko. Nur mit dem Unterschied, dass es hier niemand wagt, einen Verschluss auf die unterseeische Quelle namens "Wir meinen es doch nur gut!" zu montieren. Nicht weil es unmöglich wäre, ganz im Gegenteil. Aber es fehlt schlichtweg die Rationalität als Spielwiese für solche Konflikte. Die Abstiegsangst hat das Gras verdorren lassen, es wird nun noch gegeneinander gebolzt. Nachhaltig und hinterrücks.

Was kann längere Grundschulzeit hier leisten? Augenscheinlich nichts. Und doch bin ich der Meinung, dass sechs Jahre in der Eingangsschulstufe den Zeitdruck nehmen, der die Schulzeit zu einer Rallye hat verkommen lassen. Denn es ist ja nicht so, dass die Entscheidung über die weiter führende Schulform am Ende der vier Jahre gefällt wird. Der Startschuss für das Wiegen und zu leicht Befinden fällt bereits in Klasse drei. Vor 36 Kalendermonaten war das Kind noch ein verspielter Kindergartenzögling und nun wird darüber befunden, wie durch welches Loch im sozialen Sieb der eigene Nachwuchs zu fallen hat. Wahnsinn ist da noch eines der milderen Worte, die mir hierzu einfallen.

Bildung: Schlachtfeld der Ideologien

Ja, es ist eine Binsenweisheit, dennoch sollte sie hier Erwähnung finden. Schule ist ein politisches Minenfeld, das über die letzten fünf Jahrzehnte eifrig bestückt wurde, ohne sich Gedanken um einen Plan zu machen, auf dem notiert wird, wo die einzelnen Sprengsätze liegen; ganz zu schweigen von den Überlegungen welche langfristige Wirkung sie haben könnten.

Rechnerisch besucht ein Abiturient drei Legislaturperioden lang die Schule. Und selbst wenn hier Kontinuität einzöge, man sich also mehr für das Erkunden als das Neuanlegen der Minen entschiede, wäre noch genug Konfliktpotenzial seitens derjenigen vorhanden, die das schon immer so gemacht haben und derer, die das jetzt mal radikal neu denken wollen.

Das Bequeme an dieser Konstellation: Schlägt das eigene Konzept fehl, lag es immer an den schädlichen Einflüssen der Anderen. Was Hamburgs Vorstoß so sympathisch machte, war die Tatsache, dass sich zum ersten Mal alle einig waren. Sowohl das Regierungsbündnis aus CDU und Grünen, als auch die Oppositionsparteien SPD und Linke wollten die Reform. Nur Teile der Bürger nicht. Und wenn man sich das Abstimmungsverhalten betrachtet, kann man nur traurig den Kopf schütteln: Die Wohlhabenden waren in der Lage zu mobilisieren und das war gestern ausschlaggebend. Diejenigen, die am meisten profitiert hätten, sind so gut wie nicht bei der Abstimmung erschienen.

Die größte Ungerechtigkeit dürfte aber die Tatsache sein, dass der dritten Gruppe qua Migrantenstatus überhaupt keine Möglichkeit zur Abstimmung offen stand. Doch genau deren Kinder wären es gewesen, die am meisten gewonnen hätten. Welche Zukunft bleibt ihnen in einem System, dass ihr Scheitern später mit einem larmoryanten "Selbst Schuld - Hättest mal besser aufgepasst!" zu würzen weiß?

Was bleibt?

Wer sich nach unten abgrenzt, kann eigentlich nur der Meinung sein, nicht unten zu sein. Wer einen status quo zementiert, der nachweislich Ungerechtigkeiten produziert, kann das eigentlich nur wollen, wenn er sich auf der Seite der Gewinner dieses perfiden Spiels wähnt. Meine prophetische Begabung ist begrenzt, dennoch lasse ich mich zu einer Prognose hinreißen: Das alles wird gigantischer Bumerang werden. Eine Gesellschaft, die sich, weshalb auch immer, in ein oben und unten teilt, diesen Zustand aber nicht aktiv bekämpft, wird in nicht allzu langer Zeit immer höhere Wachzäune brauchen, um ihren Besitzstand zu wahren und kann schon heute mit dem Bunkerbau beginnen.

Es wäre für die einen nur eine kleine Gabe gewesen. Die mangelnde Bereitschaft in die Zukunft der Anderen investieren zu wollen, bewahrt zwar das eigene Sparschwein, wirft aber keine Zinsen ab. Es kommt der Tag, an dem das so treu gehegte Lebensmodell des "MEINS! MEINS! MEINS!" zur Debatte stehen wird; dann werden die, die nichts besitzen, am wenigsten zu verlieren haben. Ich kann mir keinen Zaun vorstellen, der hoch genug wäre, diese Welle aufzuhalten. Fragen Sie doch mal die Pariser, wie sich so eine Revoltenstimmung anfühlt. Ein Hamburger Damm wäre wegweisend gewesen. Doch diese Chance ist nun fürs erste verbrannt.


Russensommer

Samstag, 17. Juli 2010 ~ Kommentier mich...(0) ~ Twitter mich...

Die Hitze droht alles bersten zu lassen. Während die Sonne den ganzen Tag die Backsteine voll Hitze pumpt, versuchen wir in unserer Zelle das Licht draußen zu halten. Licht ist Wärme und Wärme ist der Tod. Wir warten auf die Nacht, setzen alles auf das Dunkel, hoffen auf und beten für Regen.

Braun hatte es schon vorgestern erwischt. Er heulte gegen die Tür und wimmerte nach seiner Mama, dabei pisste er sich die ganze Zeit ein. Bei Gott, ich habe bis dahin noch nie einen Menschen so lange pinkeln gesehen. Am Ende waren seine Hosen vollkommen durchgeweicht. Und rot.

"Sind Potschka", meinte Vjatscheslav. "Wenns is so warm und nix trinken, dann Potschka kaput!" Woher er das wisse? Darüber schweigt er. Überhaupt waren das seine ersten Worte seit er bei uns ist. Eine Stunde später haben sie dann das was von Braun noch übrig war, abgeholt. Seitdem stinkt es und die Fliegen sitzen überall.

Vjatscheslav steht nackt an der Wand, direkt unter dem Fenster. Er presst seinen Körper gegen die warmen Mauersteine, zählt bis einhundert, wirft sich zu Boden, pumpt zwanzig Liegestütze und legt sich dann auf den Rücken.

"Ist alles Sache von Kopf. Wenn Bauch ganz warm von Wand, dann machst ihn noch warmer. Und wenn denkst, jetzt nix mehr gehen, dann hinlegen und aaah..." - Er grinst wie es nur Russen können - "... und ist kalt wie Moroschenoje, wie Eis, verstehst?"

Heute ist Samstag. Glaube ich.


Gottesdienst. Die Kapelle ist der einzig kühle Raum in dieser verfluchten Anstalt. Der Pfarrer sagt, dass wir Fehler gemacht haben, aber das noch nicht das Ende sein müsste, denn das Ende wäre nur die unendlichste aller Entfernung von GOtt, und GOtt ist gütig genug um uns auf unserem Weg zu ihm ein Stück entgegen zu kommen, wenn wir das auch täten, und die Kraft fänden zu bereuen und zu folgen, zu folgen, Amen.

Vjatscheslav lauscht der Predigt als müsse er sie nachher in Wort und Geste wiederholen können. Ich beobachte ihn, dabei döse ich noch etwas.

"Und so mögen eure Fehler auch meine Fehler sein, und euer Scheitern mein Scheitern, und euer Leiden mein Leiden. Doch die Schuld tragt ihr allein, ihr allein, sprecht mir nach, Wir allein" - Wir sprechen ihm nach - "denn es ward euch gegeben und ihr habt abgelehnt, ohne Not seid ihr vom Pfad abgegangen, ohne Not, ihr seid abgewichen und gefallen und habt euch selbst beschädigt! Nur Treue ward verlangt, Treue und Verbindlichkeit, doch ihr wolltet nicht hören, nicht fühlen, nicht glauben und damit ist es eure Schuld, sprecht mir nach! unsere Schuld allein" - Wir sprechen ihm nach.


Unsere Zelle ist in der Zwischenzeit kleiner geworden. Die Wände nähern sich stündlich einander an; wo vor der Predigt noch ein Schränkchen stand, befindet sich nun Mauerwerk. Heißes, erstickendes Mauerwerk. Wenn wir viel Glück haben, erleben wir noch eine Predigt, aber danach sieht es wohl nicht aus. Vjatscheslav scheint von all dem nichts zu bemerken und widmet sich wieder seiner Eigenklimatisierung.

Hinter uns fällt der Riegel ins Schloss, das Geräusch schreckt die ansonsten faulen Fliegen zu einer dunklen, sirrenden Wolke auf. Mir wird es zu viel. In meinem Kopf dröhnen blechern die Worte des Pfarrers, all die Kühle half nicht mich wach zu halten, Schuld drang ein und ich merke es erst jetzt. Er hat verflucht noch einmal Recht: Es ist meine Schuld, ich habe es selbst versaut, anderen ist es nicht passiert, nur mir, nicht die anderen, bloß ich bin gestürzt. "Wer stehen bleibt, wer sich umschaut!" sagte mein VAter damals schon und Scheiße, er hatte Recht! Ihm ist das nie passiert.

Ich muss raus.

Ich bin draußen. Ich sehe mich an die Tür klopfen. Ich höre mich wimmern, es tue mir leid, sie hätten Recht, alle hätten sie Recht und alle hätten sie schon immer Recht, vollumfänglich, das weiß ich nun. Ich sehe meine Arme ermatten, sehe mein Schlagen in ein Kratzen überfließen, sehe meine Hosen nass werden, ja, ich pisse ein, das ist meine ureigene Selbstbeschädigung. Ich kann mich nicht mehr ansehen. Ich drehe mich um. Ich verwandle mich in eine Fliege, nein, eine Nachtlibelle, nein, eine Fledermaus, nein, einen Vogel. Ich bin ein Wind der durch die engen Gitterstäbe zieht, vorbei an Vjatscheslav, der gerade die sjemdesjat, wosjemdesjat, девяносто, chundert! passiert.

Und weg.


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Dieser Beitrag stammt von der Internetseite http://www.flohbu.de und wurde am 6. Juli 2009, um 22:28 Uhr ausgedruckt. Alle Inhalte unterliegen der Creative Commons Lizenz. Es ist Ihnen gestattet, das Werk zu vervielfältigen, zu verbreiten und öffentlich zugänglich zu machen. Zu den folgenden Bedingungen: